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21.07.2022

09:15

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Klawe Rzeczy

Die Autorin

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

Kolumne „Kreative Zerstörung“

Ist Künstliche Intelligenz die bessere Demokratin?

Künstliche Intelligenz steuert immer mehr Lebensbereiche mit. Experimente zeigen, dass KI offenbar das Potenzial hat, auch Demokratie neu zu erfinden.

Seit Hunderten von Jahren fragen sich Philosophen wie Thomas Hobbes und Ökonomen wie Adam Smith: Wie lässt sich unsere Gesellschaft fair gestalten? Wie können wir gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand so verteilen, dass alle daran partizipieren können und die individuelle Leistung gewürdigt wird.

Man kann diese Frage unterschiedlich beantworten, zum Beispiel durch das Steuersystem. Das ist in Deutschland so kompliziert, dass die eigene Steuererklärung niemals auf den Bierdeckel passen wird, den Friedrich Merz seit 20 Jahren in der Hosentasche trägt. Seit Jahren reden wir über Steuerreformen, aber es passiert nix. Demokratie in der Praxis ist halt eine Herausforderung, die wir oft eher schlecht als recht meistern. Liegt das am Thema, oder liegt das am Menschen?

Ein spannendes Experiment des zu Google gehörenden Forschungsunternehmens Deep Mind zeigt: Der Mensch ist immer Teil des Problems, aber nicht unbedingt Teil der Lösung. Ein Team aus Forscherinnen und Forschern hat nun ein KI-System genutzt, um einen Verteilungsmechanismus für öffentliche Gelder zu entwickeln. Von mehr als 4000 am Experiment beteiligten Menschen fand die Mehrheit: Das ist die beste Lösung. Besser als alle menschengemachten Vorschläge. KI hat offenbar das Potenzial, auch Demokratie neu zu erfinden.

Das Deep-Mind-Team hatte die Künstliche Intelligenz in einer Serie von Experimenten so trainiert, dass sie sowohl von mehr als 4000 Menschen als auch von Computersimulationen in einem Online-Wirtschaftsspiel mit vier Spielern lernen konnte. Die Spieler starten mit unterschiedlichen Geldbeträgen und müssen entscheiden, wie viel sie zur Aufstockung eines Pools öffentlicher Gelder beitragen wollen, um im Gegenzug dann wieder einen Anteil aus dem Topf zu erhalten.

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    Wo KI eine Wahl gewonnen hätte

    Das von der KI errechnete Verteilmodell schafft es, das Wohlstandsgefälle zwischen den Spielerinnen und Spielern zu verringern, indem es die öffentlichen Mittel umverteilt, und zwar entsprechend dem Anteil, den die einzelnen Teilnehmenden aus ihrem Startkapital eingesetzt hatten. Es sanktioniert auch Trittbrettfahrer: Spieler, die nicht mindestens die Hälfte ihres Startkapitals beisteuern, kriegen nichts zurück.

    Es ist der KI also gelungen, einen der bedeutsamen Gegensätze einer gerechten Gesellschaft zu lösen: den zwischen einem egalitären Verteilansatz (die öffentlichen Mittel werden gleich verteilt, egal, wie viel jemand beigesteuert hat) und einem libertären Verteilansatz (jeder bekommt entsprechend dem eigenen eingesetzten Anteil Mittel zurückgezahlt).

    Das mochten auch die Menschen. Hätte die Lösung der KI in einer direkten Abstimmung zur Wahl gestanden, die KI hätte die Wahl gewonnen. Darum geht es nicht, beeilt sich das Forscherteam zu versichern. Man wolle mit dem Experiment keinesfalls einer „KI-Regierung“ das Wort reden. Aber KI steuert immer mehr Lebensbereiche mit, und sie macht einen guten Job, das Verteilungsproblem einer Gesellschaft zu lösen. Was also bedeutet das für die Zukunft unserer Demokratie und unseres Wahlrechts?

