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25.01.2019

18:00

Expertenrat – Prof. Bernd Thomsen

Sieben Dinge, die deutsche Firmen von China lernen können

Von: Bernd Thomsen

Innovationen sichern den Erfolg eines Unternehmens. Auch China verdankt seinen Aufstieg dem Mut zu Neuem. Und es gibt noch weitere Erfolgsfaktoren.

In China ist das Innovationstempo sehr hoch. AFP

Skyline von Schanghai

In China ist das Innovationstempo sehr hoch.

„Daddy, warum hat Winnie Puuh einen Anzug an?“, fragte mich neulich meine kleine Tochter, als ich gerade das Buch „Governance of China“ von Xi Jinping las. Sie hatte auf dem Cover ein Foto des chinesischen Staatspräsidenten entdeckt, dem tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem bei Kindern so beliebten Bären nachgesagt wird.

„Das ist nicht Winnie Puuh“, murmelte ich, noch ganz versunken in die Lektüre, „der unterliegt in China der Zensur.“ Ich legte das Buch zur Seite, denn Zensuren kannte sie bislang nur von ihrem Bruder aus der Schule, und erklärte ihr, dass der „Chef von China“ Winnie Puuh nicht möge und dort vieles verboten sei, was ihm nicht gefalle. Zum Beispiel zu sagen, dass sich die beiden ähnelten.

„Dann will ich nicht nach China!“, resümierte meine sonst durchaus reisebegeisterte Tochter.

Sie unterscheidet sich damit von den mehr als 5.000 deutschen Unternehmen, die in China Geschäfte machen – und das, obwohl sie oft zum Know-how-Transfer gezwungen werden und den Diebstahl geistigen Eigentums hinnehmen müssen.

Die wirtschaftlichen Chancen, die China, nach Einkommensparität die größte Volkswirtschaft der Welt, als wesentlicher Absatz- und Beschaffungsmarkt deutschen Unternehmen bietet, sind mit einem Handelsvolumen von 187 Milliarden Euro zu attraktiv. Kritische Stimmen wie die des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) zur staatlich gelenkten Volkswirtschaft werden daran nichts ändern.

Leider wird es am Ende des Tunnels zunehmend dunkler. Keine fünf Prozent der 1.000 wichtigsten deutschen Unternehmen sind sehr aktiv, wenn es um zukunftssichernde Innovationsprogramme geht. Sechzig Prozent haben noch nicht einmal Innovationsaktivitäten. 

Von China lernen

Was können deutsche CEOs – auch vor dem Hintergrund einer prospektiv schwächeren Konjunktur – von China lernen? Wie ist es der Volksrepublik gelungen, einen Innovationsgeist zu entfesseln, der das Land zur Weltmacht aufsteigen ließ? Schauen wir uns dazu einmal die sieben wichtigsten Faktoren an:

1. Geld: China investiert hohe Beträge in Wachstumsfelder, allein in Künstliche Intelligenz 28-mal so viel wie Deutschland.

2. Möglichkeiten: Jeder, der eine Idee hat, kann sofort loslegen. Die verfügbaren Ressourcen sind umfassend, Genehmigungen schnell erteilt.

3. Bildung: Während Deutschland noch immer mit Bulimie-Lernen gestriger Themen digitale Analphabeten ausbildet und die Kultushoheit wichtiger ist als Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit, ist das chinesische Bildungssystem bereits ab dem Kindergarten digital. Diese fortschrittsfreundliche Ausrichtung setzt sich in der Uni fort, wo die Studenten bereits zu Ausgründungen eigener Firmen motiviert und befähigt werden. 

4. Risikobereitschaft: Nichts ist ohne Risiko, alles kann schiefgehen. Aber macht nicht genau dies das Unternehmertum aus? Anders als viele Deutsche sind Chinesen weniger risikoavers. Schon im alten China liebte man das Glücksspiel. Doch ein Spiel mit System ist immer Erfolg versprechender als ein Münzwurf.

