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05.01.2022

11:03

Halbleiter, Chip Klawe Rzeczy

Asia Techonomics

In der wöchentlichen Kolumne schreiben wir im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

Asia Techonomics

Elf Jahre nach Fukushima: Japan will die Atomkraft wiederbeleben

Von: Martin Kölling

Seit der Atomkatastrophe im Jahr 2011 schien Japans ambitioniertes Atomprogramm auf dem Weg ins Aus. Doch Regierungschef Kishida fördert es aufs Neue.

Tokio Elf Jahre nach der Katastrophe in Fukushima spricht Japan wieder über die Atomkraft. Denn der neue Regierungschef Fumio Kishida versucht, die Energieform gegen stillen, aber zähen öffentlichen Widerstand als wirksames Mittel in der Klimapolitik zu positionieren.

Schon im Wahlkampf zu den Unterhauswahlen forderte er eine Wiederbelebung der Atomkraft. Nun setzt er sein Wahlversprechen um.

So sickerte Anfang des Jahres durch, dass die staatliche Atomenergieagentur (JAEA) und der Kraftwerksbauer Mitsubishi Heavy Industries (MHI) sich am Bau eines neuen Kraftwerks des US-Atomkraftwerksbauers Terra Power beteiligen wollen, der auch von Microsoft-Gründer Bill Gates unterstützt wird. Die junge Firma will erstmals einen neuen Reaktortyp verwirklichen, der weniger aufwendig und sicherer zu betreiben sein soll – den Flüssigsalzreaktor.

Dieser Schritt würde Japans Atomindustrie nach zehn schweren Jahren wenigstens in der Entwicklung von sogenannten „Brütern“ auch ohne heimische Projekte wieder an die Weltspitze führen.

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    Schnelle Brutreaktoren galten lange als wichtiges Glied für einen geschlossenen nuklearen Brennstoffkreislauf. Denn sie erzeugen neben Strom auch weitere spaltbare Materialien und nutzen Uran weitaus wirksamer als andere Reaktortechnologien. Flüssigsalzreaktoren können theoretisch sogar mehr spaltbares Material erzeugen, als sie selbst verbrauchen.

    Angst vor Krisen: Atomstrom als Ausweg aus Ressourcenarmut

    Das ressourcenarme Japan forcierte diese Technik daher lange als Zukunftsprojekt seines ambitionierten Atomprogramms, um sich unabhängiger von Energieimporten zu machen. Das Land importiert fast alle Rohstoffe und ist damit extrem anfällig für Krisen und Kriege, die die Schifffahrt stören können. Nur erfordern die Reaktoren den Aufbau eines Plutonium-Kreislaufs und erwiesen sich als schwer realisierbar.

    In den vergangenen Jahren war die eigene Forschung ins Stocken geraten. Japans Forschungsreaktor Monju produzierte seit 1994 wegen zweier Störfälle nur für 250 Tage Strom und wurde 2016 endgültig zum Abbau freigegeben. Danach versuchte Japan zuerst, die Brüterforschung mit Frankreich weiterzutreiben. Doch nachdem Paris die Pläne für einen Versuchsreaktor gestoppt hatte, setzte die Regierung auf die USA als Partner.

    Die JAEA und MHI wollen sich laut Medienberichten nicht nur mit Geld, sondern auch per Technologietransfer an dem ehrgeizigen US-Projekt beteiligen. Bis 2028 soll Terra Power einen 345-Megawatt-Reaktor im US-Bundesstaat Wyoming fertigstellen.

    Auch wenn es in Japan viele Kritiker der Atomkraft gibt: Die Regierung setzt zehn Jahre nach Fukushima erneut auf Kernenergie. AP

    Anti-Atom-Protest in Japan

    Auch wenn es in Japan viele Kritiker der Atomkraft gibt: Die Regierung setzt zehn Jahre nach Fukushima erneut auf Kernenergie.

    Nach der dreifachen Kernschmelze im AKW Fukushima 2011 schien Atomkraft, die bis dahin 30 Prozent von Japans Stroms lieferte, auf dem Friedhof der Energiepolitik zu landen. Doch nun kehrt sie zurück.

    Shinzo Abe, der frühere Ministerpräsident, wollte zwar nach seinem Wahlsieg Ende 2012 weiter auf Atomkraft als einen Pfeiler der Energiestrategie setzen. So soll sie 2030 wieder 20 bis 22 Prozent der Energie produzieren und damit dazu beitragen, die Kohlendioxidemissionen zu senken. Doch bis heute sind erst neun Meiler wieder am Netz, die ganze drei Prozent des Stroms liefern. Dafür ist der Anteil von Sonnen- und Windstrom trotz einer nur halbherzigen staatlichen Förderung bereits auf fast 20 Prozent gesprungen.

    Abes Nachfolger Yoshihide Suga schürte nach seinem Amtsantritt im September 2020 sogar die Hoffnung der Atomkraftgegner auf einen schrittweisen Atomausstieg. Denn er verschärfte nicht nur Japans Klimaschutzziele, sondern setzte mit Shinjiro Koizumi als Umweltminister und Taro Kono als Reformminister auch zwei Atomkraftskeptiker in Schlüsselpositionen ein.

    Japans Regierungschef Kishida schiebt Atomkraftskeptiker aufs Abstellgleis

    Doch Kishida entledigte sich der beiden Politiker sofort nach Amtsantritt und übergab die Federführung der Energiepolitik wieder ans atomfreundliche Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie. Die Entscheidung war wegweisend. Denn Japans Regierung will dieses Jahr eine neue nationale Sicherheitsstrategie verabschieden, möglicherweise mit weitreichenden energiepolitischen Entscheidungen.

    Energiepolitik solle bei der Diskussion über die nationale Sicherheit eine prominente Rolle spielen, fordert beispielsweise Narumi Shibata, Expertin der Asia Pacific Initiative (API), eines wirtschaftsnahen japanischen Thinktanks. „Japan, das über wenig Ressourcen verfügt, sollte so viele Energiequellen wie möglich zur Verfügung haben“, sagt sie. Also auch Atomstrom.

    Am 11. März 2011 ereigneten sich nach einem Erdbeben und einem Tsunami mehrere Kernschmelzen im Atomkraftwerk Fukushima 1. dpa

    Kraftwerkskatastrophe von Fukushima

    Am 11. März 2011 ereigneten sich nach einem Erdbeben und einem Tsunami mehrere Kernschmelzen im Atomkraftwerk Fukushima 1.

    Die innenpolitischen Herausforderungen für einen erneuten Ausbau der Atomkraft bestehen zwar weiter. Besonders der Reaktorneubau, ohne den Atomstrom bis 2050 ohnehin das Aus droht, ist schwer durchsetzbar. Denn laut einer Meinungsumfrage der Zeitung „Asahi“ waren vorigen Februar 53 Prozent der Japaner schon dagegen, abgeschaltete Reaktoren wieder anzufahren.

    Aber unter Kishida haben Stimmen wie die Shibatas beste Chancen, gehört zu werden. Denn der Regierungschef spricht für die Mehrheit der Abgeordneten der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP), die das Parlament kontrolliert. Und die globalen Versuche, Atomkraft als Beitrag zur Emissionssenkung zu positionieren, stärken auch Japans Atomlobby wieder.

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