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19.02.2021

07:19

RESET – die Kolumne zum Wochenende

Warum ich neuerdings sogar Sahra Wagenknecht verstehe

Immer öfter werden in Deutschland Sprech- und Denkverbote beklagt. Was ist dran, fragt sich Thomas Tuma – und hat zugleich einen Ausweg anzubieten.

Da ist etwas ins Rutschen geraten, wenn selbst die Linken-Politikerin „eine zunehmende Intoleranz“ beobachtet.

Thomas Tuma

Da ist etwas ins Rutschen geraten, wenn selbst die Linken-Politikerin „eine zunehmende Intoleranz“ beobachtet.

„Die Corona-Maßnahmen der Regierung sind völlig überzogen, teils falsch und obendrein vielfach erfolglos.“ Punkt. Kurze Atempause ohne weitere Erklärungen, damit Sie nach dem Schnappatmungs-Grusel, den so ein Satz provozieren mag, wieder zu sich kommen können.

Im Anschluss fragen wir uns gemeinsam: Was denken wir, wenn jemand im Büro oder in der Familie so knallhart Stellung bezieht? So was wie: „Dreht er/sie jetzt endgültig durch?“, oder nur: „Das kann man doch nicht einfach so sagen“?

Das gilt nicht nur für die Diskussionen um die Corona-Schutzmaßnahmen, die nur ein interessantes Beispiel für unsere gegenwärtige Debattenkultur sind. Ich kenne viele Menschen, die weder Corona-Leugner, Impfgegner, Neonazis oder Verschwörungstheoretiker sind, sondern steuerzahlende Unternehmer, Manager, CEOs, Wissenschaftler, Künstler, Männer, Frauen, die alle eint: Sie halten sich genervt, aber artig an die AHA-Regeln, trennen ihren Müll und erwägen nicht, die Treppen des Reichstags zu stürmen. Wenn man mit ihnen redet, kommt trotzdem immer häufiger der Satz: „Man darf das ja gar nicht mehr laut sagen, aber …“

Darf man nicht? Zumindest das Gefühl ist da, sonst würden sie es ja nicht laut sagen, dass man nichts mehr laut sagen dürfe. Das findet mittlerweile übrigens ein Drittel der Bundesbürger, die das Institut für Demoskopie Allensbach befragt.

Als ich neulich mit der Institutschefin Renate Köcher darüber sprach, wunderte sie sich selbst, dass doch gerade „in Zeiten mit so einschneidenden Maßnahmen“ wie jetzt „offene Debatten möglich sein“ müssten. Müssten.

Niemand soll irgendetwas persönlich nehmen

Wichtig scheint geworden zu sein, alles, was irgendwen verwirren, beleidigen oder gar verletzen könnte, möglichst watteweich einzubetten. Den Satz, mit dem ich Sie oben erschreckt habe (oder erregt, je nach Standpunkt), müsste ich mindestens folgendermaßen einleiten, um nicht sofort alle bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt zu bekommen: „Also ich bin wirklich kein Corona-Leugner. Natürlich ist jeder Tote einer zu viel, und wir alle haben noch die Bilder aus Bergamo vor Augen. Aber unter Abwägung aller bisher bekannten Fakten würde ich zumindest akzeptieren, wenn jemand die These in den Raum zu stellen versuchte …“ Weiter siehe oben.

Handel, Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie kennen das Phänomen längst, dass man heute immer erst sagen sollte, was man alles nicht ist. Jedes Aufbackbrötchen sollte laktose- oder glutenfrei sein. Deosprays sind eigentlich nur noch satisfaktionsfähig, wenn sie „0 Prozent Alkohol“ oder keinerlei Aluminium enthalten. Am teuersten im Kühlregal ist Fleisch, das gar kein Fleisch mehr enthält. Je weniger drin ist, umso besser, weil immer mehr Faktoren offenbar schlimmste Allergien auslösen können. Vielleicht gilt das auch für Offenheit.

Einfach zu einem Kollegen sagen: „War Mist, merkste selbst, oder?“, ist kaum noch ratsam. Die harmloseste Kritik sollte man heute so lange in wohlmeinendes Lob einlullen, bis sie fast unsichtbar wird: „Das Team hat da generell wieder sensationelle Arbeit geleistet, wie wir das von Björn, Isa und Lasse gewohnt sind. Ein bisschen suboptimal war allenfalls, dass wir den Großauftrag verloren haben. Aber das verschafft uns auch neue Spielräume.“

Nun ja, die Doofheit von Björn, Lasse und/oder Isa verschafft uns möglicherweise vor allem weniger Umsatz, doch das sollten Sie gar nicht erwähnen, weil es nur wehtun könnte. Deshalb herrscht allerorten mittlerweile eine Atmosphäre, wie man sie in ihrer ängstlichen Nettigkeit allenfalls in Montessori-Kindergärten vermutet. Niemand soll irgendetwas persönlich nehmen.

