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16.02.2022

15:19

Asia Techonomics

Japan kämpft mit Innovationen gegen den Plastikmüll

Von: Martin Kölling

Japan verbraucht pro Kopf doppelt so viele Einmalverpackungen wie Deutschland. Die Regierung will den Wandel beschleunigen – mit sanftem Druck und Innovationen.

Halbleiter, Chip Klawe Rzeczy

Asia Techonomics

In der wöchentlichen Kolumne schreiben wir im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

Tokio Wenn Japan Roboter zur Lösung eines Problems entwickelt, meint das Land es ernst. Das aktuelle Problem ist die Bekämpfung von Plastikmüll. Die Universität Nagasaki hat ein U-Boot-System entwickelt, das halbautonom Plastik im Meer orten kann.

Ein kleines, autonomes Schiff bringt einen ferngesteuerten Unterwasserroboter ins Zielgebiet, mit dem Forscher Untersee-Müllhalden aufspüren. In Zukunft wollen sie das Plastik dann sogar vollautomatisch einsammeln und recyceln.

Das Projekt ist Teil der Strategie der japanischen Regierung, mit der sie das Plastikproblem des Landes in den Griff kriegen will. Jeder Japaner verbraucht im Schnitt 37 Kilogramm Einwegverpackungen pro Jahr – doppelt so viel wie der durchschnittliche Deutsche.

Bis 2030 soll der Verbrauch von Plastik in Japan daher um 25 Prozent sinken. Außerdem will die Regierung das Land bis dahin weitestgehend vom Plastikmüll befreien – möglichst ohne Pfandsysteme und hohe Tütensteuern, sondern durch Innovationen.

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    Die sind dringend nötig: Zwei Drittel des japanischen Plastikmülls werden „thermisch“ recycelt – also verbrannt. Da hilft auch die hohe Recyclingquote von 85 Prozent nicht, gerade auch, weil Japan bei der Müllvermeidung noch größeren Nachholbedarf hat.

    Die hohe Recyclingquote kommt nicht gegen den höheren Verbrauch an

    Was in Deutschland mittlerweile als „Verpackungsterror“ bezeichnet wird, ist in Japan völlig normal: Kekse werden erst einzeln in viele kleine Plastikhüllen und dann in eine größere Schachtel verpackt, um sie frisch zu halten. Eingeschweißtes Fleisch wird an der Kasse ungefragt in eine weitere Plastiktüte verpackt – für den Fall, dass die Verpackung doch nicht dicht ist.

    Der Wandel geht bislang nur langsam voran, der Gesetzgeber versucht, ihn ohne größeren Druck zu beschleunigen. So hat die Regierung inzwischen eine Gebühr für Einkaufstüten eingeführt. Doch die ist mit umgerechnet 1,5 bis vier Euro-Cent eher eine Erinnerung an die eigene Einkaufstasche als ein finanzieller Anreiz. Auch Mehrwegflaschen und Pfandsysteme wie in Deutschland gibt es nicht.

    Sortierung von Verpackungsabfällen (Symbolbild), picture alliance/dpa

    Plastikmüll

    Sortierung von Verpackungsabfällen (Symbolbild),

    Trotzdem hat Japan eine Recyclingrate von 85 Prozent, liegt im Plastik-Management-Index des britischen Magazins „The Economist“ und der Japan-Stiftung knapp hinter Deutschland auf Platz 2. Das Müllsystem lockt statt mit einem hohen Pfand mit Bequemlichkeit.

    Japaner können an jedem Getränkeautomaten und in jedem Supermarkt PET-Flaschen und Getränkedosen entsorgen. Der Müll wird ein- bis zweimal die Woche feinsäuberlich getrennt vor der Haustür abgeholt.

    Hier hilft der soziale Druck, die Recyclingquote hochzuhalten: Transparente Mülltüten werden an Sammelstellen vor den Häusern abgeholt. Jeder kann sehen, ob ordentlich recycelt wurde oder nicht – die Nachbarschaft prüft mit. Plastiktüten vom Supermarkt finden hier ein zweites Leben als Mülltüten für Flaschen, Dosen und Hausabfälle.

    Mit Innovation zu weniger Plastikmüll

    Doch auch die japanische Regierung erhöht inzwischen den Innovationsdruck, die Lösung des Plastikproblems muss schneller gehen. Ein neues Recyclinggesetz aus dem vergangenen Jahr setzt Anreize für Unternehmen, ein einfaches Plastikrecycling schon beim Produktdesign mitzudenken. Außerdem werden große Einzelhändler und Hotelketten verpflichtet, ab 2030 nur noch Kunststoffprodukte anzubieten, die zu 60 Prozent aus recycelten oder biologisch abbaubaren Materialien bestehen.

    Der Plan, das Plastikproblem über die Innovationskraft der Unternehmen zu lösen, bringt bereits erste Erfolge: Mitsubishi Pencil hat dieses Jahr nicht nur eine dünnwandigere Kugelschreibermine auf den Markt gebracht, die deutlich weniger Plastik verwendet und 70 Prozent mehr Tinte fasst. Das Unternehmen entwickelt aktuell auch Minen aus Papier.

    Der Technikkonzern Casio hat diese Woche zudem seine erste Outdoor-Uhr vorgestellt, deren Plastikteile aus Biomasse hergestellt wurden.

    In der Kolumne Asia Techonomics schreiben Nicole Bastian, Dana Heide, Martin Kölling, Mathias Peer und Sabine Gusbeth im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in der dynamischsten Region der Welt.

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