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22.10.2018

17:16

Expertenrat – Arnulf Keese

Bargeld und EC-Karte haben auch in Deutschland bald ausgedient

Von: Arnulf Keese

Bargeldloses Bezahlen ist auf dem Vormarsch, der Deal zwischen Google und Paypal ist der nächste Schritt. Nachtrauern sollte man Scheinen und Münzen nicht.

Niemand muss heute nach Münzen im Portemonnaie kramen. obs

Bezahlen mit Google Pay

Niemand muss heute nach Münzen im Portemonnaie kramen.

Google und Paypal haben sich darauf geeinigt, dass alle Paypal-Kunden über Google Pay mit ihrem Android-Smartphone bezahlen können – im Netz oder an der Ladenkasse. Die Kooperation eröffnet beiden Unternehmen gewaltige Möglichkeiten: Paypal zählt in Deutschland 21 Millionen Nutzer, und 80 Prozent aller Smartphones laufen hierzulande mit Googles Betriebssystem Android. Das könnte den Durchbruch für mobiles Bezahlen bedeuten. Aber was bedeutet er für die Unternehmen? Und was passiert mit der guten alten EC-Karte?

Große Hoffnungen in den Deal setzt vor allem Google, da der US-Konzern dadurch den Abstand zum großen Konkurrenten Apple deutlich verringern könnte. Denn Android ist zwar das am weitesten verbreitete Betriebssystem, erreichte über Jahre jedoch aufgrund der halbherzigen und uneinheitlichen Bezahlansätze gerade einmal die Hälfte der Umsätze des App-Stores.

Doch Google hat in den vergangenen Jahren aufgeholt und eine gesamtheitliche Infrastruktur für das Bezahlen mit Kreditkarten auf Android-Smartphones und in seinem Browser Chrome geschaffen.

Allein, es fehlen noch die Kunden, die Ihre Finanzdaten dem Konzern anvertrauen. Da gerade in Deutschland die Verbreitung von Kreditkarten relativ gering ist – 2016 gab es gerade einmal 16 Millionen Kreditkarten im Vergleich zu 100 Millionen EC-Karten –, ist der Deal mit Paypal eine gute Chance, Millionen neuer Kunden zu gewinnen, die überwiegend per Lastschrift zahlen und sonst nicht mit Googles Bezahldiensten in Kontakt kämen.

Mit Paypal ins Restaurant

Paypal dürfte ebenfalls von der Kooperation mit Google profitieren, denn damit hat die Firma endlich auch Zugang auf den Android-Appstore Google Play (in Apples Appstore funktioniert Paypal schon seit einiger Zeit). Und das Geschäft rund um die App-Stores ist gewaltig: Allein im ersten Halbjahr 2018 wurden weltweit knapp 35 Milliarden Dollar in den App-Stores von Apple und Google ausgegeben.

Wichtiger aber dürfte für Paypal sein, über Google Pay nun auch Zugang zum stationären Handel zu haben – immerhin finden hierzulande immer noch knapp 80 Prozent aller Handelstransaktionen offline, also im Supermarkt oder im Restaurant, statt. Auch wenn Paypal seit Jahren mit innovativen Lösungen wie QR-Code-Payments herumexperimentiert, so führte das Bezahlen mit dem Smartphone an der Ladenkasse bisher eher ein Nischendasein.

Das dürfte sich nun ändern, denn auf einmal können alle Paypal-Nutzer in Deutschland, die auch Android installiert haben, per Smartphone an der Ladenkasse bezahlen. Das wird der Firma neue Kunden und zusätzliches Handelsvolumen bescheren.

Mastercard verdient im Hintergrund

Der große Gewinner aber, das lässt sich schon jetzt sagen, ist: Mastercard. Denn um Paypal in Google Pay nutzen zu können, wird das Paypal-Konto im Hintergrund mit einer sogenannten digitalen Debit-Mastercard verbunden. Diese dient dann in Google Pay als Zahlungsquelle.

So wird Mastercard mit dem Deal auf einen Schlag zig Millionen virtuelle Kreditkarten verkaufen, hunderte Millionen von Transaktionen abwickeln und damit seine Position insgesamt stärken. Und das ohne wirklich etwas dafür tun zu müssen, dank Lizenz- und Transaktionsgebühren. Hier zeigt sich einmal mehr die Macht der Plattformen, gerade wenn sie wie das Visa-Mastercard-Duopol weltweit den Kartenzahlungsmarkt dominieren.

