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30.11.2022

16:19

Asia Techonomics

Japans Pflegebranche hofft auf Entlastung durch Roboter – nun hilft die KI

Von: Martin Kölling

Die japanische Gesellschaft ist überaltert, zudem gibt es kaum Zuwanderung. Wer pflegt also die Alten? Ein neues System soll helfen.

Das Transformer-Bett war einer von Panasonics ersten Robotern für die Pflege. Es konnte sich in einen Rollstuhl verwandeln, wurde aber nie auf den Markt gebracht. Martin Koelling

Automatisierte Pflege

Das Transformer-Bett war einer von Panasonics ersten Robotern für die Pflege. Es konnte sich in einen Rollstuhl verwandeln, wurde aber nie auf den Markt gebracht.

Tokio Roboter gelten als möglicher Beitrag zur Lösung der Pflegekrise. Im demografisch überalterten Japan, einem Pionier der Seniorengesellschaft, forschen Unternehmen, wie sie durch die Automatisierung von Hospitälern und Altenheimen bei schrumpfender Belegschaft mehr Senioren betreuen können. Der technologische Durchbruch könnte aber von anderer Seite kommen.

Im neuesten Altenheim des Betreibers Hitowa Care Services in Tokio sind es nicht Roboter, die auf den Stationen für Erleichterung sorgen. Stattdessen setzt das Unternehmen die Plattform Lifelens des Technikkonzerns Panasonic ein. Es ist ein System, in dem die Zimmer praktisch selbst auf die Bewohner aufpassen.

In jedem der 70 Räume hängen zwei Kameras an der Decke. Aus Gründen der Datensicherheit werden die Videodaten per Künstlicher Intelligenz direkt vor Ort ausgewertet. Zusätzlich liegen Sensoren unter der Matratze. Sie melden, ob jemand im Bett liegt, und zeichnen den Herzschlag auf.

Die Daten werden an das Pflegemanagement übermittelt. Gibt es ungewöhnliche Daten, etwa ein Patient, der dabei ist, das Zimmer zu verlassen, wird das dem Personal signalisiert. Die Pflegerinnen und Pfleger können dann per Kamera nach dem Rechten sehen und bei Bedarf helfen.

Die Nachtschicht muss so nur noch mit zwei statt drei Leuten besetzt werden. Das spart Geld, dafür muss das Krankenhaus pro Zimmer 1400 Euro für die Technikausstattung und zusätzlich eine monatliche Gebühr in Höhe von elf bis 13 Euro zahlen.

Warum die Pflegekrise Japan besonders drängt

Das ist im Vergleich zum Roboterhelfer aber günstig. Zwei Maschinen Panasonics namens Hospi, die ebenfalls nächtliche Rundgänge leisten könnten, kosten inklusive der Technik zum Öffnen von Stations- oder Fahrstuhltüren bis zu 400.000 Euro. Eine Betreuung rund um die Uhr gibt es dabei, anders als bei Lifelens, auch nicht.

So simpel die Idee erscheint, so komplex war die Entwicklung. Sechs Jahre Arbeit stecken in dem System, erklärt Yoshiteru Hakamada, der Chef der Altenheim-Kette. „In den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren steht in Japan der Beginn einer Krise der Krankenpflege bevor“, erklärt der Chefpfleger. „Wir wollten daher früh reagieren.“ Ein Problem, das vielen Industrienationen droht.

In Japan ist der Veränderungsdruck besonders hoch. Japan ist kein Einwanderungsland, die Bevölkerung schrumpft durch Überalterung seit 2010, inzwischen um mehr als 600.000 Einwohner jährlich. Der Anteil der über 65-Jährigen wird von derzeit 29 Prozent bis ins Jahr 2040 auf mehr als 35 Prozent steigen. Arbeitskraft ist ein Engpass, der mit bezahlbarer Technologie gelöst werden muss.

Grafik

Roboter sind dafür schlicht noch zu teuer. Das weiß Panasonic ganz genau. Der Technikkonzern hat schon viele Innovationen eingemottet, weil sich die Geschäftsmodelle dahinter nicht trugen. Da war das Transformer-Bett, das sich in einen elektrischen Rollstuhl verwandeln und so bettlägerigen Patienten selbstständige Mobilität verschaffen konnte. Oder ein Roboter, der ausdauernd die Haare wusch und die Kopfhaut massierte.

Der nächste Schritt ist die Früherkennung von Krankheiten

Den Sprung in den pflegerischen Alltag haben nur Arzneimittelautomaten, Roboter für die Rehabilitation und Hospi geschafft. Der rollende Transporter wird aber nur spärlich eingesetzt. Seit Verkaufsstart im Jahr 2013 wurden aufgrund der Kosten bisher weniger als zwei Dutzend Roboter verkauft. Das will Panasonic jetzt ändern, indem das Unternehmen seinem Produkt auch das Ziehen von Essenswagen beibringt.

Halbleiter, Chip Klawe Rzeczy

Asia Techonomics

In der wöchentlichen Kolumne schreiben wir im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

Für Tomomi Maruyama, den Chef von Hitowas Innovationsteam, ist es derzeit sinnvoller, mit Sensoren und Kameras „die Augen des Menschen zu digitalisieren“ – und dann das Gehirn. Nicht Teil der To-do-Liste: Arme und Beine ersetzen. „Ich glaube, dass wir nun in eine Phase eintreten, in der wir die Funktion des Gehirns digitalisieren, auch durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz.“

Die KI soll bei Panasonic auch bei der Früherkennung zum Einsatz kommen. Im Versuch hat das Zusammenspiel von Pflegeheimbetreiber und Tech-Konzern bereits demonstriert, dass sie durch die Benutzung der vorhandenen Daten Lungenentzündungen vier Tage früher erkennen können als bisher.

Masaru Yamaoka, der Geschäftsführer von Panasonics Business Development Office, träumt bereits vom Exporterfolg: „Wir zielen mit diesem Geschäftsmodell für die Pflege nicht nur auf den japanischen, sondern auch auf den globalen Markt.“

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