5. Problemlösung: Technik beseitigt in China handfeste Probleme aus der alten, analogen Welt. Früher gab es beispielsweise viel zu wenig Geldautomaten in Peking. Heute ist die Stadt bargeldlos, alles wird per Smartphone bezahlt. Auch wenn Deutschland „satt“ sein mag, dürfen sich Unternehmen niemals auf ihren Erfolgen ausruhen. Verantwortlich handelnde Firmenlenker müssen gerade in guten Zeiten innovativ denken, die Ärmel hochkrempeln und Probleme der Zukunft antizipieren.
6. Innovations-Bereitschaft und -Begeisterung: Die chinesische Bevölkerung nimmt technische Neuerungen bereitwillig auf. Deutsche Unternehmen müssen diese Begeisterung auch bei ihren Mitarbeitern entfachen, mit einem eigenen Rezept aus Wertschätzung und Partizipation.

Innovationen – und diese müssen nicht gleichbedeutend mit Digitalisierung sein – sind entscheidend, um die eigene unternehmerische Zukunft zu sichern. Dafür braucht es vor allem Mut und Entscheidungsfreudigkeit. Firmenlenker müssen die Erfolge von morgen bereits heute anstoßen und konsequent anpacken, um die Zweifel der Mitarbeiter zu zerstreuen.

Der siebte Faktor für Chinas Erfolg ist nichts, was wir uns zum Vorbild nehmen, ein Learning steckt dennoch darin: Rücksichtslosigkeit.

Natürlich kann man Xi nicht für die von Staatsgründer Mao Zedong zwischen 1958 und 1962 auf dem Weg vom Agrar- zum Industriestaat zu verantwortenden Millionen Toten haftbar machen. Er selbst musste 1966 vor den Roten Garden flüchten. Es ist aber dieselbe Volksrepublik, die Mao verehrt und nach wie vor autokratisch geführt wird, dieselbe Volksrepublik, die Medien zensiert, Menschen überwacht und willkürlich einsperrt.

Und es ist dieselbe Volksrepublik, die weltweit Projekte finanziert, deren Folgen die betroffenen Länder heute kaum absehen. Wie etwa Sri Lanka, das Chinas Kredite nicht bedienen konnte und nun 100 Jahre lang seinen strategisch wichtigen Hafen in Hambantota als Außenposten an China übergeben muss.

Für ihre Wirtschaftsmacht, die auf Innovationskraft basiert, bewundern viele Schwellenländer die Volksrepublik und erhoffen sich ähnliche Prosperität. Dafür sind sie bereit, auf Demokratie und freiheitliche Werte zu verzichten. Steigender Wohlstand ist ein Beruhigungsmittel – und wirkt nicht nur in China. Aber was, wenn die Menschen sich an eine gute Lebensqualität gewöhnt haben? Dann werden die Rufe nach Freiheit in der Gesellschaft laut. Und die Karten neu gemischt.

Und auch in Kapitalgesellschaften entfaltet Freiheit ihre Kraft und schenkt CEOs ein wichtiges Learning: Internationale Topmitarbeiter, die keinen Heimatstolz spüren, suchen in China das Weite, wenn politische Enge und zermürbende Machtkämpfe die Kreativität zerstören. Und vor allem: wenn freiheitliche Vielfalt fehlt.  

Die Entscheidung eines CEOs für Innovation ist daher viel mehr als die Vision unternehmerischen Erfolgs. Sie sichert, was wir viel zu lange als selbstverständlich annahmen: unsere freiheitlichen Werte!

Wer die Herausforderungen, mit denen uns China konfrontiert, partout nicht sehen will, müsste anstelle von Xi, der dem Bären nur äußerlich ähneln soll, „Winnie Puuh“ genannt werden. Denn laut Alan Milne, dem Schöpfer des gleichnamigen Kinderbuchs, ist Puuh „von sehr geringem Verstand“. Meiner Tochter habe ich davon vorsichtshalber nichts erzählt.

Prof. Bernd Thomsen ist CEO der Thomsen Group, der globalen Strategieberatung für Innovation, und blickt mit seiner Tochter regelmäßig in die Zukunft.

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