Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

10.08.2022

11:31

Halbleiter, Chip Klawe Rzeczy

Asia Techonomics

In der wöchentlichen Kolumne schreiben wir im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

Kolumne: Asia Techonomics

Indien will der Welt zeigen, dass es auch ohne Chinas Techkonzerne geht

Von: Mathias Peer

Kann ein ganzes Land auf chinesische Technik verzichten? Indiens Experiment dürfte angesichts wachsender geopolitischer Spannungen auch den Westen interessieren.

Bangkok Indiens Social-Media-Influencer leben in ihrer eigenen Welt. Statt ihre viralen Kurzvideos über die global boomende Plattform Tiktok zu verbreiten, laden sie ihr Material auf Apps hoch, die außerhalb des Subkontinents so gut wie niemand kennt. Die Anbieter heißen MX Takatak, Roposo, Josh und Moj – bedeutungslos im Ausland, aber mit Hunderten Millionen Nutzern zählen sie zu den begehrtesten Start-ups auf ihrem Heimatmarkt.

Ihren Erfolg haben die indischen Tiktok-Rivalen weder besonders innovativer Technik noch einem ausgeklügelten Marketing zu verdanken. Hauptfaktor für ihren Aufstieg ist die Regierung in Neu-Delhi, die den Markt für sie freigeräumt hat – mit einem Verbot des Hauptkonkurrenten.

Tiktok, das zu dem chinesischen Konzern Bytedance gehört, ist eine von mehr als 340 Anwendungen aus China, die in Indien verbannt wurden – darunter auch Apps wie WeChat und das populäre Spiel PUBG Mobile, die beide zu dem chinesischen Tech-Riesen Tencent gehören.

Seit zwei Jahren gehen indische Behörden konsequent gegen die Smartphone-Anwendungen aus der Volksrepublik vor. Sie begründen das damit, dass die Anbieter angeblich unerlaubt Daten indischer Nutzer Richtung Peking schicken. Dass die betroffenen Unternehmen den Vorwurf vehement bestreiten, half ihnen bisher nicht, einen Weg zurück auf den wichtigen Wachstumsmarkt zu finden.

Statt eine friedliche Co-Existenz zwischen heimischen Tech-Unternehmen und chinesischen Wettbewerbern zu ermöglichen, legen Indiens Behörden nun vielmehr nach: Nach der Software aus China wollen sie jetzt auch chinesische Hardware von ihrem Markt vertreiben.

Indien wagt damit ein Experiment, das angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen mit China auch in Europa und Amerika auf großes Interesse stoßen dürfte. Die Frage lautet: Kommt ein Land ohne Chinas Tech-Konzerne aus?

Chinesische Smartphone-Produzenten im Visier

Ins Visier der Inder geraten nach Bytedance, Tencent, Alibaba und Co. nun die in Indien extrem populären Smartphone-Produzenten aus China – darunter Xiaomi, Vivo und Oppo. Ein direktes Verbot gibt es für sie zwar noch nicht. Die indische Führung macht aber unmissverständlich klar, dass die Unternehmen – zumindest mit ihren bisherigen Geschäftspraktiken – nicht mehr willkommen sind.

Bereits seit einigen Monaten stehen die chinesischen Hersteller im Fokus indischer Ermittlungsbehörden. Sie werden unter anderem der Geldwäsche und Steuerhinterziehung verdächtigt – die Firmen bestreiten jegliches Fehlverhalten. Im Fall von Xiaomi froren die Behörden Anfang des Jahres Bankguthaben von fast einer halben Milliarde Dollar ein. Der Konzern aus Shenzen, der in Indien Marktführer ist, wirft den Behörden Nötigung vor.

Nun soll es für das Unternehmen noch härter kommen: Indiens Behörden haben sich vorgenommen, die chinesischen Hersteller komplett von ihrem Smartphone-Thron zu stoßen, wie mehrere Medien diese Woche übereinstimmend berichteten. Demnach sieht die Regierung in der Kategorie der Billig-Smartphones mit einem Preis von bis zu 150 Dollar keinen Platz mehr für die Konzerne aus der Volksrepublik – bislang war dieses Segment für Xiaomi und Co. ein immens wichtiger Wachstumsgarant.

Die chinesischen Smartphone-Hersteller sind der indischen Regierung ein Dorn im Auge. AP

Oppo-Filiale in Neu-Delhi

Die chinesischen Smartphone-Hersteller sind der indischen Regierung ein Dorn im Auge.

Es ist noch nicht bekannt, wie Indien die Hersteller loswerden möchte. Am wahrscheinlichsten gelten neue Vorschriften, die den Unternehmen kaum eine andere Wahl lassen, als sich freiwillig zurückzuziehen. Klar ist aber, was Indien mit dem Schritt bezweckt: Das Land hegt gegenüber der Regierung in Peking ein tiefes Misstrauen, das nach einer gewaltsamen Eskalation eines Grenzstreits im Himalaja vor zwei Jahren noch weiter gewachsen ist.

Den massiven chinesischen Einfluss auf Indiens Technologie-Branche, der im Konfliktfall ein ernstes Sicherheitsproblem darstellen könnte, will die Regierung deshalb so weit wie möglich zurückdrängen. Sie hofft, dabei gleichzeitig lokale Tech-Firmen aufbauen zu können, die nach dem Rückzug der chinesischen Firmen die Lücken füllen. Im Fall von Tiktok ist dies bereits gelungen. Bei Smartphones stehen indische Hersteller wie Micromax und Lava in den Startlöchern.

Einfach dürfte die Ausgrenzung der chinesischen Anbieter aber dennoch nicht werden: Smartphone-Lieferketten lassen sich nicht so leicht kopieren wie eine Video-App. Und ob Indien so ohne Weiteres auf die Investitionen der chinesischen Hersteller – die ihre Produktion in dem Land zuletzt deutlich ausgebaut haben – verzichten kann, muss sich auch erst zeigen. Doch für Länder, die wissen wollen, wie eine technologische Abkopplung von China in der Praxis aussieht, wird Indien wichtiges Anschauungsmaterial liefern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×