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05.06.2019

16:44

Expertenrat – Anders Indset

Survival-Guide für Volksparteien: ein 10-Punkte-Programm

Von: Anders Indset

Die GroKo ringt mit sich selbst, das viel größere Problem ist, dass große Parteien keinen Draht zur Jugend mehr finden. Dabei gibt es klare Mittel.

Die „Generation Greta“ will klare Worte und Wahrheiten – gepaart mit Einfühlungsvermögen. AFP

Klimaproteste in Berlin

Die „Generation Greta“ will klare Worte und Wahrheiten – gepaart mit Einfühlungsvermögen.

Es sind Tage, die in der Politik Gewinner und Verlierer ausmachen. Panisch entdeckt die CDU auf ihrer Klausurtagung die Zukunftsthemen Klima und Digitalisierung als „Trend“ für sich, während Andrea Nahles, nachdem die SPD bereits die Messer gewetzt hatte, ihren Rücktritt verkündet. Alles wie immer in der Politik, möchte man sagen. Und doch gibt es dieses Mal mehr, was den Parteien Sorge machen müsste. 

Wer in der Politik überleben will, muss für etwas stehen, Fehler eingestehen und einfache, wahrhaftige Fragen stellen, wie die jungen Klimaaktivisten „Generation der Erwachten“. In Zukunft braucht Autorität vor allem „Herz“. 

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Genossinnen, liebe Genossen. Ich danke allen Wählerinnen und Wählern …“

So begann Andrea Nahles ihre Erklärungs- und Rechtfertigungsrede nach den Europawahlen. Eine Kommunikation, die vielen Interessen gerecht werden will, die aber nicht ins 21. Jahrhundert passt. 

Bei der CDU sah es nicht besser aus: Als hätte sie im Umgang mit dem YouTuber Rezo nicht bereits genug falsch gemacht, fabulierte Annegret Kramp-Karrenbauer nach der Wahl von der Eindämmung der „Meinungsmache“ in den sozialen Netzwerken. Man möchte ihr zurufen: „Diesem Internet sieben Tage vor jeder Wahl den Stecker ziehen, das hilft!“ Immerhin wäre es mal ein konkreter Lösungsansatz. 

Aber damit waren die politischen Aufreger im Monat Mai nicht vorüber. Denn da waren ja noch die Strache-Affäre in Österreich, die Rückkehr der Mussolinis und Berlusconis in Italien und ein Alarm aus dem Hause Le Pen sowie der Abgang von Theresa May in Großbritannien. 

Nach den politischen Erdbeben im vergangenen Monat diskutieren wir plötzlich über große Themen, als wären sie über Nacht gekommen: Klimawandel, Auslaufmodell Volkspartei, populistische Bewegungen. Wir haben ein Kommunikations- und Vertrauensproblem. Alles über Nacht? Nein. Denn jetzt fängt so langsam ein Wandel an in unserer Gesellschaft, der sich seit vielen Jahren abzeichnet. 

Den offensichtlichen Wandel sehen wir nicht, weil wir nicht mehr genau hinschauen: Es dreht sich um die letzte „Narzisstische Kränkung“ und die wirklich spürbaren Einflüsse der Technologie. Die Generation der Erwachten. Die zunehmende Lokalisierung und Globalisierung. Der Klima-Kollaps. Es ist alles dokumentiert. Doch warum versteht die Politik die Zusammenhänge nicht?

 Was fehlt der Politik?

Erstens: Die „Generation der Erwachten“ nennt Probleme beim Namen. Sie schaut sich wissenschaftliche Berichte an und sagt „Schwarz ist Schwarz“ und „Weiß ist Weiß“. Das Problem wird klar angesprochen, egal wer davon betroffen sein mag. Entsprechend klar benamt stehen wir auch vor einem ökologischen „Kollaps“, nicht vor einem „Klimawandel“ oder der „globalen Erwärmung“. Wenn die Erde nicht vor dem Kollaps steht, dann mögen die regierenden Politiker bitte erklären, warum nicht. Und zwar so, dass es auch Kinder verstehen. Steht der Kollaps tatsächlich bevor, müssen die regierenden Politiker klare, eindeutige Antworten und Lösungen liefern. Egal, wer betroffen sein mag. 

So funktioniert eine Demokratie, ob es Politikern nun gefällt oder nicht. Einfachheit hilft. Da können Politiker von den Jugendlichen und Kindern lernen. 