Der Deal zwischen Google und Paypal wird mittelfristig den Zahlungsverkehr in Deutschland verändern, denn mit jeder einzelnen Zahlung per Smartphone, ob im Supermarkt, beim Lieblingsitaliener oder nach dem Frisörbesuch, wird der Bargeldanteil weiter sinken. Dieser fällt zwar schon seit Jahren, doch laut einer Bundesbank-Studie beschleunigt sich der Prozess: Während 2015 nur ein Prozent der Bargeldzahlungen von Kartenverfahren abgelöst wurden, waren es 2018 bereits vier Prozent.

Insgesamt werden zwar immer noch 50 Prozent aller Zahlungen in Deutschland mit Scheinen und Münzen getätigt. Aber der Deal zwischen Google und Paypal wird den Ablösungsdruck erhöhen, und so könnte bereits bei der nächsten Studie der Bargeldanteil auf 40 Prozent sinken.

Über kurz oder lang wird sich das bargeldlose Bezahlen durchsetzen. Dem müssen wir nicht nachtrauern, denn Geld ist ein überholtes Bezahlverfahren – aufwändig, teuer und riskant. Zudem begünstigt es Geldwäsche und Steuerhinterziehung.

Von Offlinern für Offliner

Der allergrößte Verlierer aber ist die gute alte EC-Karte (die inzwischen eigentlich Girocard heißt, was aber kaum jemand mitbekommen hat). Aus vielen scheinbar guten Gründen hat die EC-Karte auch im Jahr 2018 den Weg in die digitale Welt bislang nicht geschafft – weder als virtuelle Karte noch als Token auf einem Smartphone.

Allein kontaktloses Bezahlen per NFC wurde ermöglicht, was jedoch eine schwere Geburt war. Denn die EC-Karte wurde von Offlinern für Offliner, sprich von Banken für Händler analog konzipiert, wird in ihrer lokalen Eigenheit über eigene Netze geroutet und ist so inkompatibel mit dem Internet, wie man es sich nur vorstellen kann. Sie ist ein Symbol für die markt- und kundenferne Definition übergreifender Standards durch alteingesessene Marktführer, die den Erhalt des eigenen Geschäfts im Sinn haben und dabei die sich verändernden Marktbedingungen und Kundenwünsche übersehen.

Fazit: Der Google-Paypal-Deal markiert einen Wendepunkt im deutschen Zahlungsverkehr und wird das Verhalten und die Bedürfnisse der Kunden nachhaltig verändern. Nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt. Die Entwicklung – weg vom Bargeld, hin zur digitalen Geldbörse – ist nicht mehr aufzuhalten.

Und es ist davon auszugehen, dass Apple mit Kooperationen nachziehen und damit die Marktentwicklung noch einmal beschleunigen wird. Die Deutschen, die ein besonderes Verhältnis zu Scheinen und Münzen pflegen, werden sich daran gewöhnen.

Arnulf Keese ist Chief Digital Officer der Deutschen Kreditbank (DKB). Zuvor war er unter anderem Chef von Paypal Deutschland.


Kommentare (9)

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Herr Free Mediamind

23.10.2018, 10:22 Uhr

Sie mögen im Fazit leider Recht haben, die Bürger lassen sich mit Bequemlichkeit nach und nach wirklich alle elementaren Grundrechte "abkaufen" - Ein Medium wie das Handelsblatt sollte dieser Entwicklung durch den beschriebenen "Fatalismus" nicht noch Vorschub leisten, sondern die Konsequenzen aufzeigen!
Elementare Freiheiten, die nur Bargeld garantieren kann, lassen sich durch nichts ersetzen. Schon heute bekommen wir Online ganz unterschiedliche (Preis-)Angebote. Algorithmen beobachten uns auf Schritt und Tritt, bisher "nur" im Netz, bald auch bei jeder Entscheidung und Transaktion im realen täglichen Lebensumfeld.
Leider wird dies in der Breite erst bemerkt werden, wenn die heutigen (vermeintlichen) "Gratis-" Dienste/-konten" mit willkürlichen Preisen, Negativzinsen, selektiven Sperrungen und anderen Einschränkungen von Unternehmen und Regierungen belegt werden.
Für einen Einblick in die Mechanismen, wie perfide dies vollzogen wird und wohin es führt, sei jedem das (Hör)Buch "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" von Y.N. Harari empfohlen. Für jeden denkenden Menschen und jedes kritische Medium kann dies nur zu einer mit aller Kraft zu verteidigenden Position führen:
Nutzen Sie Bargeld, wann immer möglich! Oder veröffentlichen Sie schon jetzt alle(!) ihre persönlichen Kontodaten, Gehaltszettel, Krankenakten, Medikamentenlisten, Steuererklärungen, Bußgeldbescheide, Alkoholkonsum und was sie sonst noch als privat einstufen würden?! Oder fänden Sie das für ein paar Rabattpunkte sogar ok?! Nur wundern Sie sich dann bitte nicht, wenn übermorgen manche Produkte und Dienstleistungen für Sie -ganz individuell- teurer werden oder ihnen z.B. Versicherungsleistungen aufgrund eines von Algorithmen unterstellen Risikoprofils ganz verweigert werden. Am Ende wird es immer nur heißen, "wir würden Ihnen gerne ein Angebot machen, aber System bietet nichts anderes (für Sie!) an" -- Selbst Huxley hatte sich das in "Schöne Neue Welt" nicht vorstellen können.

