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21.10.2019

20:34

Wladimir Putin heißt der Sieger auf der politischen Weltbühne AP

Wladimir Putin

Russische Präsidenten waren bis vor Kurzem nur äußerst selten Gäste in der arabischen Welt.

Analyse

Putins Sieg in Syrien ist ein großes Signal an alle Despoten

Von: Mathias Brüggmann

Ignoranz und Unentschlossenheit des Westens haben Russland wieder zu einem Schlüsselspieler auf der Weltbühne aufsteigen lassen. Und das weiß Putin zu nutzen.

Misstöne auf internationaler Bühne muss sich Kremlherr Wladimir Putin derzeit nur von Militärkapellen im Ausland anhören: Ob in Riad vorige Woche oder kurz zuvor in Kairo – bei den Musikern in Uniform ist der Wandel der Weltordnung noch nicht angekommen, und so spielten sie die russische Nationalhymne bis zur Unkenntlichkeit schaurig verkehrt.

Russische Präsidenten waren bis vor Kurzem nur äußerst selten Gäste in der arabischen Welt. Im Juni 2013 zog Russland sogar seine letzten Soldaten von einer Militärbasis im syrische Tartus ab. Es war der letzte Stützpunkt Moskaus, Russlands Rolle in der ebenso öl- wie krisenreichen Region schien Geschichte zu werden.

Doch Putins Husarenritt, als er 2015 militärisch an der Seite von Diktator Baschar al-Assad in Syrien eingriff, hat die Atommacht Russland, vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama verbal zur „Regionalmacht“ degradiert, wieder auf die Weltbühne gebracht.

Am Dienstag empfängt Putin in der Schwarzmeer-Olympiastadt Sotschi den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, um über eine Lösung für Syrien zu reden. Während der Westen die Türkei kritisiert wegen des Einmarschs in den Norden Syriens, zieht Putin das Nato-Land immer weiter zu sich.

Schon mit der Lieferung des russischen Raketenabwehrsystems S-400 ins Nato-Land Türkei ist Putin seinem Ziel der Spaltung des westlichen Bündnisses ein gutes Stück näher gekommen. In Syrien ist Ankara auf Putins Wohlwollen angewiesen.

Während seine Luftwaffe Krankenhäuser in Syrien bombardiert und russische Söldner inzwischen fast das ganze Land wieder in die Hände des Diktators gebracht haben, spielt sich Putin als Schiedsrichter und Friedensstifter auf.

Der von Donald Trump angewiesene Abzug der US Army hat Russland endgültig zum Schlüsselspieler in der ganzen Region gemacht. Genüsslich hielt Putins TV-Chefpropagandist Dmitri Kissiljow bereits einen polnischen Zeitungsartikel in die Kamera: „Lässt Trump nach den Kurden auch Polen fallen?“, fragten darin besorgte Nato-Bündnispartner. Und der russische Propagandasender „Russia Today“ fragt überheblich: „Kann Russland Freund von allen sein?“

Tatsächlich haben sich auch frühere Erzfeinde wie Saudi-Arabien inzwischen eng an Russland geschmiegt. Sogar noch nach den dem Iran, einem engen russischen Verbündeten in Syrien, unterstellten verheerenden Raketen- und Drohnenattacken auf saudische Ölanlagen wurde der Kremlherrscher vorige Woche pompös und erstmals seit 2007 in Riad empfangen.

Gleich danach ging es weiter nach Abu Dhabi, einem weiteren bisher engen Verbündeten von Washington im Mittleren Osten. Und später in dieser Woche lädt Putin zum Russland-Afrika-Gipfel.

Russland beerbt Weltpolizist Amerika

Moskau hat bereits 40 Militärabkommen mit afrikanischen Staaten abgeschlossen, davon allein 19 in den letzten vier Jahren. Kairo hat zudem Russland gebeten, im Streit zwischen Ägypten und Äthiopien über einen neuen Nil-Staudamm zu vermitteln. Ägypten ist eigentlich ebenfalls enger Militärpartner der USA.

