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29.06.2022

12:34

Gastkommentar – Homo oeconomicus

Ukrainische Leihmütter legen eine große Lücke im deutschen Recht offen

Wenn in einem Hotspot der gewerblichen Leihmutterschaft Krieg ausbricht, wirft das ein Schlaglicht auf ein brutales Geschäftsmodell, berichtet Uta Meier-Gräwe.

Der Krieg in der Ukraine wirft ein Schlaglicht auf ein brutales Geschäftsgebaren. dpa

Schwangere Frau

Der Krieg in der Ukraine wirft ein Schlaglicht auf ein brutales Geschäftsgebaren.

Leihmutterschaft ist Ausdruck der großen Asymmetrien und Ungleichheiten in den sozioökonomischen Lebensverhältnissen zwischen armen und reichen Ländern einer weltumspannenden kapitalistischen Ökonomie. Paaren, die in wohlhabenden Ländern ungewollt kinderlos geblieben sind, ermöglicht ein globaler Markt, gegen Geld ihren Kinderwunsch zu realisieren.

Schätzungsweise reisen jährlich etwa 15.000 Paare aus Deutschland ins Ausland, um eine Leihmutter zu beauftragen. Seit in mehreren asiatischen Ländern, darunter in Indien und Thailand, die Gesetzeslage verschärft wurde, ist die Ukraine zu einem „Hotspot“ für kommerzielle Leihmutterschaft geworden.

Während es in Deutschland unter Hinweis auf Frauenrechte und Menschenwürde verboten ist, für andere ein Kind auszutragen, ist Leihmutterschaft in der Ukraine legal. Zudem ist dort die Übertragung der Elternschaft auf ausländische Paare, allerdings nur auf heterosexuelle, vergleichsweise unkompliziert.

Agenturen vermitteln zwischen Wunscheltern und Leihmüttern. All-inclusive-Angebote kosten zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Am Black Friday 2021 warb die größte ukrainische Leihmutteragentur BioTexCom mit drei Prozent Rabatt – in der freien Marktwirtschaft wird alles zur Ware.

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    Osteuropäische Leihmutterschaft und der Umgang damit ist nicht erst ein Problem, seit Babys und Schwangere in Bunkern sitzen müssen. Der Krieg in der Ukraine wirft allerdings ein Schlaglicht auf ein brutales Geschäftsgebaren.

    Ukrainische Leihmütter betreten in Westeuropa rechtliches Neuland

    Um der Flucht der ukrainischen Leihmütter ins Ausland entgegenzuwirken, stellte BioTexCom noch vor Kriegsausbruch ein Video von einem Luftschutzbunker ins Netz, das den schwangeren Frauen versichern sollte, dass es ihnen auch im Krieg an nichts fehlen würde.

    Mit der Realität hatte das allerdings wenig zu tun. Eine der Leihmütter, die ein Kind im Bunker zur Welt gebracht hat, berichtete der Deutschen Welle, dass sie drei Tage lang nichts von der Agentur gehört habe. Als dann endlich Firmenmitarbeiter eintrafen, hätten diese lediglich die Babys der Leihmütter abgeholt – ohne Essen und Wasser für die Mütter mitzubringen.

    Ukrainische Leihmütter, die nach Westeuropa geflohen sind, haben damit rechtliches Neuland betreten. Denn in vielen Zufluchtsländern wird eine Frau durch das Gebären automatisch zur Mutter eines Kindes. Es spielt dabei keine Rolle, dass sie als Leihmütter genetisch nicht mit dem Kind verwandt sind.

    Soziologin Uta Meier-Gräwe Gleichstellungsbüro Freiburg

    Uta Meier-Gräwe

    Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung.

    Auch in Deutschland kämen Leihmütter durch die Geburt in die groteske Situation, Mutter eines Kindes zu sein, das sie nie haben wollten. Komplizierte Adoptionsgesetze machen die Leihmütter bis zum Abschluss einer Adoption allein verantwortlich für das Wohl des Kindes. Ihre finanzielle Lage spielt dabei keinerlei Rolle.

    Nicht nur wegen solcher und anderer rechtlicher Komplikationen drängen Leihmutterfirmen auf Rückkehr in die Ukraine vor dem Geburtstermin. Sie wollen dadurch vielleicht auch verhindern, dass problematische Interna über ihr ausbeuterisches Geschäftsmodell an die Öffentlichkeit gelangen. Da den Leihmüttern die letzte und höchste Rate erst nach Geburt des Kindes ausgezahlt wird, haben die Agenturen ein starkes Druckmittel in der Hand.

    Deutschland steht in der Verantwortung und muss kurzfristig vereinfachte Aufnahmeregelungen für Leihmütter und ihre Neugeborenen aus der Ukraine schaffen, aber auch mit einem unbürokratischen Adoptionsverfahren reagieren, sodass diese Frauen ohne Ängste bei uns einreisen und bleiben können.

    Gleichzeitig gehören die verlogenen Praktiken der bundesdeutschen Politik auf den Tisch: Es geht nicht an, dass Leihmutterschaft unter Hinweis auf Frauen- und Menschenrechte bei uns offiziell verboten ist, aber wegen diverser Gesetzeslücken die Umgehung dieses Verbots ein lukratives und leicht zu nutzendes Geschäftsmodell darstellt.

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