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24.11.2022

11:31

Globale Trends

Die G20-Staaten schauen machtlos auf eine staatenlose Tech-Welt

Von: Torsten Riecke

Technologiekonzerne sind heute mächtiger als viele Nationen. Die Europäische Union muss sich mit Apple und Google zusammentun.

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Globale Trends

Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter [email protected].

Wenn sich die politischen Führer der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) am kommenden Wochenende in Rom treffen, umgibt sie zwar die Aura einer Weltregierung. Die wirklich Mächtigen sitzen jedoch gar nicht mit am Tisch. Längst sind es nicht mehr die Staatenlenker allein, die über die großen Schicksalsfragen der Menschheit wie Pandemie, Klimawandel oder Wohlstand in einer digitalisierten Weltwirtschaft entscheiden. Die Macht hat sich von den Regierungssitzen in die Konzernzentralen der großen, globalen Technologienkonzerne verschoben.

Das erkennt man nicht nur daran, dass der Marktwert von Apple, Microsoft, Google und Co. inzwischen die Wirtschaftskraft vieler G20-Länder übertrifft. Die fünf Tech-Riesen aus den USA haben 2019 für Forschung und Entwicklung etwa genauso viel ausgegeben wie alle privaten Unternehmen und staatlichen Stellen in Deutschland zusammen. Wenn es um die Zukunft geht, ist Big Tech längst auf Augenhöhe mit den Staatenlenkern.

Hinzu kommt, dass die Entdecker aus dem Silicon Valley und ihre Rivalen aus China viele Spielregeln im digitalen Raum bestimmen – sei es als Gatekeeper der weltumspannenden sozialen Netzwerke, sei es als Pioniere jener Technologien, die über Wohlstand und Sicherheit im 21. Jahrhundert entscheiden.

„Es ist an der Zeit, die größten Technologieunternehmen als staatsähnlich zu betrachten. Die Tech-Giganten sind selbst zu geopolitischen Akteuren geworden“, sagt Ian Bremmer, Chef der Denkfabrik Euraisa Group in New York. Gut möglich also, dass der wahre Technologiekrieg der Zukunft gar nicht zwischen den USA und China stattfindet, sondern zwischen Nationalstaaten und global agierenden Tech-Konzernen.

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    Wie weit die Ambitionen der Zukunftsmacher reichen, zeigen die Pläne von Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef will diese Woche seinem Social-Media-Imperium einen neuen Namen geben, der zugleich Zuckerbergs Vision von einem „Metaverse“ beinhalten soll. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Science-Fiction-Roman „Snow Crash“, in dem der Autor Neal Stephenson bereits 1992 eine dreidimensionale virtuelle Zukunftswelt entwarf.

    Ein Bestseller gibt einen Vorgeschmack auf Zuckerbergs Träume

    Wer einen aktuelleren Vorgeschmack auf Zuckerbergs Träume vom staatenlosen Internet haben möchte, sollte den Bestseller „Ready Player One“ von Ernest Cline lesen. Dabei ist nicht entscheidend, ob Clines Dystopie jemals Wirklichkeit wird. Wichtiger ist, dass viele Merkmale seines Metaverse bereits „in Arbeit“ sind.

    „Das Metaversum ist ein Ort, an dem erweiterte und virtuelle Realität, Datennetze der nächsten Generation und dezentralisierte Finanzierungs- und Zahlungssysteme zu einer realistischeren und immersiveren digitalen Welt beitragen, in der Menschen Kontakte knüpfen, arbeiten und mit digitalen Gütern handeln können“, schreibt Bremmer.

    Grafik

    Ob es dazu kommt, ist jedoch keineswegs ausgemacht. Die Nationalstaaten haben zwar keine Kontrolle über den digitalen Raum, machtlos sind sie aber noch lange nicht. Insbesondere die USA und China reden einem Techno-Nationalismus das Wort und versuchen, ihre Tech-Ikonen für geopolitische Ziele einzuspannen.

    Bidens „Decoupling“ ist dafür ebenso ein Beispiel wie Xi Jinpings Initiative „Made in China 2025“. Daneben zeigt auch der politische „techlash“ in Washington und Peking, dass der Machtkampf zwischen Big Tech und den Staaten noch nicht entschieden ist.

    500 Millionen Konsumenten bilden Europas größte Stärke

    Europa kann weder an einem amerikanisch-chinesischen Techno-Nationalismus noch an einem staatenlosen Metaverse à la Zuckerberg Interesse haben. Solange die Europäer nicht selbst über Global Player in der digitalen Welt verfügen, liegt Europas Stärke in seiner regulatorischen Macht über einen Binnenmarkt mit rund 500 Millionen Konsumenten.

    Das macht die EU zu einer Vorkämpferin staatlicher Souveränität in der globalen Techno-Sphäre. Dafür stehen nicht nur die Datenschutz-Grundverordnung, sondern auch die geplanten Regeln für Internetplattformen und den Einsatz Künstlicher Intelligenz.

    Es gehört zur Ironie der neuen Tech-Welt, dass die wichtigsten Verbündeten Europas bis zu einem gewissen Grad ausgerechnet die US-Giganten Apple und Google sind, die in Brüssel immer wieder ins Kreuzfeuer der Kartellwächter geraten. Beide Konzerne sind die wahren Globalisten der Tech-Elite und haben großes Interesse an einem globalen Markt mit globalen Regeln. Ein vom Tech-Nationalismus bestimmtes Splinternet würde ihnen wie den Europäern wirtschaftlich am meisten schaden.

    „People, Planet, Prosperity“ steht über der G20-Agenda am Wochenende. Die ewige Stadt ist der richtige Ort für die Staatenlenker, um über diese Menschheitsfragen gemeinsam nachzudenken. Enthält Rom doch auch die ewige Warnung vor der Hybris der eigenen Machtvollkommenheit.

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