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10.10.2019

08:37

Expertenrat – Eike Wenzel

Der Kampf gegen den Klimawandel braucht eine Wende in der Kommunikation

Von: Eike Wenzel

Die Klimadebatte leidet an einem Vermittlungsproblem. Gute Absichten in der Berichterstattung kehren sich in ihr Gegenteil um. Das ließe sich lösen.

Nachrichten werden von ausweglosen Katastrophenszenarien dominiert. Es bräuchte mehr Empathie. dpa

Brände am Amazonas

Nachrichten werden von ausweglosen Katastrophenszenarien dominiert. Es bräuchte mehr Empathie.

Wer wirkungsvolle Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen möchte, der sollte sich klarmachen, dass wir in der medialen Aufarbeitung dieser „Menschheitsaufgabe“ (Angela Merkel) vorläufig erst einmal grandios gescheitert sind. 

Fake-News-Lawinen seitens der Klimaleugner, insbesondere in den sozialen Medien, haben dazu geführt, dass wir mit dem Klimadiskurs in einer gefährlichen Sackgasse gelandet sind. Entweder der Klimawandel wird für nicht existent erklärt, was blanker Unsinn ist. Oder er wird – besonders in den Bildern des Fernsehens – als ein unumkehrbarer Selbstauslöschungsmechanismus dargestellt, bei dem menschliches Handeln schlechterdings keine Rolle mehr spielt. 

Für jeden gesellschaftlichen Transformationsprozess ist es jedoch fatal, wenn es nur noch ein Entweder-oder gibt. Was wir brauchen, ist ein Zukunftsnarrativ, das nicht nur die drohenden Auswirkungen abbildet, sondern auch die Rolle des Menschen und die Rolle von Wirtschaft und Gesellschaft darin beschreibt. 

Wie also kommen wir aus dieser kommunikativen Sackgasse – Klimaleugnung versus Endzeitverkündung – heraus, bei der es um nicht weniger als um die Gestaltung unserer Zukunft geht? 

Sogar über Seuchen wird positiver berichtet

Medienforscher in den USA haben festgestellt, dass der Klimawandel – anders als die Berichterstattung über Seuchen, Epidemien und Naturkatastrophen – auffällig oft bei der Schilderung auswegloser Situationen stehen bleibt. Im Fernsehen sehen wir Häuser am Rande von Klippen, die abzustürzen drohen, fliegende Dächer, Tiere (Eisbären auf winzigen Eisschollen), die stummes Leid ausdrücken, oder indigene Bewohner, die als stumme Opfer dargestellt werden (während Klimaprofessoren im Off dozieren). 

Die verheerenden Waldbrände im Amazonas und in Sibirien, mit Drohnen oder aus Helikoptern heraus gefilmt, zeigen den Klimawandel als apokalyptische Kettenreaktion, in die der Mensch nicht mehr einzugreifen vermag. In den Nachrichtensendungen wird kaum über Hilfsmaßnahmen oder Reaktionen der Betroffenen berichtet, dafür fehlen Reporter vor Ort – und der Aktualitätsdruck tut ein Übriges. 

Auch die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF scheinen sich entschlossen zu haben, die krassen Auswirkungen der Klimaveränderung und drohende, noch schlimmere Konsequenzen für die nächsten Jahre ungeschminkt ins Bild zu setzen. Medienexperten erläutern, dass genau an diesem Punkt immer mehr Zuschauer aussteigen: zu hoher Leidensdruck, Gefühle von Ohnmacht und Ausweglosigkeit.  

Drei Faktoren blockieren eine zielführende Klimadebatte

Bei dieser „Desaster-Kommunikation“ tragen drei Eigentümlichkeiten des Klimadiskurses dazu bei, dass die gute Intention in ihr Gegenteil umschlägt. Erstens fühlt sich die Mehrzahl der Berichterstatter bei einem menschheitsbedrohenden Thema wie dem Klimawandel offenbar verpflichtet, die harten Fakten zu benennen und keine simplifizierenden Scheinlösungen anzubieten. 