Herr Free Mediamind

23.10.2018, 10:23 Uhr

Sie mögen im Fazit leider Recht haben, die Bürger lassen sich mit Bequemlichkeit nach und nach wirklich alle elementaren Grundrechte "abkaufen" - Ein Medium wie das Handelsblatt sollte dieser Entwicklung durch den beschriebenen "Fatalismus" nicht noch Vorschub leisten, sondern die Konsequenzen aufzeigen!
Elementare Freiheiten, die nur Bargeld garantieren kann, lassen sich durch nichts ersetzen. Schon heute bekommen wir Online ganz unterschiedliche (Preis-)Angebote. Algorithmen beobachten uns auf Schritt und Tritt, bisher "nur" im Netz, bald auch bei jeder Entscheidung und Transaktion im realen täglichen Lebensumfeld.
Leider wird dies in der Breite erst bemerkt werden, wenn die heutigen (vermeintlichen) "Gratis-" Dienste/-konten" mit willkürlichen Preisen, Negativzinsen, selektiven Sperrungen und anderen Einschränkungen von Unternehmen und Regierungen belegt werden.
Für einen Einblick in die Mechanismen, wie perfide dies vollzogen wird und wohin es führt, sei jedem das (Hör)Buch "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" von Y.N. Harari empfohlen. Für jeden denkenden Menschen und jedes kritische Medium kann dies nur zu einer mit aller Kraft zu verteidigenden Position führen:
Nutzen Sie Bargeld, wann immer möglich! Oder veröffentlichen Sie schon jetzt alle(!) ihre persönlichen Kontodaten, Gehaltszettel, Krankenakten, Medikamentenlisten, Steuererklärungen, Bußgeldbescheide, Alkoholkonsum und was sie sonst noch als privat einstufen würden?! Oder fänden Sie das für ein paar Rabattpunkte sogar ok?! Nur wundern Sie sich dann bitte nicht, wenn übermorgen manche Produkte und Dienstleistungen für Sie -ganz individuell- teurer werden oder ihnen z.B. Versicherungsleistungen aufgrund eines von Algorithmen unterstellen Risikoprofils ganz verweigert werden. Am Ende wird es immer nur heißen, "wir würden Ihnen gerne ein Angebot machen, aber System bietet nichts anderes (für Sie!) an" -- Selbst Huxley hatte sich das in "Schöne Neue Welt" nicht vorstellen können.

Herr Helmut da Silva

23.10.2018, 10:23 Uhr

Ws sind doch immer die gleichen Trolle die den Menschen weis machen wollen, wie mit der Überschrift: "Bargeld und EC-Karte haben auch in Deutschland bald ausgedient."
Bargeldlose Bezahlung kostet pro Transaktion 0,3%, bei einem Jahresumsatz von nur 12000,-Euro sind das Gebühren von 3600,-Euro pro Person die wir dann indirekt zahlen über höhere Preise. Zusätzlich zahlen wir noch mit unseren Daten die, die Unternehmen für Marketingzwecke verkaufen Es kommen noch zusätzliche Kosten je nach Bezahlart, hinzu. Ein Kreditkartenkonto kostet locker zwischen 40 - 100 Euro/Jahr plus 12 Euro für die Abrechnungszusendung. Soll das ganze übers Smartphone laufen darf man ein Smartphon für ca. 400,-Euro und einen Vertrag, nochmals bezahlen. Das ganz große Geschäft machen die Anbieter der Zahlsysteme, übrigens alle mit Sitz in der USA wie Google, PayPal, Appel, Microsoft, Mastercard.
Diese Unternehmen werden dann zu den Herren der Welt, denen wir auf Gedeih und Verderben ausgeliefert sind. Wenn wir dann alle wie die Lemminge Bargeldlos bezahlen wird natürlich kräftig an der Gebührenschraube gedreht, ein Zurück gibt es ja dann kaum mehr.
Deshalb: Nur Bares ist Wahres. Bargeld ist ein Stück Freiheit und Souveränität. Bargeld ist Eigentum alles andere ist nur Kredit auch das Geld auf dem Girokonto ist nur ein Kredit den jeder seiner Bank mit der Einzahlung gibt.
Fallen wir nicht auf die Lügen dieser Unternehmen herein.

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