    KI-Wahlsystem sammelt Daten und entwickelt politische Vorschläge

    In einem Forschungsprojekt an der Universität St. Gallen haben wir uns diese Frage etwas genauer angesehen. Wir wollten wissen, wie hoch die Akzeptanz der Menschen für ein automatisiertes KI-Wahlsystem wäre, und haben eine Onlinebefragung in vier Ländern durchgeführt: in der Schweiz, in Singapur, den USA und in Griechenland. Vier unterschiedliche politische Systeme mit unterschiedlich ausgeprägter Neigung, Technologie einzusetzen.

    Den Teilnehmenden wurde dieses Szenario vorgelegt: „Die Regierung Ihres Landes führt ein neues, von Künstlicher Intelligenz gesteuertes Wahlsystem ein. Dieses neue System sammelt ständig verschiedene digitale Daten über Sie, um Ihre tatsächlichen Meinungen, Ideen und politischen Präferenzen herauszufinden. Auf der Grundlage der Informationen, die über jeden einzelnen Bürger verfügbar sind, entwickelt die KI politische Vorschläge. Die Vorschläge, die die Mehrheit der Menschen repräsentieren, könnten automatisch in praktische Politik umgesetzt werden. Das KI-Wahlsystem würde also kontinuierlich in Ihrem Namen ,abstimmen‘, anstatt dass Sie aktiv Ihre Stimme abgeben.“

    Die Akzeptanz für ein solches System ist bei den Menschen in Singapur am höchsten: 39 Prozent Akzeptanz gegenüber 34 Prozent Nichtakzeptanz. Die Schweizer bleiben offenbar auch bei Umfragen immer auf dem Boden der Neutralität: 37 Prozent Zustimmung versus 37 Prozent Ablehnung. Ein beträchtlicher Teil der amerikanischen Befragten lehnt das System ab: 45 Prozent Ablehnung versus 37 Prozent Zustimmung. Die griechischen Befragten nehmen eine eher zögerliche Haltung ein: 25 Prozent Akzeptanz versus 50 Prozent Ablehnung.

    In technologienahen Staaten ist die Akzeptanz für ein KI-Wahlsystem höher

    Auch wir wollen nicht einer automatisierten KI-Politik oder -Regierung das Wort reden. Angesichts vieler Probleme mit Verzerrungen und Diskriminierungsrisiken in den Daten, die KI-Systeme dann fortschreiben, wirft ein solches Wahlsystem sehr viele kritische Fragen auf. Aber die Ergebnisse zeigen, dass sich in manchen Ländern mehr als ein Drittel der Bevölkerung ein solches System vorstellen könnte.

    Die Gründe dafür liegen auf der Hand und in unseren Daten: In technologienahen Staaten, wie Singapur, ist die Akzeptanz höher. Dort stimmen viele Bürgerinnen und Bürger zu, immer mehr wichtige Fragen durch KI lösen zu lassen. Menschen, die das Vertrauen in Politik und Regierungen verloren haben, lehnen auch ein solches KI-Wahlsystem ab.

    Die Ergebnisse zeigen die soziale Akzeptanz einer hypothetischen KI-Demokratie. Die muss man nicht wollen, und sie muss auch nicht kommen. Aber bei dem Spurt, den KI in den vergangenen Jahren quer durch alle Lebenswelten genommen hat, sollten wir uns mit dieser Frage beschäftigen.

    Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat einmal gesagt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Böckenförde fragte damit nach den Fliehkräften, denen der Staat sich gegenübersieht, wenn Religion und Nation in ihrer Bedeutung schwinden. Heute geht es um die Fliehkräfte, denen sich der Mensch angesichts der Einsatzmöglichkeiten von KI gegenübersieht. Und der Satz könnte lauten: Die Demokratie lebt von Voraussetzungen, die Künstliche Intelligenz inzwischen womöglich besser garantieren kann als die menschliche.

    In dieser Kolumne schreibt Miriam Meckel 14-täglich über Ideen, Innovationen und Interpretationen, die Fortschritt und ein besseres Leben möglich machen. Denn was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling. ada-magazin.com

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