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05.04.2019

18:34

Expertenrat - Prof. Bernd Thomsen

Das muss die Schule der Zukunft leisten

Von: Bernd Thomsen

Mit Bildung von gestern können wir morgen nicht gewinnen. Denn die Herausforderungen in Gesellschaft und Wirtschaft nehmen exponentiell zu.

Lernen muss auch Spaß machen. dpa

Schülerin in Rheinland-Pfalz

Lernen muss auch Spaß machen.

Neulich saß ich mit meiner kleinen Tochter mal wieder im Flieger. Irgendwann entdeckte sie die kleine, von innen beschichtete Papiertüte, eingeklemmt in dem Fach mit dem Bordmagazin. „Wofür ist das?“, fragte sie. Nachdem ich ihr den Sinn erklärt hatte, schwieg sie eine Weile nachdenklich. Schließlich stellte sie mit dem Brustton der Überzeugung fest: „Daddy, dann sind die Leute hier alles Schüler!“

Erst wusste ich nicht, was sie meinte, doch dann dämmerte es mir. Meine Tochter hatte wohl, während ich mich kürzlich über Bulimie-Lernen echauffierte, meine zugegebenermaßen derbe Verkürzung „Reinfressen, rauskotzen, nichts bleibt hängen!“ aufgeschnappt.

Das deutsche Bildungssystem kränkelt und ist in seiner jetzigen Form nicht zukunftsfähig. Das größte Problem: Unsere Schulen vermitteln nicht die Fähigkeiten, die jeder einzelne von uns, auch jedes Unternehmen, in den nächsten Jahrzehnten zwingend benötigen wird. Kein CFO würde in Mitarbeiterfortbildungen investieren, die sich mittelfristig zu 90 Prozent als ziel- bzw. ergebnislos erweisen. Wären unsere Schulen Firmen, wären sie längst pleite.

Um die ebenso komplexen wie dynamischen Herausforderungen der Zukunft, etwa die der Digitalisierung, zu meistern, muss es beim Thema Bildung um die folgenden Fragen gehen: Wofür müssen wir Menschen lernen, wenn immer mehr Maschinen vieles besser können als wir? Worauf müssen wir unser Wissen und unsere Fähigkeiten ausrichten, damit wir „wettbewerbsfähig“ bleiben?

Es geht um nicht weniger als eine Neuerfindung der Bildung

Deutschland sei eine führende Exportnation, führen Verfechter des Status quo an, die Jugendarbeitslosigkeit sei gering, rund 40 Prozent der Schüler machten Abitur, und deutsche Doktoranden seien an internationalen Spitzenuniversitäten gern gesehen. Das alles ist nicht falsch, aber zu kurz gedacht. Die künftige Lebens- und Arbeitswelt wird ganz neue Anforderungen an die nachfolgenden Generationen stellen: Im Jahr 2070, wenn die Kinder, die heute eingeschult werden, in Rente gehen, werden Kreativität und Soziabilität die zentralen Fähigkeiten sein, die uns gegenüber Robotern mit ihrem schier unendlichen Wissensspeicher überlegen machen.

Kreativität und Soziabilität werden unser wichtigstes menschliches Kapital, unsere Kernkompetenz, weil wir anders als Maschinen mit Querdenken algorithmische Muster brechen und vielversprechende Ideen im Teamwork entwickeln können. Wer kennt das nicht: Einer hat eine interessante Idee, teilt sie mit Kollegen oder Freunden, und nach und nach wird eine sehr gute Lösung für ein Problem daraus. Mit totem Wissen, das Schule heute produziert, versetzen wir unsere Kinder und Kindeskinder nicht in die Lage, dieses kreative und soziale Kapital optimal zu nutzen.

Hochhalten des Humboldt'schen Ideals

Der Literaturwissenschaftler Walter Hinderer hat in seinem Buch „Die deutsche Exzellenzinitiative und die amerikanische Eliteuniversität“ deutsche und amerikanische Universitäten verglichen. Er kommt zu dem Schluss, dass an den Unis der Vereinigten Staaten das Humboldt'sche Bildungsideal eher verbreitet ist als an Hochschulen hierzulande.

