Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

27.05.2022

11:00

Kolumne Asia Technonomics

Darum bleiben Japans Autobauer dem Verbrennungsmotor treu

Von: Martin Kölling

Klimaschützer werfen Toyota, Honda und Nissan vor, zu wenig auf Elektroautos zu setzen. Doch die Japaner finden gute Argumente für den Verbrennungsmotor.

Halbleiter, Chip Klawe Rzeczy

Asia Techonomics

In der wöchentlichen Kolumne schreiben wir im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

Tokio Unter den Befürwortern der Elektromobilität wird gerne gegen die japanischen Autohersteller gewettert. Zuletzt kritisierte der Klima-Thinktank InfluenceMap die Strategie von Toyota, Nissan und Honda: Die Hersteller seien am schlechtesten auf den Wandel zur emissionsfreien Mobilität vorbereitet. Besonders Toyota werbe als weltgrößter Hersteller weiterhin für klimaschädliche Verbrennungsmotoren. Doch wie berechtigt ist diese Kritik wirklich?

Erstens stützt sich InfluenceMap auf eigene Einschätzungen und Verkaufsvorhersagen von Analysten, IHS Markit, um genau zu sein. Die Differenz zwischen den Prognosen der Konzerne und den Erwartungen der Studie sind groß: Die Marktforscher gehen davon aus, dass Toyota im Jahr 2029 nur magere 14 Prozent des Absatzes mit batterieelektrischen Autos erzielen wird. Der Autobauer rechnet hingegen damit, dass 2030 jeder dritte Toyota batterieelektrisch fährt. Eine Kluft, die kaum zu erklären ist und ein Abwenden vom Verbrennungsmotor suggeriert.

Zweitens planen die Japaner – anders als Elektropionier Tesla, der bei InfluenceMap die Bestnoten erhält – auch die Produktion von erschwinglichen Elektroautos. Zuletzt enthüllten Nissan und Mitsubishi einen viersitzigen Mini-Stromer, den es schon ab etwa 13.000 Euro geben soll. Damit Elektromobilität massentauglich wird, braucht es solche Modelle.

Drittens, und vor allem, setzen die Japaner nicht auf plakative Pläne, sondern auf realistische Prognosen. Sie wollen die finanzielle Nachhaltigkeit ihrer Unternehmen mit der ökologischen Nachhaltigkeit vereinen. Langfristig wohl auch ohne Verbrennungsmotor. Ihre Art zu denken führt daher oft zu Missverständnissen, was aber nicht heißt, dass sie Klimaschutz nicht mitdenken würden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Zahlen, die die japanischen Hersteller präsentieren, sind meist keine Ziele, die man sich steckt, sondern Vorhersagen des regionalen Käuferverhaltens. Diese sind meist – typisch japanisch – sehr konservativ. Für die Japaner ist nach diesen Vorhersagen noch keineswegs ausgemacht, welche Antriebsart in welcher Weltregion das Rennen machen wird.

    Weniger Verbrennungsmotor, mehr Klimaschutz

    Der Vizechef von Renaults Partner Nissan, Ashwani Gupta, erklärte jüngst in einer kleinen Presserunde: „Aus der Sicht von Investoren und Kunden ist es zu früh für uns zu sagen, dass wir nur in eine Richtung marschieren.“ Toyota-Chef Akio Toyoda spricht sich noch vehementer gegen technologische Monokultur bei der Motortechnik aus. „Wir glauben, dass es in unsicheren Situationen besser ist, sich Optionen offen zu halten und flexibel zu reagieren“, sagte Toyoda Ende des vergangenen Jahres.

    Die hohen Gewinne nutzt Toyota dazu, mehr Antriebsarten auf die Straße zu schicken als jeder andere Konzern. Die Premiummarke Lexus soll in den Märkten USA, Europa und China bis 2030 vollständig batterieelektrisch aufgestellt werden. Neben Elektroautos entwickelt der Konzern aber auch Hybridautos und Verbrennungsmotoren, die mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden, und Brennstoffzellen weiter. Sogar einen Wasserstoffverbrennungsmotor hat Toyota zuletzt bei einer Rallye ins Rennen geschickt.

    Die Japaner fühlen sich ihren Kunden verpflichtet, auch denen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Daher rechnen Toyota, Nissan und Mitsubishi damit, dass Hybride und eingeschränkt Verbrennungsmotoren außerhalb Europas, Chinas und der Küstenstädte der USA noch eine Zukunft haben werden – auch ökologisch. Denn in Entwicklungsländern dürfte der Strom noch lange mit Kohle, Öl und Gas erzeugt werden.

    Toyota, Nissan und Honda rechnen mit Batteriemangel

    Mit ihrer technologieoffenen Strategie wappnen sich die Konzerne auch gegen künftige Krisen: Das Analyseunternehmen GlobalData sagt ab 2025 einen „ernsthaften“ Batteriemangel voraus, der die Elektroautooffensiven vieler Hersteller ausbremsen könnte. Die Unsicherheiten werden durch den Ukrainekrieg und den Konflikt zwischen China und den USA weiter zunehmen und die Lieferketten belasten.

    Viele weitere Fragen sind aus Sicht der Japaner ungeklärt: Wo kommen morgen die Rohstoffe für Akkus her? Wer kann heute noch sagen, ob es morgen politisch opportun ist, Batterien aus China zu beziehen – oder Autos in China zu verkaufen? In dieser Unsicherheit halten sich die Japaner mehrere Optionen offen und stellen ihre Unternehmen besonders agil auf. Denn für Toyota-Chef Toyoda ist Reaktionsschnelligkeit das neue Überlebensrezept: „Es ist wichtig, dass wir flexibel reagieren können.“

    Dieser Artikel erschien zuerst am 25.05.2022 um 11:15 Uhr.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×