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29.01.2021

11:35

RESET – Die Kolumne zum Wochenende

Was die neue Plauder-Plattform Clubhouse kann – und was nicht

Von: Thomas Tuma

Zwei Wochen lang hörte sich Thomas Tuma in den Räumen des gehypten Netzwerks um – und weiß jetzt, was er sich für die Zeit nach Corona wünscht.

Jeden Freitag hinterfragt der Kolumnist ein aktuelles Thema und fordert – wenn nötig – einen System-Neustart. RESET eben. Chukowski [M]

Thomas Tuma

Jeden Freitag hinterfragt der Kolumnist ein aktuelles Thema und fordert – wenn nötig – einen System-Neustart. RESET eben.

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie sind gerade erst aufgewacht, schlurchen mit verklebten Augenschlitzen Richtung Badezimmer, öffnen die Tür – und stehen direkt neben Joe Biden bei seiner Vereidigung als neuer US-Präsident. Oder wenigstens mitten in der Bundespressekonferenz. Lady Gaga lächelt Ihnen aufmunternd zu, oder ist es nur Regierungssprecher Steffen Seibert? Egal. Was tun Sie, mit trockenem Mund im Pyjama? Genau, Sie machen schnell wieder die Augen zu.

So ähnlich fühlte ich mich, als ich kürzlich die aktuelle Super-App Clubhouse kennenlernen wollte. Es ist der neueste „heiße Scheiß“ im Internet, eine Plauder-Plattform, auf der jeder seinen eigenen Audio-Raum aufmachen und drauflosdiskutieren kann, worauf wir noch zurückkommen werden. Jedenfalls blieb ich – es war wirklich sehr früh morgens – an einem Raum hängen, der die neuesten Tagesthemen der Berliner Republik versprach. Ein Klick, da sagte schon jemand: „Ah, da kommt gerade Thomas Tuma rein, der uns bestimmt sagen kann, was die heutige Agenda bestimmen wird.“

Äh, nein, konnte er nicht, weil Thomas Tuma dann nur noch hektisch den „Leave Quietly“-Knopf suchte. Ich bin einfach nicht in der Verfassung gewesen, irgendetwas zu sagen, geschweige denn etwas Sinnhaftes. Dass man bei Clubhouse möglichst unvorbereitet drauflosredet, scheint indes Einstiegsvoraussetzung zu sein. Aber das merkte ich erst ein paar Tage später, als ich schon jeder Menge Top-Politikern, Medienmachern, hochbezahlten Managern und anderen Business-Stars zugehört hatte. Wann immer ich in den vergangenen Tagen vorbeischaute – sie waren schon da. Haben die nix zu tun? Und was erwarten die sich?

Ich glaube, dass heute viele eine wahnsinnige Angst umtreibt, irgendeinen Trend zu verpassen. Prompt wurde die Clubhouse-App zumindest in Deutschland förmlich über Nacht zum neuen Kommunikations-Olymp erklärt. In den ersten Stunden des Hypes hieß es noch, man müsse von einem, der schon drin ist, eingeladen werden, um überhaupt mitspielen zu dürfen. Derlei befriedigt nicht zuletzt unsere masochistische Ader, die uns früher schon vor dubiose Bunker-Clubs trieb, um uns von verhaltensauffälligen Türstehern auf unsere Street Credibility prüfen zu lassen. Verena Pausder und Doro Bär waren übrigens schon längst drin, als ich ankam, und wahnsinnig viele total junge, frische Denker wie Sascha Lobo und Kai Diekmann natürlich auch.

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    Anfangs dachte ich: Wenn da Joko Winterscheidt und Frank Thelen einfach so über Venture-Capital plaudern, dann kommt als Nächstes sicher Elon Musk um die Ecke, um sich mit Tim Cook über das Auto der Zukunft zu streiten. Aber dann wurde die Clubhouse-Basis doch sehr schnell sehr breit. Und die Gleichen, die gerade noch den elitären Anspruch rügten, rümpfen nun schon wieder die Nase über die ausufernden Massen.

    Die Antwort auf Corona und Homeoffice?

    So ist das immer. Nur läuft es jedes Mal noch schneller ab als beim letzten „Big Thing“. Es gab mal eine Werbung oder einen TV-Sketch (wer’s weiß, möge es mir mailen, dann tragen wir das hier nach), wo ein Mann und eine Frau innerhalb von 30 Sekunden in einer Bar die ganze Bandbreite menschlichen Zusammenseins durchlitten: vom ersten scheuen Lächeln bis zum Geschrei um die Frage, wer nach der Scheidung die Kinder, den Hund oder wenigstens Tante Ingeborgs Thermomix bekommt. So rasend schnell geht das auch mit Clubhouse.