Zweitens: Führungspersönlichkeiten - auch in der Wirtschaft - müssen für etwas stehen. Das „Warum“ muss beantwortet werden. Warum soll ich heute CDU oder SPD wählen? Nur gegen etwas und jemanden zu sein, reicht nicht mehr. Sätze wie „Die anderen sind nicht besser“ oder „Das könnte schwierig werden“ genügen nicht mehr als Aussage. 

Drittens: Wir brauchen eine stabile Mitte. Irgendwo zwischen einer „pseudo-grünen“ Initiative von Großstadt-Hipster-Yoga-Muttis mit Latte Macchiato und weißen SUVs auf der einen Seite sowie rechtsradikalem Populismus auf der anderen liegt der Weg der Mitte. Anders ausgedrückt: Der Weg der Mäßigung liegt zwischen den Extremen der sinnlichen Hingabe und der Selbstkasteiung, wie er vor 2.500 Jahren bereits von Siddhartha Gautama – Buddha – beschrieben wurde. 

Warum die Mitte so wichtig ist

Wer den mittleren Weg wählt, glaubt gerade nicht, dass die Wahrheit als diffuser Kompromiss zwischen den Extremen „irgendwo in der Mitte liegt“, wie es die Redensart besagt. Vielmehr erkennt er, dass beide Extrempositionen falsch sind und man der Wahrheit näher kommt, indem man die scheinbar unvereinbaren Positionen miteinander verbindet. Der mittlere Weg ist auch der Weg des philosophischen Skeptizismus, mit Einflüssen sowohl aus der altgriechischen als auch der indischen Lehre.

Der Weg, auf dem wir immer bereit sind unsere Annahmen zu ändern, wenn neue Erfahrungen oder Überlegungen das erfordern. Der Weg, auf dem wir ständig auch unsere eigenen Gewissheiten hinterfragen, möglichst verschiedene Denkansätze nebeneinander kultivieren und Brücken dazwischen schlagen. Und vor allem versuchen, Dogmen aufzulösen. Dogmatismus verhindert Veränderung. Es geht dabei nicht um die Mitte zwischen den Extremen, sondern um das Streben nach einem Gleichgewicht. Die Agenda der Volksparteien sollte deshalb lauten: „Wir sind das Management, wir bewahren und verwalten.“ 

Die Politik hat erfolgreich Stabilität geschaffen

 Deutschland ging es noch nie so gut wie heute, noch nie war es in Europa friedlicher, noch nie herrschte so viel gegenseitiges Vertrauen zwischen Ländern. Eine ungeheure Leistung, wenn wir uns die Geschichte anschauen. 

Wir hatten über die vergangenen Jahrzehnte ein gutes Management. Angela Merkel hat einen unglaublich starken Job gemacht, für Deutschland, für Europa, für den Weltfrieden. Man kann das „langweilig“ nennen. Oder eben: stabil.

Doch gerade in Zeiten von Stabilität müssen wir lernen, Neues zu gestalten. Es reicht nicht mehr, nur aus Krisen zu lernen, verwaltendes Management ist nicht genug. Wir brauchen Gestalter des Wandels, Leadership – um die bevorstehenden existenziellen Herausforderungen zu meistern. 

Verlassen wir uns im aktuellen System zu sehr auf die Politik? Hat Christian Lindner mit den „Profis“, denen man statt der „Generation der Erwachten“ den Klimaschutz überlassen soll, Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft gemeint? Vielleicht ist das Management in Zukunft besser in einem Algorithmus aufgehoben, was heute definitiv gesucht wird, sind wahre Leader. 

Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

Antworten und neue Fragen erwarten nicht nur Jugendliche, sondern alle Bürger. Wir müssen dringend im öffentlichen Raum (dazu zählt auch YouTube) über unsere Herausforderungen sprechen, ob wir es nun „Systemfrage“ nennen oder nicht. Wir müssen, wie wir es im Volksmund in Norwegen sagen, „aus der Leber sprechen“. Oder wie es in Deutschland heißt: frei von der Leber weg. 