Hinzu kommt, zweitens, die besondere Einstellung der Journalisten zum Klimawandel. Bereits in einer Studie aus dem Jahr 2014 äußerten zwei Drittel der befragten Journalisten, sie wollten mit ihrer Klimaberichterstattung vor allem auf die Notwendigkeit gesellschaftlicher und ökonomischer Reformen aufmerksam machen. Ob mit harten Fakten oder mit ungeschminkten Bildern der stattfindenden Klimaveränderung – Journalisten möchten also in erster Linie wachrütteln, statt einfühlsam zu informieren. 

Dem gesellt sich, drittens, noch ein weiteres Problem hinzu: die Tatsache, dass die Klimaforschung seit Jahren massiv durch die Kampagnen der Klimaleugner unter Druck gesetzt wird. Gerade in den sozialen Netzwerken hat das dazu geführt, dass Fake News zum Thema Klimawandel massenhaft Verbreitung finden und an Einfluss gewinnen. Forscher der University of California haben 100.000 Artikel zum Klimawandel analysiert, die zwischen den Jahren 2000 und 2016 verfasst wurden.

Dabei zählten sie aus, wie oft die bekanntesten 386 Klimaleugner und die bekanntesten 386 Klimaforscher erwähnt wurden. Das Ergebnis: Selbst in renommierten Blättern wie der „New York Times“ und dem „Guardian“ werden die Klimaleugner deutlich häufiger zitiert als die Klimawissenschaftler

Das hat zu einem Lagerdenken geführt, wodurch nicht zuletzt auch die Journalisten unter so etwas wie einen Bekenntniszwang geraten sind. In dieser eskalierten Situation, so die Wahrnehmung vieler Journalisten, geht es nur noch um Entweder-oder: Entweder man bekennt sich zur Realität des Klimawandels – oder man läuft Gefahr, als Klimaleugner geoutet zu werden (was für viele Freelancer gleichbedeutend mit dem Verlust von Aufträgen wäre). Auch deswegen fühlen sich viele Berichterstatter aufgefordert, die harte Wahrheit des Klimawandels zu transportieren, damit sie ja nicht in den Ruf geraten, zur Fraktion der Klimaleugner zu gehören. 

Einengung auf isolierte Fakten erhöht Leidensdruck

Das zunehmende Abschalten der Menschen zeigt: Oft ist das Gegenteil von „gut“ nicht „böse“, sondern „gut gemeint“. Der Klimawandel droht dadurch zu einem Tabuthema und einer diffusen, aber allgegenwärtigen Dauerbedrohung zu werden – und falsch verstandene Faktentreue und übergroße Loyalität gegenüber der Klimaforschung zu einer zusätzlichen, medialen Klimaleugnung („Ich kann es nicht mehr sehen“). Dabei wäre es so wichtig, dass mehr Menschen ein geschärftes Bewusstsein dafür entwickeln.  

Ich würde nicht ausschließen, dass die halbherzigen Reformschritte der GroKo beim Klimapaket in Teilen auf diesen medialen Klimaverdrängungs- und Ermüdungseffekt zurückgehen und konsequentere Reformschritte blockiert haben: den Bürger ja nicht noch mehr unter Leidensdruck setzen, ja nicht noch mehr überfordern, ja den sauer erarbeiteten Wohlstand nicht infrage stellen. 

Reallabore für einen verantwortungsvollen Klimadiskurs

Statt nur die Folgen des Klimawandels zu dokumentieren oder in fiktionaler Form zu dramatisieren, sollten mit Empathie die Reaktionen der betroffenen Menschen vor Ort ins Bild gerückt werden. Damit wird nichts verharmlost und werden keine Fakten geleugnet – dadurch entsteht meines Erachtens erst ein realistisches Gesamtbild. Der Betrachter erkennt: Der Klimawandel ist da, und die Menschen versuchen, sich ihm anzupassen und Auswege zu finden. Das wiederum versetzt uns als Leser und Betrachter in die Lage, eigene Strategien zu entwickeln und sich selbst als Teil der Lösung zu entwerfen. 

