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18.10.2022

11:44

EU-Kolumne

Lasst die Gaspreise in Ruhe

Von: Christoph Herwartz

Ein Gasmangel könnte in den EU-Ländern eine Kettenreaktion auslösen, die vor allem Deutschland schaden würde. Ein hoher Gaspreis schützt davor – ein Gaspreisdeckel nicht.

Gasspeicher dpa

Gasspeicher in Ungarn

Die Gaspreise sind für viele Unternehmen noch immer deutlich zu hoch. Ist ein Gaspreisdeckel die Lösung?

Die Preise für Strom und Gas zwingen gerade viele Unternehmen, ihr Geschäft ganz oder teilweise aufzugeben. Und doch ist es besser, das geschehen zu lassen, als die Preise mit staatlicher Macht zu weit zu senken.

Denn es geht gerade nicht darum, jede Produktion in Europa zu halten und auf ein schnelles Ende der Energiekrise zu hoffen. Es geht darum, die Gasspeicher nicht leer fallen zu lassen, Zwangsmaßnahmen gegen Unternehmen zu vermeiden und einen noch größeren Schaden abzuwenden.

Es ist noch lange nicht sicher, dass die EU-Staaten Rationierungen vermeiden können, wenn der kommende Winter oder aber der danach lang und kalt wird. Wenn das der Fall ist, werden sich die Staaten um kaum noch etwas anderes kümmern können als um die sensiblen Verbraucher: Privathaushalte, Krankenhäuser und solche Industrieanlagen, bei denen der Schaden besonders groß wäre. Damit es so weit nicht kommt, ist das oberste Gebot jetzt Gas zu sparen – und eben nicht Gaspreise zu senken.

Von seinen nun vollen Speichern kann Deutschland nur einige Monate leben, dann ist es auf die LNG-Terminals seiner Nachbarn angewiesen. Die geplanten Terminals in Deutschland werden vorerst nicht in der Lage sein, den Bedarf zu decken.

Es stimmt ja, dass einem beim Blick auf die Gaspreise schwindelig werden kann. Zwar sind sie wieder deutlich von ihrem Höchststand im Sommer entfernt. Aber sie sind noch deutlich zu hoch, als dass alle Betriebe wieder so arbeiten könnten wie früher.

Niedrige Energiepreise führen zu höherem Verbrauch

Diese Preise sind kein Ausdruck eines irgendwie zu wenig regulierten Marktes. Sie sind Ausdruck eines Krieges und dessen, dass der mit Abstand wichtigste Lieferant Russland seine Verträge nicht einhält. Es wäre abwegig, wenn sich der Markt innerhalb der Grenzen der vergangenen Jahre bewegen würde, während gleichzeitig Pipelines in der Ostsee gesprengt werden.

Die Preise zu drücken würde vielleicht kurzfristig die Bevölkerung beruhigen. Aber es würde auch den Verbrauch wieder steigern und die Gefahr erhöhen, dass bald nichts mehr da ist. Selbst wenn der kommende Winter mild wird, ist nicht sicher, dass sich die Gasspeicher bis zum Herbst 2023 wieder genauso auffüllen lassen werden, wie sie es jetzt sind.

Europa: Polen hat gute Chancen auf Milliarden aus Brüssel

Christoph Herwartz

Christoph Herwartz, Korrespondent im Handelsblatt-Büro in Brüssel, analysiert Trends und Konflikte, Regulierungsvorhaben und Strategiekonzepte aus dem Innenleben der EU. Denn wer sich für Wirtschaft interessiert, muss wissen, was in Brüssel läuft. Sie erreichen ihn unter [email protected]

Was passiert dann? Wenn Deutschlands Nachbarstaaten den Verbrauch rationieren müssen, wird dort schnell die Forderung aufkommen, Exporte lieber zu stoppen, anstatt auch noch den Gashunger der Deutschen zu befriedigen.

In Frankreich wird diskutiert, ganzen Wohnvierteln stundenweise den Strom abzustellen. Gleichzeitig will Deutschland von dort Gas beziehen. Wie lange soll das gutgehen?

Eine Kettenreaktion, an deren Ende jeder seine Ressourcen bei sich behält und der Handel zum Erliegen kommt, ist nicht auszuschließen. Wohnzimmer würden kalt bleiben, und die EU würde in eine Krise geraten. Die Spannungen könnten deutlich dramatischer sein als die infolge der Finanzkrise 2008, als viele das Ende der EU schon kommen sahen.

Der Zusammenhalt in Europa ist groß. Damit das so bleibt, sollte gerade Deutschland den Gasverbrauch so niedrig wie eben möglich halten und sich weiter dafür einsetzen, dass es keinen EU-weiten Preisdeckel gibt. Der hohe Preis hilft dabei mehr als jede Kampagne.

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Wenn Unternehmen Ammoniak nicht mehr selbst herstellen und Eisen nicht mehr selbst schmelzen, dann ist das für die betroffenen Arbeitnehmer und Unternehmer zwar bitter. Aber jeder nicht verbrauchte Kubikmeter Gas macht eine Eskalation der Krise weniger wahrscheinlich. Darum ist es für Deutschland eine gute Nachricht, wenn energieintensive Produktionen vorübergehend abwandern.

Genau das passiert gerade. Und weil die Unternehmen diese Entscheidungen selbst treffen, haben sie auch alle Möglichkeiten, möglichst vorsichtig mit der Situation umzugehen: Sie können die Produktion genau so viel herunterfahren, dass sie die weniger produzierten Güter durch Einkäufe auf dem Weltmarkt ersetzen können. Sie können sorgfältig abwägen, welche Produkte verzichtbar sind und welche unbedingt gebraucht werden. Sie können darauf achten, dass keine Schäden an den Produktionsanlagen entstehen. Bei einer zwangsweisen Abschaltung durch den Staat wäre das alles anders.

Die Regierungen müssen zur Stelle sein, wenn Unternehmen vor abreißenden Lieferketten oder zerstörten Produktionsanlagen warnen. Sie müssen wichtige Betriebe vor dem Konkurs schützen und Haushalten so viel Geld überweisen, dass trotz der hohen Rechnungen ihre Existenz nicht gefährdet ist. Dazu will die EU-Kommission die Beihilferegeln ausweiten.

Ein allgemeines Senken von Gas- oder Strompreisen darf es aber nicht geben. Der Druck ist groß. Ihm nachzugeben wäre ein Fehler.

Hören Sie dazu auch den Podcast Economic Challenges

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