Neben dem ökologischen Kollaps stehen wir vor einer letzten „Narzisstischen Kränkung“. Nach der kosmologischen Kränkung durch Kopernikus, der biologischen durch Darwin und der psychologischen durch Freud steht die Menschheit jetzt vor der massiven Verletzung unseres Selbstwertgefühls durch eine posthumane Hypertechnologie, die alles besser kann als wir. Durch eine maschinelle Superintelligenz, von der wir uns Göttlichkeit, Glückseligkeit und Unsterblichkeit erhoffen, jedoch um den Preis unserer Unterwerfung. 

Dieses finale schöpferische Werk der Menschheit kommt sicherlich nicht bis zu den nächsten Wahlen. Doch schon im kommenden Jahr startet der digitale Tsunami. Es geht ab sofort nur noch um Fakten. Vorvalidiert durch Algorithmen und Super-Intelligenz. Wir wollen keine Information und kein Blabla mehr, wir wollen Fakten, Wissen. Validiertes Wissen. Herzlich willkommen, 2020! Schluss mit dem Ausleben von Phantasien, jetzt wollen wir die Wissensgesellschaft. 

Die „Generation Greta“ verzeiht Fehler

Ab sofort muss es darum gehen, jugendlichen Leichtsinn und junge Narzissten mit vielen Gefühlen ernst zu nehmen. Sachverhalte ansprechen, auch wenn es unangenehm ist. Und in der eigenen Sprache, bitte. Ob „Generation Greta“ oder 26-jährige Rap-Komiker wie Rezo bei YouTube, es geht es darum, etwas offen und wahrhaftig anzusprechen. Die Lösungen sollen die Volksparteien, die Regierung und die Führungskräfte der Großkonzerne haben. Sie müssen keine perfekten Antworten geben, keine fertigen Lösungen, sondern einen Weg und eine Ehrlichkeit gegenüber dem Sachverhalt. 

Die YouTube- und Greta-Generation wird Fehler verzeihen und persönlichen Einsatz schätzen und anerkennen, wo sie ihn spürt: Das ist kein „Blabla“. Wenn Politiker auf kritische Fragen keine Antworten liefern, dann sollten sie nicht gewählt werden. Das ist die Marschroute der Generation der Erwachten, das hat mit YouTube und Schulschwänzen nichts zu tun, sondern mit einem gesellschaftlichen Wandel, der sich seit 25 Jahren vollzieht. Das alles war nur ein Prélude für die konkreten Auswirkungen der Digitalisierung, die wir in den kommenden zehn Jahren erleben werden. 

Für Politiker im 21. Jahrhundert muss die Selbsterkenntnis möglich sein: „Ich habe einen, zwei oder drei Fehler gemacht“. Menschen sind „fehltastisch“. Das Volk ist müde. Es will die fatale Informationsgesellschaft hinter sich bringen und nur noch Fakten. Die Modelle der alten Schule haben genau die Menschen hervorgebracht, die heute faktenbasierte Entwicklungen verkennen. Die, die den Wandel nicht sehen. Klar, das alles ist hochkomplex, doch es bleibt dabei: Man muss die Probleme beim Namen nennen können. Wichtig ist eine Symbiose von Herz und Verstand. 

Träumer werden zu Machern

Ausgerechnet Angela Merkel, der viele politische Beobachter keine Vision (mehr) zugetraut hätten, hat diese Symbiose kürzlich unter tosendem Applaus vor Studenten in Harvard auf den Punkt gebracht, indem sie „Wahrhaftigkeit gegenüber anderen und gegenüber uns selbst“ einforderte und ausrief: „Lasst uns Mauern einreißen. Wir sollten uns damit überraschen, was möglich ist.“ Ihr Rat: „Nicht immer den ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen.“ 

„Wir schaffen das“, hat Merkel einmal gesagt. Und wir können das schaffen. Es heißt nicht mehr „Zero-Emission“ sondern „Climate Take-Back“. Die Phrase „es ist unrealistisch“ wird ausgetauscht durch „es muss anders gehen“. Träumer werden heute zu Machern. 

Allen Mitarbeitern in der Kohle- und Öl-Industrie muss jetzt ein anderer Weg geboten werden, sei es als sofortige Antwort mit einem möglichen Grundeinkommen, denn das einzig wertvolle Öl in Zukunft wird Cannabis-Öl sein. Die Zeiten der Lügen sind vorbei, die Technologie für grüne Energie ist längst da und die Entwicklung ist rasant. Den Hunderttausenden Beschäftigten in der Automobilindustrie muss ein neuer Weg geboten werden, nicht irgendwann oder morgen, sondern heute. 

