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09.06.2022

10:24

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Klawe Rzeczy

Die Autorin

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

Kolumne „Kreative Zerstörung“

Woke Capitalism: Kulturkampf erreicht das Wirtschaftssystem

Nachhaltiges, soziales Wirtschaften statt reinen Profits? Unternehmer wie Elon Musk oder Peter Thiel kämpfen dagegen aus wirtschaftlichem Eigeninteresse, meint Miriam Meckel.

Ein Gespenst geht um in Amerika – das Gespenst des „woke capitalism“. Alle Mächte der neuen Welt haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet: Technologieunternehmen, Venture-Capital-Firmen und wichtige Geldgeber für die kommende Runde des Präsidentschaftswahlkampfs. Dieses Gespenst scheint schlimmer als die Wiederauferstehung des Kommunismus.

Dabei steht der Begriff, einfach übersetzt, für einen „wachsamen Kapitalismus“, der Rücksicht nimmt auf die sich wandelnden Interessen jüngerer Generationen. Die verlangen zuweilen mehr von Unternehmen, als Gewinn zu machen, zum Beispiel die Interessen aller vom Handeln des Unternehmens betroffenen Interessengruppen und die Probleme des Klimawandels zu berücksichtigen oder Minderheiten einzubeziehen.

Ein Zeichen unserer Zeit ist es, dass solche Themen kaum mehr rational adressiert werden können. Sie lösen keinen fruchtbaren Diskurs aus, sondern führen in kürzester Zeit in eine Spaltungsdebatte zwischen verfeindeten Gruppen. In diesem Fall die Vorreiter:innen des „woke capitalism“ und diejenigen, die das alles für überzogen und ökonomisch schädlich halten.

Und da müssen wir tatsächlich hingucken. Zu Recht hat der CEO von Unilever davor gewarnt, dass falsch verstandene „wokeness“ zum „woke washing“ verkommen kann. Manche Unternehmen schmücken sich mit Nachhaltigkeitsstrategien oder nachhaltigen Investments, die bei genauerem Hinsehen nicht die Bohne wert sind, die eine ganze Stange an Versprechen hervorbringen soll. Erst vor wenigen Tagen hat die US-Finanzaufsichtsbehörde, die Security and Exchange Commission, ein Maßnahmenbündel erlassen, das Greenwashing und das Segeln unter falscher ESG-Flagge verhindern soll. Man darf nicht einfach behaupten, nachhaltig und sozial zu agieren, wenn das nicht stimmt. Richtig so. Thema erledigt.

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    Von wegen. Der wachsame Kapitalismus löst derzeit die aufgeregte und zuweilen radikalisierte Debatte um politische Korrektheit und „Zensurkultur“ („cancel culture“) ab. Seit diesem Monat gibt es mit „Strive“ eine US-Vermögensverwaltung, die sich ausdrücklich den Kampf gegen den wachsamen Kapitalismus auf die Fahnen geschrieben hat. Finanziert wird das Unternehmen unter anderem von Peter Thiel, bekannt als brillanter libertärer Tech-Investor, der sich gerne einen eigenen Privatstaat bauen würde, in dem nur seine Regeln gelten.

    Ein zweiter lauter Kritiker ist ebenfalls kein Unbekannter. „ESG ist Betrug. Es wurde von falschen Kriegern der sozialen Gerechtigkeit zu einer Waffe gemacht,“ twitterte Elon Musk vor wenigen Tagen. Zuvor war er bereits auf den Streamingdienst Netflix losgegangen: „Der ‚Woke Mind Virus‘ macht Netflix unschaubar“, so Musk im April auf Twitter.

    Edward Freeman: Unternehmen sind nicht nur ihren Anteilseignern Rechenschaft schuldig

    Man wünschte manch einem ein Wiedererwachen der „Ice Bucket Challenge“. Ein Eimer kalten Wassers über den Kopf hilft beim kühlen Denken. Oder auch ein Blick in die Geschichte. Von allen emotionalen Überreaktionen befreit, ist der wachsame Kapitalismus kaum mehr als eine neue Beschreibung eines alten, aber immer noch sehr zeitgemäßen Konzepts - des Stakeholder-Kapitalismus. Lange galt, ein Unternehmen sei ausschließlich dazu da, die Gewinne seiner Anteilseigner (Shareholder) zu maximieren.

    Seit den 2000er-Jahren fordert der Ökonom Edward Freeman diese Überzeugung durch seinen Stakeholder-Ansatz heraus. Er besagt schlicht, dass Unternehmen unterschiedlichen Anspruchsgruppen Rechenschaft schuldig sind. Die Anteilseigner stehen auch dabei noch hoch im Kurs, aber Kundinnen, Zulieferer, Mitarbeitende, die Öffentlichkeit und das Gemeinwesen spielen ebenso eine Rolle. Freeman ist überzeugt, dass auch aus diesen Geschäftsbeziehungen Wert generiert werden kann. Wenn beispielsweise problematisches unternehmerisches Handeln zu Produktboykotten und in der Folge zu ökonomischen Einbußen führt, hat das Unternehmen einige seiner Stakeholder-Beziehungen vernachlässigt oder schlicht ignoriert.

    Was also soll nun schlecht am wachsamen Kapitalismus sein? Erst einmal der Begriff. Während Stakeholder-Kapitalismus als ein ökonomisches Konzept daherkommt, scheint beim wachsamen Kapitalismus bald ein militanter Arm der Zeugen Jehovas vor jeder Unternehmenspforte zu stehen. „Woke capitalism“ ist ein Kampfbegriff, und genau das soll er sein. Manch ein Kämpfer gegen die Wachsamkeit möchte schlicht am Alten, am Bestehenden festhalten. Das hat wenig mit werteorientiertem Bewahren zu tun. Es geht schlicht um wirtschaftliche Vorteile und das Recht, alles so machen zu können, wie man will.

    Im Silicon Valley hat sich seit Langem ein extrem erfolgreicher Boys-Club eingenistet, der schlicht keinen Bock hat, sich immer wieder für den Mangel an Diversität oder den Rassismus in den eigenen Häusern entschuldigen zu müssen. Wenn das eigene Unternehmen dann aus dem Aktienindex S&P 500 ESG für angeblich nachhaltige Investments rausfliegt, wie Tesla im Mai, rastet man aus. Schuld ist allein der „betrügerische“ Index. Inzwischen ist es so weit, dass Vorzeigekapitalisten, wie JP Morgans CEO Jamie Dimon oder Blackrocks CEO Larry Fink, sich öffentlich für ihre „Wachsamkeit“ entschuldigen und versichern müssen, sie seien lupenreine Kapitalisten.

    Manchmal fragt man sich wirklich, ob der Mensch in der Lage ist, aus seiner Geschichte zu lernen. Was Sheryl Sandberg wohl dazu zu sagen hätte?

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