Wir brauchen klimastrategische Reallabore, Testräume, in denen Bürger, Medien, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft umsetzbare und lebenswerte Zukünfte in Zeiten des Klimawandels gemeinsam entwerfen. 

Zwei Ideen dazu

Von Finnland lernen, Desinformation trotzen, klimapolitisches Immunsystem aufbauen: Wir müssen auf einen Klimadiskurs hinarbeiten, der die Menschen bei der Anpassung an den Klimawandel mitnimmt, keine Fakten verschweigt, aber auch keine Massenpanik schürt. Ein Blick nach Finnland auf die dort ergriffenen Sofortmaßnahmen gegen russische Fake-News-Kampagnen geben eine Idee davon, wie sich auch ein kommunikatives Immunsystem gegen Klimaleugner aufbauen lässt: Früh wurde in Finnland auf die Fake-News-Bedrohung mit einem nationalen „Critical-Thinking-Curriculum“ reagiert. Der Staatspräsident selbst startete die Initiative, bei der in der Schule die Strategien der „Trolle“ erläutert werden.

Mit „Faktabaari“ hat das Land eine eigene Faktencheck-Agentur ins Leben gerufen. Fakten, die Schülern auf Youtube und in den sozialen Netzwerken begegnen, werden im Schulunterricht durchleuchtet, Clickbaiting und Emotionalisierungsstrategien werden durchschaubar gemacht. Finnland macht seiner Bevölkerung klar, dass es sich nur durch aktive Beteiligung der Bevölkerung gegenüber Fake News immunisieren kann. Ähnliche Kampagnen brauchen wir auch zum Thema Klimawandel. 

Mit Live-Demokratie gegen die Faktizität des Schreckens: In fächerübergreifenden Expertennetzwerken sollte die Sachlage – und vor allem auch die sachverständige Kommunikation – der Klimakrise moderiert werden. Solche Gremien dürfen nicht als Unterausschüsse im Umweltministerium versteckt werden, sondern müssen sichtbar und ansprechbar sein. Interdisziplinäre Teams sollten einer Kommunikationsstrategie folgen, die nicht bei der Beschreibung der bedrohlichen Konsequenzen stehen bleibt, sondern zum Planen und Handeln ermutigt. 

Voraussetzung einer solchen Nachhaltigkeits-Taskforce muss es sein, dass der Klimawandel in seinen dramatischen Konsequenzen erkannt wird – aber genauso wichtig: Maßnahmen und Handlungsszenarien sowie ökonomisch-industrielle Best Practices müssen diskutiert und öffentlich wahrnehmbar werden. (Als Vorbild können die „runden Tische“ zur Wende 1989 oder die Schlichtung bei Stuttgart 21 dienen, eine der bislang letzten Sternstunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.)

Wir wissen noch längst nicht alles über den Klimawandel. Und es ist unseriös vorherzusagen, was in fünfzig oder hundert Jahren passiert. Wir brauchen vor allem eine weniger katastrophenverliebte Kommunikation. Denn fest steht: Gesellschaftliches Desengagement, das durch den Endzeitsound der Medien gefördert wird, können wir uns nicht leisten.

Kommentare (6)