Der Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt (1767-1835) wollte bei Schülern Charakter, Individualität und Autonomie entwickeln. In der Tat muss Schule dafür Sorge tragen, dass die ihr anvertrauten Kinder herausfinden, was sie fasziniert, worin sie gut sind, womit sie ihren Beitrag in der Gesellschaft leisten können. Ganz individuell.

Die Realität sieht leider anders aus: Ob Teamwork, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit oder Problemlösungsorientierung, diese Fähigkeiten müssen sich Schüler abseits vom Lehrplan erarbeiten. Viele Abgänger haben nach dem Abschluss erst mal „null Ahnung“, was sie überhaupt machen wollen, weil sie in der Schule ihre individuellen Stärken nicht entdecken durften.

Auch die Digitalisierung kommt in der Schule oft zu kurz. Schüler kennen sich mit dem Internet meist besser aus als ihre Lehrer. Die Wirtschaft hat die Zeichen der Zeit längst erkannt, nur die deutschen Schulen und Universitäten nicht, die lieber digitale Analphabeten ausbilden, während Staaten wie China seinem Nachwuchs pfiffig den Weg zu innovativen Start-ups eröffnen.

Wie wird Schule im Jahr 2050 aussehen? Sie wird auf jeden Fall ein Ort sein, an dem nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern wo das Individuum mit seinem einzigartigen Potenzial im Fokus steht. Sie wird helfen, die individuellen Fähigkeiten junger Menschen herauszubilden, damit diese zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten heranwachsen und selbständig Entscheidungen treffen, die dem eigenen Wohl und dem der Gesellschaft dienen.

Die folgenden drei Leitlinien sollten meines Erachtens Berücksichtigung finden bei der Neuerfindung von Bildung:

1. Praxisorientiertes Lernen

Wissen braucht Anwendung, um aus Merkwürdigem Merkfähiges zu machen. Beim praktischen Lernen werden verschiedene Aspekte miteinander verknüpft. Daher erarbeiten Kinder im Jahr 2050 in Gruppen gemeinsam Themenwelten. Sie könnten (nicht auf Initiative aus der Wirtschaft, sondern als Teil des Schulplans) ein „Mini-Start-up“ gründen und als „Jüngstunternehmer“ Mathematik, Chemie, Englisch und Wirtschaft konkret an jeweils einem Thema lernen. Oder Geschichte live in Rollenspielen erleben. Das bleibt im Kopf und macht Spaß – und es fördert Kreativität und Soziabilität.

2. Neue Fächer

Statt hauptsächlich zu pauken, was sich längst googeln lässt, sollten Kinder in Fächern wie Künstliche Intelligenz die Chancen und Risiken neuer Technologien kennenlernen, um ethisch und fachlich mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen. 2050 werden Lehrpläne daher vielfältiger sein und auch Fächer wie „Happiness“ enthalten. Glück ist nämlich ebenso wichtig wie Sport oder Ernährung und kann, wie die Forschung weiß, durch eine bewusste Lebensführung begünstigt werden. Und die muss man lernen.

In den Niederlanden findet sich Happiness bereits als Unterrichtsfach, das Selbstvertrauen, Soziabilität und Fehlertoleranz lehrt und trainiert. Kein Wunder, dass Holland nach Skandinavien weltweit ganz vorn im aktuellen World Happiness Report der Vereinten Nationen liegt. Deutschland steht in der Statistik lediglich an 17. Stelle und hat sich zum dritten Mal in Folge verschlechtert. Kinder in den Niederlanden sind laut einer UN-Studie weniger übergewichtig, trinken weniger Alkohol, haben später Sex, reden mehr mit ihren Eltern und sind nach der Schule seltener arbeitslos. Und sie sind freiere, autonomere, Persönlichkeiten mit geringem Obrigkeitsglauben.

3. Individuell, global und draußen

Warum müssen alle das Gleiche lernen, wenn jedes Kind anders ist? Diese Frage erübrigt sich 2050. Modernste Technologie macht es in der Zukunft möglich, dass Kinder, denen der Einheits-Bildungsbrei nicht schmeckt, nicht mehr als die „Schwächsten“ oder „Abgehängten“ gebrandmarkt werden. Online werden sie sich mit nach Interessen, Fähigkeiten und Lerngeschwindigkeit maßgeschneiderten Programmen ihr persönliches Skillset zusammenstellen und offline ihre kreativen und sozialen Fähigkeiten zum Beispiel in Kunst, Musik, Theater oder Sport entwickeln.

