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28.06.2019

09:12

Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm

Gefährden 5G-Sendemasten unsere Gesundheit?

Von: Curt Diehm

Die 5G-Technologie kommt nun auch nach Deutschland. Ihre Gegner warnen vor Gesundheitsgefahren. Widerlegen lassen sich ihre Argumente noch nicht.

Gegner der 5G-Technologie warnen vor gesundheitlichen Gefahren durch hochfrequente Strahlung. dpa

Mobilfunkmast

Gegner der 5G-Technologie warnen vor gesundheitlichen Gefahren durch hochfrequente Strahlung.

Für die einen ist der neue Mobilfunkstandard 5G die Verheißung der Digitalisierung, Internet of Things, Automatisierung und Künstliche Intelligenz, also quasi der Schlüssel für unsere Zukunft in Wohlstand. Für die anderen sind die Sendemasten, die als flächendeckende Infrastruktur Voraussetzung für das schnelle Internet sind, Teufelswerk, das uns durch die Strahlenbelastung krankmachen wird. Was ist Wahrheit, was Mythos?

Tatsache ist, dass der Mobilfunkstandard 5G eine sehr hohe Dichte an neuen Funkstationen benötigt. Die höchste Schätzung geht von einer Dreiviertelmillion Sendemasten aus. Und auch wenn diese Zahl übertrieben sein mag, so müssen doch in einem geringen Abstand sehr viele neue Funkmasten aufgestellt werden, die meisten davon in Ballungsräumen, damit 5G seine ganze Wirkung entfalten kann.

Wie so oft bei neuen Technologien formiert sich Bürgerwiderstand. Die neuen Möglichkeiten werden zwar gerne genutzt, die erforderliche Infrastruktur solle aber bitte nicht vor meiner Haustür entstehen. So sammelte die Bürgerinitiative „Stopp 5G“ bundesweit binnen kurzer Zeit mehr als 50.000 Unterschriften.

Im Fall der 5G-Sendemasten behaupten Kritiker, dass diese Masten krankmachende Strahlung verbreiten würden. Ist da aus medizinischer Sicht etwas dran? Eine endgültige Antwort kann ich nicht geben. Tiefe, evidenzbasierte Studien brauchen Jahre. In einer wirklich unumstößlichen Form liegen sie nicht vor. Zudem, das darf man unterstellen, gelingt es der Lobby der entsprechenden Industrien in der Regel geschickt, Zweifel an kritischen Studien zu säen und eigene Standpunkte in die öffentliche Debatte einzubringen. So entsteht dann in der öffentlichen Wahrnehmung dieser unbefriedigende 50:50-Eindruck.

Auch seriöse Wissenschaftler warnen

Würde die Skepsis gegenüber den Sendemasten lediglich aus der Ecke der Esoterik kommen, würde mich das nicht sonderlich aufregen. Wenn jedoch seriöse Institutionen und namhafte Wissenschaftler ihren Hut mit kritischen Beiträgen in den Ring der Diskussion werfen, macht mich das nachdenklich. Mehr als 400 Mediziner und Naturwissenschaftler warnen in einem internationalen Appell mittlerweile vor zu großer Strahlenbelastung durch 5G. Nicht ohne Wirkung: Brüssel ist die erste europäische Großstadt, die beim Ausbau der 5G-Sendemasten aufgrund gesundheitlicher Bedenken nicht zu den Pionieren gehören möchte. In Kalifornien gab die Gemeinde Mill Valley einem Proteststurm ihrer Bürger nach und verzichtet auf die Funkstationen. In Deutschland wird Berlin die erste Stadt sein, in der der 5G-Standard eingeführt wird. In Frankreich ist man weniger zimperlich. Gleich neun Großstädte wollen mit der neuen Technologie starten.

Vor was genau fürchten sich die 5G-Gegner? Glaubt man den Kritikern, können die Mikrowellen und elektromagnetischen Felder der Sendestationen „Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsdefizit, Tinnitus und Schlaflosigkeit verstärken sowie Folgen für das Herz und das Nervensystem haben“, wie es die Gesundheitsexpertin Riina Bray auf einem Symposium in Toronto kürzlich formulierte.

