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24.05.2022

11:33

EU-Kolumne

Deutschland wird wieder zum Sorgenfall der EU

Von: Moritz Koch

Die Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft beunruhigt die EU. Die Bundesrepublik droht als Stabilitätsanker auszufallen – und erneut zum kranken Mann Europas zu werden.

Europa-Kolumne: Die EU verliert Rückhalt der deutschen Wirtschaft

Europa-Kolumne

Jede Woche analysiert Moritz Koch, Leiter des Handelsblatt-Büros in Brüssel, Trends und Konflikte, Regulierungsvorhaben und Strategiekonzepte aus dem Innenleben der EU. Denn wer sich für Wirtschaft interessiert, muss wissen, was in Brüssel läuft. Sie erreichen ihn unter: [email protected]

Vom kranken Mann Europas zum Wachstumsstar und zurück? Für die deutsche Wirtschaft geht ein goldenes Jahrzehnt zu Ende. Die 2010er-Jahre waren Jahre der Vollbeschäftigung und der satten Unternehmensgewinne; die Löhne stiegen, die Preise kaum. Billiges russisches Gas und der boomende chinesische Markt trieben die deutsche Industrie zu Höchstleistungen und schirmten sie von den Folgen der Weltfinanzkrise ab. Mit beidem ist es nun vorbei.

Die über Jahrzehnte gewachsene Energiepartnerschaft mit Moskau ist Geschichte, das Vertrauen auf grenzenloses Wachstum in China zerstört. Ein Doppelbeben aus Kriegs- und Pandemiefolgen hat die deutsche Wirtschaft erfasst.

Deutschlands Malaise wirkt sich auf ganz Europa aus. Praktisch die einzigen Indikatoren, die noch nach oben zeigen, sind Preise und Zinsen. Schon macht sich Unruhe in Brüssel breit. Die EU-Beamten wissen: Der Mix aus sinkendem Wachstum und steigenden Zinsen ist Gift für die Währungsunion. Droht sich die Euro-Krise zu wiederholen – mit dem Unterschied, dass dieses Mal die Bundesrepublik als Stabilitäts- und Wachstumsanker ausfiele? Das wäre das Schreckensszenario für Europa.

Zumindest eine gute Nachricht gibt es: Die Perspektiven für Südeuropa sind weniger trist, als es auf dem ersten Blick erscheint. Die Mittelmeerländer können auf eine starke Sommersaison hoffen. Das aufgestaute Fernweh manifestiert sich in Touristenströmen, unter denen Europas eben noch menschenleere Flughäfen ächzen.

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    Ganz anders ist die Aussicht für Deutschland: Wie ein Junkie wird das Land auf Entzug gesetzt. Der Ausstieg aus russischer Billigenergie ist beschlossene Sache, mit aller Macht treibt Wirtschaftsminister Robert Habeck den Umstieg auf Flüssiggas voran. Deutschland soll künftig weniger erpressbar sein. Nur: Das hat seinen Preis. Wie die deutsche Industrie unter diesen Bedingungen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten kann, weiß niemand so recht.

    Schon diesen einen Schock zu absorbieren, wäre eine gewaltige Herausforderung für die Unternehmen. Doch der Luxus, sich auf die Energiekrise zu konzentrieren, ist ihnen nicht vergönnt. Mit der Wandlung Chinas unter dem autoritären Staatschef Xi Jinping steht ihnen die nächste Entwöhnung bevor.

    Lange schien es eine traumhafte Partnerschaft zu sein: Deutsche Maschinenbauer lieferten, was die Volksrepublik für ihre Industrialisierung brauchte, und erhielten im Gegenzug günstige Komponenten aus China. Beide Seiten mehrten ihren Wohlstand, was vor allem Hersteller deutscher Luxusautos freute. Jetzt durchkreuzt Xis Zero-Covid-Politik das profitable Arrangement. Um das Virus in Schach zu halten und die Defizite der eigenen Impfkampagne zu verdecken, würgt Xi die Wirtschaft ab.

    Im Hafen von Schanghai stauen sich Containerschiffe – Vorboten der nächsten Versorgungskrise, die vor allem die deutsche Industrie hart treffen wird. Schon aus der Coronakrise ist die Bundesrepublik als Verlierer hervorgegangen. Jetzt geht die Deglobalisierung von der pandemischen in die geopolitische Phase über - das verheißt nichts Gutes für das erfolgsverwöhnte Deutschland. Schon bald könnte sich die Bundesrepublik auf dem Krankenbett wiederfinden.

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