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20.01.2022

11:06

Kolumne „Kreative Zerstörung“

Frisst die Technologie die Gegenwart? Von wegen, das machen wir schon selbst

Von: Miriam Meckel

Unser Zeitempfinden hat sich verändert, das Internet hat die Zeit disruptiert. Statt einer Disruption der Disruption kann uns nur eines helfen: Die Muße.

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Klawe Rzeczy

Die Autorin

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

Das Jahr ist jung, und man selbst fühlt sich alt. Wo sind die vergangenen zwölf Monate bloß geblieben? Irgendwie sind sie weg, verschluckt im Augenblick eines Silvesterabends. Ein seltsames Gefühl: Die Zeit verfliegt und dehnt sich gleichzeitig wie ein altes Kaugummi, an dem jede noch so üble Erinnerung auf immer kleben zu bleiben scheint. „Rasender Stillstand“, so nennt der französische Medienphilosoph Paul Virilio diesen Zustand. Er beschreibt eine Gegenwart, in der das menschliche Gefühl für die Zeit durcheinandergerät. Das hat viel mit dem technologischen Wandel der vergangenen Jahre zu tun.

Das Internet, die mobilen digitalen Technologien haben unser Zeitverständnis und -empfinden verändert. Manche sagen zum Guten. Denn allein durch das allgegenwärtige Multitasking, die parallele Erledigung von vielfältigen Aufgaben im selben Moment, sollten wir doch schneller und produktiver werden. Gleichzeitig Podcast hören oder telefonieren, das Kind wickeln und die Spülmaschine ausräumen, das geht. Wir leben in einer Parallelgesellschaft, in der alle und alles, auch wir selbst, pausenlos verfügbar sind.

Für die Zeit heißt das: Ihr lineares Vergehen, eins kommt nach dem anderen, ist durch das Konzept der Simultanität ersetzt worden. Das Internet hat die Zeit unterbrochen, wie wir sie kannten, und neu zusammengesetzt zu einem Vielebenen-Puzzle, in dem, wer mithalten will, jedes Teil in jedem Augenblick gleichzeitig anlegen muss.

Für zartere Geister ist das nicht immer ein Vorteil. Sie leiden unter Chronophobie, der wachsenden Angst davor, dass die Zeit immer schneller, ja schlicht zu schnell vergeht. In der Internetwelt ist die Gegenwart mit der Zukunft verschmolzen. Damit fehlt ab sofort eine zeitliche Hoffnungsdimension, auf die man früher vieles richten konnte, meint der kanadische Medienphilosoph Douglas Coupland, dem dieser Zustand ein Gefühl von „Zeitweh“ beschert.

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    Mannigfaltige Apps auf unseren Smartphones machen aus diesem zeitbedingten Gefühl von FOMO (Fear of missing out) ein Geschäftsmodell. Wir können unsere Aktivitäten loggen, systematisch erfassen und nach ihren prozentualen Anteilen am Tagesgeschäft auswerten, uns mit der Pomodoro-Technik an regelmäßige Pausen im unendlich beschleunigten Strom der Zeit erinnern lassen oder gute Vorsätze zu einem besseren Umgang mit Arbeits- und Lebenszeit dokumentieren und uns dafür selbst zur Rechenschaft ziehen, wenn es mal wieder nicht geklappt hat. Am Verlauf der Zeit ändert all das nichts.

    Tatsächlich ist es wissenschaftlich erwiesen, dass die Zeit mit zunehmendem Alter gefühlt schneller vergeht. Und das trifft nicht nur auf kürzlich durchlebte Zeitabschnitte zu, auch ganze Lebensjahrzehnte scheinen schlicht zu verfliegen, je älter man wird. Nicht einmal die Zeit kann sich also aus dem stählernen Griff der Inflation retten.

    Wenn das Internet die Zeit disruptiert hat, wie wir sie kannten, wie wäre es denn damit, eine Disruption der Disruption zu versuchen? Dafür gäbe es verschiedene Möglichkeiten. Wir könnten entscheiden, die Zeitrechnung einfach abzuschaffen und ohne Zeitstruktur zu leben.

    So wie es das kleine arktische Dorf Sommarøy vor zwei Jahren probiert hat. Ohne Zeit und ihre Messung könnten Geschäfte einfach öffnen, wenn die Inhaber es wollen, und Menschen könnten sich impulsiv treffen, statt alles mühsam im Voraus verabreden zu müssen. Nun, das​ mag bei gerade mal 300 Einwohnern vielleicht noch klappen. In unserer komplexen Welt lässt sich so nicht leben. Die Uhr wird bleiben, auch wenn sie vor allem zeigt, wie die Zeit vergeht.

    Warum entsteht und verschwindet die Zeit für uns horizontal, nicht vertikal?

    Wenn es keine strukturelle Disruption gibt, dann bleibt es an uns selbst, unsere Sicht auf die Zeit zu ändern. Dafür brauchen wir keine Apps und keine neuen Technologien, denn es gibt eine „Techne“, die dafür hervorragend geeignet ist: die Muße. Sie beschreibt nicht einen Zustand der Faulheit, wie heute fälschlicherweise oft angenommen wird, sondern einen entspannten Fokus auf die Gegenwart.

    Augustinus schrieb in seiner Abhandlung zur Zeit schon im 4. Jahrhundert: „Es gibt drei Zeiten, eine Gegenwart in Hinsicht auf die Gegenwart, eine Gegenwart in Hinsicht auf die Vergangenheit und eine Gegenwart in Hinsicht auf die Zukunft.“ Gegenwärtig lebt, wer „im flow“ ist, würden wir heute sagen.

    Wie die Zeit vergeht, hängt auch daran, wie wir sie uns räumlich vorstellen. Meistens durch einen Zeitstrahl, auf dem die Vergangenheit links, die Gegenwart in der Mitte und die Zukunft rechts verortet ist. Das ist die Visualisierung des alternativlos Vergänglichen. In Ländern, in denen von rechts nach links gelesen wird (Arabisch, Hebräisch), ist das oft umgekehrt. Die Zeit verläuft von rechts nach links.

    Die eigentliche Frage aber ist doch: Warum entsteht und verschwindet die Zeit für uns horizontal, nicht vertikal? Wäre die vertikale, aufstrebende Zeitachse nicht das richtige Bild für ein Gefühl, das entsteht, wenn etwas aufwärtsgeht, wenn es neue Entwicklungen, Veränderungen, Verbesserungen gibt, die unser Leben beeinflussen, uns in den unendlichen Raum der Möglichkeiten katapultieren? Raum und Zeit bedingen sich nicht nur in der Physik gegenseitig.

    Es ist der selbst gewählten Begrenztheit menschlicher Imagination geschuldet, wenn wir uns die Zeit vorstellen wie einen Fliegenschiss, der wie auf einem Laufband stetig nach links aus dem Blickfeld des Lebens rutscht.

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