Eine Wissenschaftlerin auf derselben Veranstaltung, die über die biologischen Auswirkungen elektromagnetischer Strahlen forscht, erläuterte, dass Schweißtropfen auf der Haut wie Miniantennen wirken könnten. Dies könne in der Folge auch Augen schädigen, Insektenpopulationen reduzieren, Antibiotika-Resistenz in Bakterien verursachen sowie Effekte auf unser Nerven- und Immunsystem haben. Eine ganze Liste von gesundheitlichen Störungen also.

Als größte Probleme aber gelten zwei Indikationen: Zum einen kann die elektromagnetische Hochfrequenzstrahlung im Experiment Krebs erzeugen, und sie ist in der Lage, den männlichen Samen zu schädigen. Das amerikanische Gesundheitsministerium gab eine Studie in Auftrag, die 2018 publiziert wurde.

Tumore durch Strahlung?

Wenn man Ratten und Mäuse lebenslang neun Stunden täglich Mobilfunkstrahlen aussetzt, entwickeln sich überproportional bösartige Tumore an den Nervenzellen des Herzmuskels. Und auch die Anzahl der Hirntumore war signifikant höher als in der Kontrollgruppe.

Henry Lai, ein Professor der Universität Washington, wertete 326 Studien zu den biologischen Folgen von Mobilfunkstrahlen zwischen den Jahren 1990 und 2006 aus. Er fand heraus, dass 56 Prozent der Studien biologische Auswirkungen konstatierten. Lai trennte dann die unabhängigen Studien von jenen, die von der Industrie in Auftrag gegeben wurden. Von den unabhängigen Studien stellten 67 Prozent einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und biologischen Effekten her.

Die Swiss Re, einer der großen Rückversicherer dieser Welt, geht in einem kürzlich veröffentlichten Bericht unter anderem auf die Strahlungsdebatte ein. Die Bedenken wegen gesundheitlicher Auswirkungen würden demnach noch zunehmen, so der Versicherer. Dies könne in der Folge zu mehr Haftpflichtansprüchen führen.

Fakt ist, die 5G-Technologie wird eingeführt, ohne dass hieb- und stichfeste Sicherheitsprüfungen vorliegen würden. Bis heute kennen wir die Gefahren von 5G noch nicht genau genug, um aus medizinischer Sicht wirklich endgültige Urteile zu fällen. Wir müssen wohl oder übel auch in dieser Frage mit der Unsicherheit und dem Dilemma zwischen dem Rausch der neuen Anwendungen und einer möglichen Krebsgefahr leben.

Kommentare (1)

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Herr Axel Braun

28.06.2019, 11:18 Uhr

Hätte, könnte, möglicherweise - eine großartige Ansammlung von Konjunktiven.
Bereits seit den 80er Jahren des letzten Jahrtausends wird versucht, dem Mobilfunk eine krebsverursachende Wirkung nachzuweisen. Bisher gibt es keine belastbaren Studien.

Natürlich kann man Extremsituationen herbeiführen, unter denen sich gewisse Effekte einstellen. Und ja, auch ein Schweißtropfen kann allein durch seine konvexe wie eine 'Miniantenne' wirken - in der einfachsten Form wie ein Brennglas in der Sonne, was unzweifelhaft einen thermischen Effekt hervorruft. Dieser hochfrequenten Strahlung (ungepulst im Gegensatz zu 5G) setzen sich Menschen sogar freiwillig aus, sei es im Sonnenstudio oder beim Sonnenbad.
Und, entgegen allen Einsichten, werden immer noch reichlich (legale) Drogen konsumiert, die für Zehntausende Tote jährlich verantwortlich sind. Somit dürfte die Tabakindustrie erfolgreicher sein als die Mobilfunker.
Also, Kirche im Dorf lassen, wie bei so vielem macht die Dosis das Gift.

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