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23.11.2022

10:51

Globale Trends

Hightech-Rezession bedroht Irlands Geschäftsmodell

Von: Torsten Riecke

Die Massenentlassungen von Meta, Twitter, Amazon und Co. bremsen den Aufschwung auf der grünen Insel. Die Abhängigkeit vom Technologie-Sektor wird jetzt zum Klumpenrisiko.

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Globale Trends

Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter [email protected]

London Als die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) diese Woche ihren Konjunkturausblick vorstellte, gab es im Klub der reichen Volkswirtschaften fast überall lange Gesichter. Zu den wenigen Lichtblicken gehört Irland, für das die OECD-Ökonomen in den kommenden zwei Jahren trotz des globalen Gegenwinds stattliche Wachstumsraten von deutlich über drei Prozent voraussagen.

Die wichtigste Stütze für die irische Wirtschaft sind die Exporte multinationaler Konzerne, die aus dem ehemaligen Armenhaus Europas in den vergangenen Jahrzehnten einen „keltischen (Wachstums-)Tiger“ gemacht haben. Als Irland dann 2010 in den Sog der europäischen Schuldenkrise geriet, befürchtete man in Dublin, die goldenen Zeiten seien bereits wieder vorbei.

Doch die irische Volkswirtschaft hat sich von dem Schock schneller als andere Länder erholt und ist dank niedriger Steuersätze, gut ausgebildeter Arbeitskräfte und seiner geografischen Lage als Brückenkopf für den europäischen Binnenmarkt zur Hightech-Insel geworden.

Was wie ein „One-Way-Ticket” zu Wachstum und Wohlstand schien, könnte sich im aktuellen Technologie-Abschwung allerdings als wirtschaftliches Klumpenrisiko erweisen. Die angekündigten Massenentlassungen bei großen Tech-Konzernen wie Meta, Amazon, Twitter, dem Zahlungsdienstleister Stripe und Computerbauer HP haben auf der grünen Insel Ängste vor einem „Techlash“ geschürt.

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    In Dublins „Silicon Docks“ reihen sich die Firmenlogos von Google, Amazon, Paypal, Siemens, SAP und Microsoft aneinander. Die ausländischen Tech-Firmen sind nicht nur ein Beschäftigungsmotor – rund 140.000 IT-Profis arbeiten auf der Insel, und allein seit Anfang vergangenen Jahres kamen fast 25.000 hinzu.

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    Die hochbezahlten Techies und ihre gut verdienenden Arbeitgeber sorgen auch dafür, dass die Steuereinnahmen der irischen Regierung trotz des international oft kritisierten Körperschaftsteuersatzes von nur 12,5 Prozent kräftig sprudeln.

    Nebenwirkungen der Tech-Sucht

    McCarthy ist nicht der Einzige, der vor einer allzu großen Abhängigkeit vom Technologiesektor warnt. Auch Alan Barret, Direktor der Denkfabrik Economic and Social Research Institute (ESRI), sorgt sich wegen der Nebenwirkungen der Tech-Sucht auf der Insel.

    Die Regierung in Dublin scheint sich der Gefahr bewusst: Ging es vor 20 Jahren nur darum, möglichst viele Auslandsinvestitionen nach Irland zu locken, ist man heute wählerisch geworden und achtet stärker auf die „qualitativen“ Auswirkungen, die solche Investments für Beschäftigung und Produktivität der gesamten irischen Wirtschaft mit sich bringen.

    Zugleich bemüht sich Irland darum, seine Risiken breiter zu streuen, und kann dabei auf eine bereits starke Stellung im Life-Science-Bereich aufbauen. Pharma- und Biotech-Konzerne von Pfizer über Eli Lilly bis Amgen forschen und entwickeln seit Jahren auf der grünen Insel. Im Mai kündigte der deutsche Merck-Konzern an, seine Kapazitäten am Standort Cork für 440 Millionen Euro zu erweitern.

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    Überhaupt scheinen die Auslandsinvestitionen weder unter der Pandemie noch unter den geopolitischen Spannungen gelitten zu haben: Nach Angaben von Tommy Fanning, Chefstratege der irischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft IDA, waren die vergangenen sechs Monate die „erfolgreichsten in unserer Geschichte“.

    Drei Warnungen für Nachahmer

    Das irische Erfolgsmodell hält für potenzielle Nachahmer jedoch drei Warnungen bereit. Erstens: Eine zu große Abhängigkeit von nur einem Wirtschaftssektor ist gefährlich. Selbst Hightech ist keine Einbahnstraße. Zweitens: Eine kleine, offene Volkswirtschaft bleibt verwundbar, wenn es ihr nicht gelingt, die hohe Produktivität ausländischer Firmen auch auf andere Teile der Wirtschaft zu übertragen. Irland zeigt, wie schwierig das ist.

    Und drittens: Steueranreize sind im internationalen Wettbewerb zwar wichtig, aber oft nicht entscheidend. Geografie und Talent sind heute wichtiger. Niedrige Steuersätze sind zudem nicht für die Ewigkeit: Irland muss sich auf internationalen Druck dem von der OECD geplanten Mindeststeuersatz von 15 Prozent für die Körperschaftsteuer anpassen.

    Außerdem sollen digitale Dienstleistungen künftig stärker dort besteuert werden, wo sie anfallen – und nicht, wo Tech-Konzerne ihre Niederlassung haben. Beides wird Irlands Steuervorteile mindern.

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