Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.06.2022

05:38

Kommentar

Neun-Euro-Ticket: 2,5 Milliarden Euro für ein Experiment mit einem klaren Ausgang

Von: Daniel Delhaes

Bund und Bahn feiern gigantische Verkaufszahlen für das 9-Euro-Ticket. Doch die sagen nichts über den Erfolg einer Aktion, die nur scheitern kann.

Neun Euro Ticket dpa

9-Euro-Ticket

Dem Klima hilft der befristete Rabatt kaum.

Erstpublikation: 01.06.22, 04:19 Uhr Fast sieben Millionen Mal haben Nahverkehrsbetriebe und Deutsche Bahn zum Start schon das Neun-Euro-Ticket verkauft. Die Zahlen klingen gigantisch und sagen doch – nichts. Monatskarteninhaber werden das Ticket kaufen, Gelegenheitsfahrer werden sich nicht anders verhalten, Schnäppchenjäger schlagen sowieso zu. Mit einer Hin- und Rückfahrt sind die neun Euro fast schon wieder drin, eine zweite Fahrt im Monat wird sich schon finden.

Was also bringt das Ticket, das sich die Koalitionäre von SPD, Grünen und FDP in einer nächtlichen Sitzung erdacht haben, um den Tankrabatt von FDP-Finanzminister Lindner zu retten? Drei Argumente führten die Erfinder der Billigschiene an – doch die sind allesamt schwach:

Das Neun-Euro-Ticket ist Teil des Entlastungspakets der Regierung und fällt damit in die Kategorie Sozialpolitik. In der Tat entlastet es die Menschen, fraglich ist indes, ob es nötig ist. So profitieren die treuen Abo-Kunden, obwohl sie weiterfahren wie bisher. Sie hätten sich mehr über einen Treuebonus in der Coronakrise gefreut. Nun sparen vor allem die Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitenden den Jobticketzuschuss auf neun Euro kürzen.

Auch dem Klima hilft der befristete Rabatt kaum. Es fahren einfach zu wenige Menschen Bus und Bahn, um damit viel CO2 einzusparen. Auch sind es nicht die kurzen Strecken, die dem Klima schaden, sondern die von mehr als 20 Kilometern. Da fällt der öffentliche Verkehr oft aus.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Indes sorgt der befristete Spottpreis des Neun-Euro-Tickets nun dafür, dass Menschen mehr unterwegs sind als sonst. Die Unternehmen werben schon eifrig: Wie wäre es etwa mit einem Trip von Mainz ins Elsass? Drei Stunden Fahrtzeit, hin und zurück für neun Euro. Warum nicht? Es ist der wohl spannendste Aspekt der Idee: Ein Nahverkehrsticket als bundesweite Werbekampagne.

    Neun-Euro-Ticket: Diese „Erkenntnis“ kostet 2,5 Milliarden Euro

    Für Verkehrsminister Wissing rechnen sich die 2,5 Milliarden Euro Subventionen, „wenn es den Nahverkehr durch zusätzliche Fahrgäste dauerhaft stärkt“. Jeder Verkehrsexperte aber weiß: Der Preis allein ist nicht entscheidend.

    Es sind die weichen Faktoren: Ist die Haltestelle in der Nähe? Fährt die Bahn regelmäßig und pünktlich? Gibt es einen Sitzplatz, oder muss ich stehen? Was, wenn ich am Tag mehr als ein Ziel ansteuere? Zu Fuß, mit dem Rad, Bus oder Auto: Es gibt viele Arten, ans Ziel zu kommen, und so unterschiedlich sind auch die Motive für die Wahl.

    Gibt es einen Sitzplatz, oder muss ich stehen? dpa

    Berliner Knotenpunkt Alexanderplatz

    Gibt es einen Sitzplatz, oder muss ich stehen?

    Bund und Länder wollen das Projekt um das Neun-Euro-Ticket auswerten. Leider nicht wissenschaftlich unabhängig, sondern mit den Marktforschern der Deutschen Bahn im Auftrag der Verkehrsunternehmen. Das Ergebnis zeichnet sich schon ab: Die Schnäppchenjäger werden Erfolg haben; für einen besseren und modernen Nahverkehr, der begeistert, fehlt aber das Geld. Diese „Erkenntnis“ kostet 2,5 Milliarden Euro.

    Wichtiger wäre zu klären, was der Nahverkehr leisten soll: Dient er der Daseinsvorsorge – oder soll er Klimaretter sein? Auch sollte endlich Schluss sein mit der unguten Mischfinanzierung von Bund und Ländern. Es ist die kollektive Verantwortungslosigkeit, die dem Nahverkehr am meisten schadet.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×