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Herr Hans-Peter Boehm

10.10.2019, 09:47 Uhr

Vielen Dank für diese Analyse! Die irrationale Katastophenkommunikation von Greta Thunberg bis Extinction Rebellion bewirkt nur das Gegenteil und stärkt Gegenbewegungen.
Zu einer rationalen Diskussion gehört auch eine kritische Betrachtung der "Paris-Ziele". Hier ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, der an Goethes Zauberlehrling erinnert: "Die Geister, die ich rief....." Das 2°-Ziel und erst recht 1,5° sind zunächst rein politische Zielsetzungen, die im Verhandlungsprozess entstanden sind, um vor allem die Zustimmung der kleinen Inselstaaten zu sichern. Beide Zielmarken, 2° und erst recht 1,5°, sollen sie bis Ende des Jahrhunderts erreicht werden, verlangen, dass zwischen 2020 und 2025 der weltweite (!) Peak der Treibhausgasemissionen erreicht wird, gefolgt von einem steilen Reduktionspfad, der in allen Szenarien ab 2050 sogenannte negative Emissionen vorsieht. Die dafür notwendigen Technologien (CCS, CCU) sind bisher weder im größeren Maßstab erprobt worden noch ist zu erwarten, dass sie auf breite Akzeptanz stoßen. Jedenfalls gibt es in Deutschland bereits jetzt schon die Ankündigung von Verboten, falls sie eingesetzt werden sollten.
Die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Unterzeichnerstaaten des Pariser Klimaabkommens sprechen eine ganz andere Sprache: Würden sie tatsächlich umgesetzt landen wir bei einer Erderwärmung von ca. 2,7° bis Ende des Jahrhunderts. Dies scheint mir ein realistische aber dennoch ehrgeizige Zielstellung, denkt man an die Entwicklung der Weltbevölkerung und die damit einhergehende Steigerung der Energienachfrage, die auch Ende des Jahrhunderts noch zu großen Teilen von fossilen Energieträgern gedeckt werden wird.
Zu einer ehrlichen und rationalen Diskussion gehört daher auch, statt weltfremde Ziele wie Klimaneutralität der EU bis 2050 oder noch irrwitziger bis 2025 von Extinction Rebellion in die Welt zu setzen, sich mit einer 3°-Grad-Welt zu befassen und zu diskutieren welche Anpassungsmaßnahmen möglich und nötig sind.

Herr Werner r

10.10.2019, 09:59 Uhr

Ein Artikel, der die Vernunft in den Vordergrund stellt und nicht die Panikmache. Was ich vermisse, sind Wissenschaftler, die die Auswirkungen des Klimawandels seriös darstellen und nicht jeden Sturm oder jeder Trockenperiode als dem Klimawandel geschuldete Katastrophe darstellen. Als Beispiel: Es gibt eine Erhebung für die Nordeifel, nach der in den letzten 100 Jahren die mittlere Temperatur um ca. 1 Grad zugenommen hatte, die Zahl der Starkregentage aber praktisch nicht zugenommen hat. Ein weiteres Beispiel vermittelt von einem Metrologen (keinem Klimawandelleugner): In 2018 hat es zwar in Deutschland extrem wenig geregnet, für Gesamteuropa war die Niederschlagsbilanz aber normal. Wir müssen Maßnahmen gegen den Klimawandel treffen, ich bezweifle aber, dass wir 2050 klimaneutral sein müssen, um größere Schäden zu vermeiden. Überspitzt gesagt: was nützt uns die Klimaneutralität 2050, wenn wir vorher verhungert sind.

Herr Franz Schügerl

10.10.2019, 19:03 Uhr

Also wenn das Handelsblatt derartig unseriöse Propaganda betreibt, bestelle ich es wieder ab!

Fakt ist, dass das CO2 ein lebensnotwendiges Spurengas ist, ohne dem wir in kürzester Zeit verhungern würden. Das Leben auf unserem Planeten hat obendrein die Eigenheit über die Bildung von Kalk in Knochen oder Muschelschalen CO2 nachhaltig zu binden! Alle Kalkgebirgsstöcke dieser Erde waren einmal als CO2 in der Luft. Vor 500 Millionen Jahren war der CO2 Gehalt der Luft deshalb rund 20 mal höher als heute. Langfristig droht uns ein CO2 Mangel und kein Überschuss.

Obendrein ist der Treibhauseffekt physikalischer Nonsens. Er wiederspricht beiden Hauptsätzen der Thermodynamik und dem Strahlungsgesetz, von denen der Autor offensichtlich keine Ahnung hat.
Obendrein gibt es kein einziges Laborexperimment, das den "Treibhauseffekt" nachweist. Hingegen sind die genannten drei Gesetze millionenfach durch Laborexperimente abgesichert!

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