Schade eigentlich: Ich persönlich nehme Dinge recht gern persönlich. Wie soll ich sonst darauf reagieren? Aber womöglich müsste ich über diesen Text sicherheitshalber auch schon den Warnhinweis kleben: „Achtung, diese Kolumne kann Spuren von Wahrheit enthalten!“

Natürlich wünscht sich niemand in die Büro-Vergangenheit zurück, als diktatorische Chefs mit verbalen Handkantenschlägen ihre Abteilungsverlierer vor versammelter Mannschaft niedermachten. Nur: Wie soll ich auf Kritik reagieren, die ich gar nicht mehr als das interpretieren kann, was sie sein sollte: der ernst zu nehmende Versuch, etwas gemeinsam besser zu machen?

Wo Widerspruch ist, wird der Ton schriller

Interessanterweise wird der Ton zugleich dort umso schriller, wo noch Widerspruch erfühlt wird. In seinem gerade erschienenen Buch „Not und Gebot“ schreibt der Jurist und Journalist Heribert Prantl zum Thema Corona: „Es darf nicht so weit kommen, dass diejenigen, die die Grundrechte verteidigen oder die aus existenzieller Angst gegen die Schutzverordnungen protestieren, weil diese sie wirtschaftlich und psychisch zum Absturz bringen, auf einmal als Verschwörungsfuzzis abgefertigt werden.“ Man ahnt, wie oft Prantls Kampf für die Grundrechte ihm in den vergangenen Monaten schon die Frage eingebracht hat, ob er zu den „Querdenkern“ übergelaufen sei.

Da ist etwas ins Rutschen geraten, wenn selbst die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht „eine zunehmende Intoleranz“ beobachtet. „Von beiden Seiten. Wer den anhaltenden Lockdown nicht für sinnvoll hält, dem wird gleich der ungeheuerliche Vorwurf gemacht, ihm seien Menschenleben egal. Wer gleichwohl anerkennt, dass Covid-19 eine gefährliche Krankheit ist, bekommt von der Gegenseite Panikmache vorgeworfen.“

Das „Grundproblem“ sei die „Haltung“, und die wiederum sei ein Phänomen „des linksliberalen Milieus“, findet die Linke Wagenknecht: „Wer für eine Begrenzung von Zuwanderung ist, ist ein Rassist. Wer CO2-Steuern kritisiert, ein Klimaleugner. Und wer die Schließung von Schulen, Restaurants und Fitnessstudios nicht für richtig hält, ein ‚Covidiot‘.“

Ich muss Frau Wagenknecht recht geben. Ich glaube, es geht erst in zweiter Linie darum, was man noch sagen darf. Zuerst geht es eher darum, was wir noch hören wollen. Es geht darum, dass die Zündschnur unserer Empörungsbereitschaft schon ziemlich kurz geworden ist in den Filterblasen, in denen wir uns bewegen.

Viele Leute blenden lieber aus, was nicht in ihr Weltbild passt. Diese „Cancel Culture“ kann man dann eben bei Lebensmittel-Ingredienzien ebenso beobachten wie bei Corona, wo es mittlerweile ja auch eine „Zero-Covid“-Fraktion gibt, die nicht eher Ruhe geben will, bis das Virus ausgerottet ist, was ich für ziemlich unmöglich halte.

Ein Stück weit raus aus dem eigenen Schneckenhaus

Ich fürchte, dass wir immer mit Lebensentwürfen, Einstellungen und eben auch Viren leben müssen, die manche von uns für ein Ärgernis oder gar eine Bedrohung halten. Und je eher wir das akzeptieren, umso eher sind Verständigung und die Suche nach Kompromissen möglich, ohne die es nicht geht.

Corona zum Beispiel können wir offenbar weder ignorieren noch mit totalen Lockdowns in den Griff kriegen. Wenn Sie also zum Beispiel ein glühender Anhänger des Virologen Christian Drosten sind, empfehle ich am Wochenende mal die Lektüre von Interviews seines Kontrahenten Hendrik Streeck – und umgekehrt.

Ich weiß: Das eine wie das andere ist schwierig, weil es bedeutet, ein Stück weit aus dem eigenen Schneckenhaus rauszumüssen. Aber es hilft. Ich hab’s probiert. Und es geht nicht anders.

Wer nur sich selbst reden hören will, lernt genauso wenig dazu wie jemand, der nicht zuhören mag. Geht aber nicht anders, als dass sich da alle wieder mehr bewegen. Aufeinander zu.

Sie sehen das anders – oder haben Anmerkungen, Fragen, vielleicht ein Thema, um das sich diese Kolumne auch einmal kümmern sollte. Diskutieren Sie unten mit unserem Autor, oder wenden Sie sich vertrauensvoll direkt an ihn: [email protected]

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