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08.06.2022

10:45

Halbleiter, Chip Klawe Rzeczy

Asia Techonomics

In der wöchentlichen Kolumne schreiben wir im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

Asia Techonomics

Amazons Marktmacht brechen: Indien wagt ein einzigartiges Experiment

Von: Mathias Peer

Große Plattformen bestimmen die Regeln der digitalen Marktplätze – oft zum eigenen Vorteil. In Indien könnte dieser Vorteil durch ein Vorhaben kippen.

Bangkok Indien wagt ein bislang einzigartiges Experiment, und es dürfte jeden interessieren, der die Marktmacht von Amazon bedrohlich findet. Die Regierung des 1,4 Milliarden Einwohner großen Landes will der tonangebenden Plattform des US-Konzerns ein eigenes Modell entgegensetzen. Dieses Vorhaben ist weit weniger vermessen, als es zunächst wirkt: Das Land hat Erfahrung darin, die Digitalwirtschaft aufzumischen – und ihr einen Schub in die richtige Richtung zu geben.

Der Ausgang des indischen Versuchs könnte globale Signalwirkung entfalten. Das nach China bevölkerungsreichste Land der Welt gehört zu den vielversprechendsten Wachstumsmärkten der Branche. Dank günstiger Smartphones und Datentarife, die so billig sind wie an kaum einem anderen Ort, nimmt das Interesse an Online-Shopping rasant zu. Laut Indiens Wirtschaftsförderungsagentur IBEF dürften die Umsätze der E-Commerce-Unternehmen in diesem Jahr um mehr als 20 Prozent auf 75 Milliarden Dollar wachsen – und laut Prognose bis 2030 auf 350 Milliarden Dollar steigen.

Derzeit geht ein Großteil des Geschäfts auf das Konto zweier Unternehmen: Amazon und Flipkart, einer Tochterfirma des Einzelhandelskonzerns Walmart. Obwohl die beiden US-Unternehmen Milliardensummen auf dem Subkontinent investiert haben, konnten sich indische Politiker und lokale Wirtschaftsvertreter nie so recht mit ihnen anfreunden. Sie werfen den E-Commerce-Riesen vor, ihre Dominanz auszunutzen und den Online-Wettbewerb zu verzerren. In den Online-Marktplätzen der Konzerne würden einige große Händler massiv bevorzugt, kleinere Anbieter über Kampfpreise verdrängt.

Amazon und Flipkart betonten stets, sich an alle Gesetze zu halten – und es sind auch keine rechtlichen Schritte, mit denen die Regierung den Unternehmen nun beikommen möchte. Stattdessen macht sie Käufern und Verkäufern ein Gegenangebot. Das trägt den sperrigen Namen Open Network for Digital Commerce (ONDC) und tritt mit einem ambitionierten Anspruch an: Es will Indiens Digitalwirtschaft so umformen, dass das Recht des Stärkeren nicht länger bestimmt, wer die besten Verkaufschancen hat.

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    Online-Marktplätze als öffentliche Infrastruktur

    Erreichen will die von Premierminister Narendra Modi unterstützte ONDC-Initiative das Ziel, indem sie die geschlossenen Online-Marktplätze zu allen Seiten öffnet. Bislang mussten sich Kunden und Händler auf derselben Plattform – etwa Amazon oder Flipkart – bewegen, um zueinanderfinden zu können. Die Plattformbetreiber haben dabei großen Einfluss darauf, wer mit wem ins Geschäft kommt.

    Über ONDC sollen angeschlossene E-Commerce-Portale hingegen alle über dasselbe Händler- und Produktverzeichnis verfügen. Wer seine Waren über ONDC anbietet, erreicht damit auf einen Schlag die Nutzer unterschiedlichster Apps und Webseiten. Der Marktplatz wird damit nicht mehr von einzelnen Unternehmen kontrolliert, sondern wird zu einer Art öffentlicher Infrastruktur, bei der faire Spielregeln den Vorrang vor der Profitmaximierung des Marktplatzbetreibers haben.

    Ein ähnliches Vorhaben ist Indien bereits geglückt: Als digitale Bezahldienste aufkamen, war deren Nutzen erst überschaubar. Wer das digitale Portemonnaie des einen Anbieters verwendete, konnte kein Geld zu Personen schicken, die eine Konkurrenz-App nutzten. Indiens Behörden lösten das Problem mit dem sogenannten Unified Payments Interface (UPI). Dahinter verbirgt sich eine einheitliche Schnittstelle für digitale Echtzeittransaktionen, die dem digitalen Bezahlen in Indien zum Durchbruch verhalf. So gut wie jedes indische Fintech läuft inzwischen auf UPI-Basis. Auch mehr als 200 Banken haben sich dem System angeschlossen.

    Asia Techonomics

    Die Kolumne

    Immer noch wird in Deutschland weitaus breiter und tiefer über Wirtschafts- und Innovationstrends aus den USA berichtet als aus Asien. Zu Unrecht, finden wir. In unserer wöchentlichen Kolumne Asia Techonomics wollen wir Ihnen deshalb die spannendsten Innovations- und Wirtschaftstrends aus der dynamischsten Region der Welt nahebringen.

    Im vergangenen Jahr hat die gesamte Region Asien dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge 1,6 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung verloren – weitaus weniger als die USA oder Europa. Im laufenden Jahr wird dieser Rückgang mit einem erwarteten Wachstum von 7,3 Prozent weit mehr als kompensiert. Damit festigt Asien seine wirtschaftliche Bedeutung für die Welt.

    Während Europa in die dritte Covid-Welle rutscht, sind die Infektions- und Todeszahlen seit Ausbruch der Pandemie in Asien weitaus besser. Nicht zuletzt die Coronakrise hat gezeigt, dass sich der genauere Blick nach Asien lohnt, um für das eigene Land zu lernen.

    Wir sehen, dass unsere Leser sich für genau diese Themen interessieren. Deshalb wollen wir mit Asia Techonomics von nun an jede Woche einen Blick werfen auf neue Technologieideen aus Japan oder China, Milliardenkonzerne, die in Südkorea oder Indonesien den Börsenmarkt aufmischen, Tech-Investitionen in den indischen Markt, Tests vom Kuschelroboter bis zum Laborfleisch-Restaurant. Viel Spaß wünscht Nicole Bastian!

    Einen ähnlichen Sogeffekt erhoffen sich die Behörden von ONDC, das vor ein paar Wochen mit einer Pilotphase in fünf Metropolen gestartet ist. Bis zum Jahresende sollen 100 Städte erreicht werden und 30 Millionen Verkäufer registriert sein. Zwei Dutzend lokale E-Commerce-Start-ups haben sich bereit erklärt, ONDC in ihre Plattformen zu integrieren. Auch Google hat indischen Medienberichten zufolge Interesse, seine Shopping-Angebote mit ONDC zu verbinden.

    Noch steht das Projekt ganz am Anfang – ob die Inder mit der ONDC-Infrastruktur ähnlich komfortabel shoppen können wie mit Amazon und anderen, muss sich zeigen. Sollte es Indien aber gelingen, eine echte Alternative zur Macht der Plattformen zu schaffen, könnte das Land auch für Europas Wettbewerbshüter zu einem bedeutsamen Ideengeber werden.

    In der Kolumne Asia Techonomics schreiben Nicole Bastian, Dana Heide, Sabine Gusbeth, Martin Kölling und Mathias Peer im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in der dynamischsten Region der Welt.

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