Für kommende Generationen wird Lernen grenzenlos und standardmäßig auf Englisch sein. Diese Tendenz zeichnet sich bereits heute mit weltweit buchbaren Onlinekursen ab. Von München bis Miami – in der Schule von Übermorgen findet ein übernationaler Austausch statt.

Lehrer – Mentoren und Influencer von morgen

Eine vom Meinungsforschungsinstitut Forsa bereits 2012 durchgeführte Studie ergab, dass Lehrer hierzulande ein geringeres Ansehen als Müllmänner genießen. Laut Gesellschaft für Konsumforschung belegten 2016 Lehrer in einer Liste der angesehensten Berufe nur Platz neun, in anderen Studien tauchen sie nicht einmal in den Top 10 auf. Dass das Vertrauen in Politiker, Versicherungsvertreter und Werbeleute noch miserabler ist, ändert nichts an dem schlechten Bild des Berufsstands. Das wird sich bis 2050 geändert haben, wenn Lehrer anders sein werden.

Sie werden praktische Kompetenzen sowie lösungsorientiertes Lebenswissen vermitteln. Sie glänzen dann nicht mehr durch Fachwissen, sondern bringen Kinderaugen zum Strahlen. Vielleicht heißen sie dann gar nicht mehr Lehrer, sondern Mentoren. Weil sie inspirieren statt zu referieren. Weil sie ihre Schüler dabei unterstützen, ihre Persönlichkeit zu entdecken. Weil sie mit ihrer eigenen Leidenschaft für Potenzialentwicklung andere mitreißen. Weil sie die ihnen anvertrauten Jungen und Mädchen so lassen, wie sie sind, und dabei das Beste aus ihnen rausholen. Weil sie begeistern, statt nur Stoff zu meistern.

Lehrer werden dann die wahren „Influencer“ sein, weil sie unsere nachfolgenden Generationen maßgeblich beeinflussen – und zwar nicht wie Internetstars heute über soziale Medien, sondern live. Wenn das kein Star-Appeal verdient!

Bildung heißt, ein Leben lang Neues entdecken

Für viele beschränkt sich Bildung momentan vorrangig auf die Schulzeit, vielleicht noch aufs Studium. Doch das ist viel zu eng gedacht. Die Neuerfindung von Bildung betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene jeden Alters. Warum sollte man nach dem Start in den Beruf auf die Lernbremse treten? Im digitalen Zeitalter verkürzt sich die Halbwertszeit von anwendbarem Wissen drastisch, innovative Technologien und sich ständig verändernde Geschäftsmodelle- und prozesse erfordern, dass wir unsere Fähigkeiten in jeder Phase unseres Lebens erweitern.

Zu echter Bildung gehört auch, neue Erfahrungen zu sammeln und seinen Horizont zu erweitern. Um das Gehirn zu fordern, ist es wichtig, andere Kulturen kennenzulernen, neue Sportarten auszuprobieren, unbekannte Musik zu hören, kurzum: offen sein für Neues. Das ist keineswegs banal, sondern Teil eines neuen Bildungsbegriffs, dem wir ein großes Stück näherkommen, wenn Bildung ein Leben lang Spaß macht. So bleibt die Zukunft unser Freund!

„Wie funktioniert das dämliche Ding“, riss mich die Stimme einer älteren Dame im Flugzeug aus meinen Gedanken. Sie fingerte auf dem Gangplatz neben uns ungeduldig auf dem Display ihres Tablets herum. Bevor ich ihr helfen konnte, streckte meine kleine Tochter den Kopf zu ihr rüber und fragte mit einem Lächeln: „Darf ich deine Computer-Lehrerin sein?“ 

Prof. Bernd Thomsen ist CEO der Thomsen Group, der globalen Strategieberatung für Innovation, und blickt mit seiner Tochter regelmäßig in die Zukunft.

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