    Quasi gleichzeitig waren alle drin, redeten durcheinander, diskutierten den gar nicht vorhandenen Datenschutz, störten sich nicht weiter daran, fühlten sich mal schuldig, mal wichtig, mal gelangweilt, mal gefordert, im selben Moment ausgehungert und überfüttert. Clubhouse wurde ein Paradies für Labertaschen aller Art. Die üblichen Verdächtigen steckten ihre Claims ab und sammelten Follower. Polit-Prominenz wie Bodo Ramelow provozierte erste Shitstorms. Schon ging es bei Clubhouse gefühlt nur noch um Clubhouse und Meta-Fragen wie: Ist diese Plattform die Antwort auf Corona und Homeoffice? Das nächste Level menschlicher Kommunikation? Oder bald erledigt wie Second Life, Myspace und StudiVZ?

    Die neuste angesagte App heißt Clubhouse. Doch sie ist nicht nur aus Datenschutzgründen umstritten. imago images/Arnulf Hettrich

    Clubhouse-App

    Die neuste angesagte App heißt Clubhouse. Doch sie ist nicht nur aus Datenschutzgründen umstritten.

    Bereits vor Clubhouse musste man ja auf sehr vielen Kanälen unterwegs sein. Seit geraumer Zeit verwahrlosen wir obendrein täglich in Videokonferenzen, die uns selbst via offiziellster „Tagesschau“-Schalte Einblicke gewähren in eine Privatheit fremder Büros, die uns verschlossen bleiben sollte, finde ich. Neulich war ich bei Clubhouse in einem feministischen Frühstücksraum. Auf dem virtuellen Podium: die SPD-Europaparlamentarierin Katarina Barley. Auch sie klang, als lümmle sie gerade vorm Rooibos-Tee in ihrer Wohnküche. Das störte mich aber weniger als das distanzlose Katarina-du-hast-da-voll-krass-n-guten-Punkt-Angekumpel und -Geduze. Es ist alles so gleich und gleichzeitig egal.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Zeit gab, in der Menschen sich sogar zum Verfassen eines Briefes ordentlich angezogen haben. Man muss das ja nicht gut finden. Aber ich glaube, dass Clubhouse schon deshalb ein Segen ist, weil es uns zeigt: Wenn Corona hinter uns liegt, sollten wir uns wieder mehr Mühe geben. Mit dem Reden und auch dem Denken davor.

    Ich kann zum Beispiel mehr denn je empfehlen, den Mund nur dann aufzumachen, wenn man etwas zu sagen hat. Nicht schon, wenn man irgendeinen Quatsch gefragt wird wie ich am Anfang meiner Clubhouse-Karriere. Es gibt schon genug Leute, die zurzeit alles zu wissen scheinen.

    Clubhouse zeigt, und das ist eigentlich schön, wie groß unser Bedürfnis ist nach Austausch in der gegenwärtigen Isolation, unser Hunger nach Nähe, den die App aber nicht stillen kann. Und sie zeigt eben auch, was gerade alles fehlt: Zwischentöne, Nonverbales, ein Lächeln hier, eine Zufallsbegegnung dort. Der Duft eines frischen Espressos am Nachbartisch im Café.

    Vor allem fehlen echte Dates, die mehr Vorbereitung brauchen als dann in Jogginghose einen Zoom-Link anzuklicken. Es fehlt an Sorgfalt, an der Kultivierung des Augenblicks, an Konzentration. Ein menschliches Gegenüber kann eben doch weit inspirierender sein als tausend in einem virtuellen Salon. Und ist nicht auch das Verständnis dafür ein bisschen verloren gegangen, dass es gar nicht darum geht, in welchen Kanälen wir kommunizieren? Sondern dass wir selbst diese Kanäle, die Organe, Medien sind? Insofern zeigt uns Clubhouse, wie wertvoll das Leben „draußen“ ist, wo mehr Sinne zählen als unser Gehör.

    Wir müssen reden! Gern auch via Clubhouse. Aber eben nicht nur dort.


    Sie sehen das anders – oder haben Anmerkungen, Fragen, vielleicht ein Thema, um das sich diese Kolumne auch mal kümmern sollte. Diskutieren Sie unten mit unserem Autor, oder wenden Sie sich vertrauensvoll direkt an ihn: [email protected]

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