Die Ablenkungs-, Stress- und Lügengesellschaft hat ab jetzt ihren Zenit erreicht. Ab Juni 2019 arbeiten wir – Politiker, Bürger, Wirtschaft, alle – gemeinsam an einer Gesellschaft des Verstandes und gestalten dabei die Wirtschaft neu. Wir zeigen: Es muss nicht nur anders gehen, es geht anders. 

Und wie? Mit einem „10-Punkte-Programm“ für die nächsten Wahlen, dem Survival-Guide für Volksparteien: 

  1. Niemand ist objektiv. Nicht du, nicht ich, auch die klügsten Wissenschaftler und reflektiertesten Philosophen nicht. Jeder hat eine andere Vorgeschichte, Vorlieben und Abneigungen. Ob wir wollen oder nicht, unsere Subjektivität fließt in unsere Perspektive ein. Deine persönlichen Präferenzen sind weder richtig noch falsch; das gilt genauso für alle anderen Menschen.
  2. Gewöhne dir an, „vielleicht ist das so“ anstelle von „bestimmt ist das so“ zu denken. Alles ist im Fluss, morgen denkst du über eine Sache vielleicht schon anders als gestern. Deshalb solltest du lernen, deine Annahmen als provisorisch anzusehen.
  3. Sei interessiert und neugierig. Ehrlich. Interesse macht interessant. Wir wissen alle, dass interessante Menschen viele Stimmen kriegen. Wenn du Blockchain nicht verstehst, dann rede nicht, höre zu und lerne. Dieses Überspielen versteht jedes Kind. Und Kinder werden die Zukunft bestimmen.
  4. Strebe eine Gesellschaft des Verstandes an. Der Weg führt über Aufklärung und Wissen. Mehr Technologie und mehr geteilte Videos. Dann Validierung. Fakten, Fakten, Fakten, Fakten. Wissen allein ist kein Verständnis.
  5. Sei einfach ehrlich. Wenn es weh tut, dann tut es weh, wenn ihr „Scheiße baut“, redet es nicht schön. Es geht nicht darum zu versuchen, die „Generation der Erwachten“ zu entschlüsseln, und erst recht nicht so zu sein wie sie.
  6. Spiele keine Lockerheit. Sei, wie du bist.
  7. Suche nicht das Trennende, sondern das Verbindende zwischen verschiedenen Überzeugungen. Gewöhne dir an, dich auf Gemeinsamkeiten zu fokussieren.
  8. Denke nicht „entweder ... oder“, sondern „sowohl ... als auch“. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern bunt. Menschen mit anderen Standpunkten sind keine Gegner, die du besiegen oder auf deine Seite ziehen musst, sondern gerade wegen ihrer anderen Sichtweise sind sie eine Bereicherung, auch für dich. Sie helfen dir, offen und kreativ auf dem mittleren Weg zu bleiben. Also lerne, deine Feinde zu lieben.
  9. Bleib skeptisch. Wenn jemand sagt „Das ist wahr“, antworte weder „Ganz bestimmt“, noch „Ganz bestimmt nicht“, sondern „Es könnte falsch sein“. Lass dir von deinem Gegenüber erklären, warum es seiner Meinung nach wahr ist. Stell dir die Frage, die du dir als Kind gestellt hast: „Warum ist das so?“
  10. Trumpfe mit Lebensweisheit und Zugang zu Wissen auf, nicht mit Autorität und Macht. Lange gab es eine Herrschaft von Muskeln und Waffen. Lange galten auch das Wissen oder rhetorische Künste des dargestellten Wissens als Macht. Heute zählen Fakten und alle haben Zugang. Alle haben Zugang zu den verschiedensten Medien und Quellen, alle tauschen sich aus. Wir werden müde von Katzenvideos und Essensfotos, jetzt zählen nur kalte Fakten, kein Ego, kein Gewinnen und Verlieren, sondern nur das, was faktisch richtig ist. Keine Ablenkungs- und Stressgesellschaft. Es folgt darauf die Blüte der Menschheit, denn in Zukunft ist das „Herz“ die Autorität.

Bis zum nächsten Mal
Anders

Mehr: Sozialismus ist nicht die Lösung für Europas gegenwärtige und künftige Probleme. Aber Kritik am Kapitalismus ist wichtig – und eine große Chance. Warum wir Kevin Kühnert dankbar sein sollten.

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