Russland wird so global zum Erben des sich zurückziehenden Weltpolizisten Amerika. Denn Putins Sieg in Syrien ist ein großes Signal an alle Despoten: Hier steht einer sicher an eurer Seite, während Trump das Gegenteil demonstriert: Amerikas Unzuverlässigkeit. 

Die Araber brauchen den Kreml, um die Macht des schwächelnden Ölkartells Opec zu erhalten und den Ölpreis zu stabilisieren. Die Afrikaner setzen auf russische Waffen, der Iran und Syrien auf Russlands Schutz. Und China auf den Schulterschluss in der multipolaren Welt gegen Washington.

Putin, der den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman auf dem ersten G20-Gipfel nach der Ermordung des oppositionellen Bloggers Jamal Khashoggi ausgiebig und öffentlich herzte, während westliche Staatsführer auf Distanz gingen, baut so seine antiliberale Internationale auf: Prinz Mohammed, Erdogan, Irans Ruhani, Ägyptens al-Sisi und Chinas Xi – eine unappetitliche Mischung, untereinander meist spinnefeind, aber gemeinsam verbündet um Kremlchef Putin.

Was sich wie eine Wahnvorstellung anhört, ist der Spaltung des Westens durch Trump geschuldet, genauso wie der Unentschlossenheit Europas mit Blick auf Kriegsherde wie Syrien und in Krisenregionen wie Afrika. Dabei wird eine große Gefahr übersehen: Durch sein Engagement in Syrien, mit der Türkei, am Golf und in Afrika kann Russland künftig Flüchtlingsströme lenken und Europa destabilisieren.

50 Jahre nach der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler, der sich der Aussöhnung mit dem Osten und dem Nord-Süd-Dialog mit den Entwicklungsländern verschrieben hatte, ist es Zeit, aufzuwachen und mit der Selbstzerlegung des Westens aufzuhören. Europa und die USA brauchen eine Neubestimmung ihres Bündnisses, eine Lastenteilung auf globaler Ebene und eine gemeinsame Haltung zu Russland.

Mehr: Ein Mann, der die Welt veränderte: Die sieben Eigenschaften von Wladimir Putin

Kommentare (2)

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Herr Frank Krebs

22.10.2019, 11:07 Uhr

...und es ist ein gutes Signal. Sämtliche Parameter zeigen doch klar, daß die westlichen Demokratien nicht mehr handlungsfähig sind. Die geopolitischen Entwicklungen werden von China, Rußland, den USA und, im Falle Syriens, auch von der Türkei, bestimmt. Von uns kommt nur ein Vorschlag von AKK für eine Sicherheitszone, an der sich Deutschland dann aber bitte nicht mit Kampftruppen beteiligen soll. Grotesk!! Ach ja ganz wichtig ist auch der kriegsentscheidende Hinweis an türkisch Fußballspieler:" Bitte nicht salutieren!" Oh Deutschland, ich bewundere Deine moralische Erhabenkeit. Die Deutschen sollten bedenken, daß sie von Erdogans Sicherheitskorridor am meisten profitieren. Aber das ist natürlich wieder typisch, Deutschland profitiert ja auch extrem von der Nullzinspolitik der EZB schimpft aber am lautesten. Das alles nervt! Mit der Geisteshaltung dieses Landes stimmt etwas nicht.

Herr Jürgen Orlok

22.10.2019, 15:52 Uhr

Etwas mehr beriffliche Schärfe habe ich hier schon erwartet.
Nicht genau meine Position.
Herr Assad ist kein Diktator.
" ... Luftwaffe Krankenhäuser in Syrien bombardiert".
Die Quellen für diese Behauptung sind äußerst zweifelhaft - die terroristische Seite in Syrien.
"Weltpolizist Amerika" ist ebenfalls ein begriflicher Fehlgriff.
Die USA sind der Staat mit den meisten völkerrechtswidrigen Angriffskriegen, also eher Krimineller als Polizist.
Nicht Putin hat den WESTEN gespalten, obwohl es ihm eher willkommen sein mag.
Der WESTEN selbst zerlegt sich, wie auch die einzelnen Gesellschaften von innen heraus.

Der Autor erinnert mich an einen Autor bei der WELT, der dort sein Gnadenbrot fristet.
Ziemlich frei von der Realität.

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