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08.10.2018

06:53

Der Chefökonom

Die gesetzliche Rente kann den Kapitalmarkt nicht auf Dauer schlagen

Von: Bert Rürup

Die gesetzliche Rente profitiert von Niedrigzinsen und Steuergeld. Doch langfristig wird sie keine höhere Rendite als Kapitalmarktanlagen abwerfen.

Olaf Scholz Rentenpläne würden im Jahr 2030 rund 30 Milliarden Euro zusätzlich kosten. dpa

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Olaf Scholz Rentenpläne würden im Jahr 2030 rund 30 Milliarden Euro zusätzlich kosten.

„Die gesetzliche Rente hat sich als das überlegene System erwiesen. Sie bringt jetzt und auch in der Zukunft eine rechnerische Rendite von zwei bis drei Prozent, das schaffen Sie am Kapitalmarkt nicht.“ Mit dieser kühnen Behauptung unterstützte Andrea Nahles jüngst den Vorstoß von Finanzminister Olaf Scholz, das derzeitige Rentenniveau von 48 Prozent zumindest bis 2040 festzuschreiben.

Diese Aussage der SPD-Chefin stellt freilich eine sehr eigene Sicht der Realität dar. Manch einer mag sich gar an Nahles‘ Gesangseinlage im Bundestag erinnert fühlen, als sie als damalige Generalsekretärin 2013 das Pippi-Langstumpf-Lied trällerte: „Ich mach‘ mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt.“

Eine Rentenversicherung sichert das Langlebigkeitsrisiko ab, zielt also ab auf die einkommensmäßige Absicherung der im Einzelfall unbekannten Zeitspanne zwischen dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und dem Tod. Wer frühzeitig stirbt, muss seine nicht in Anspruch genommenen Ansprüche dem Versichertenkollektiv vererben, damit die Versorgung jener gesichert ist, die überdurchschnittlich alt werden. Die individuelle Rendite jeder Rentenversicherung ist also umso höher, je älter der Einzelne wird.
Nahles‘ Renditevergleich kann sich also nur auf kollektive Renditen beziehen.

Doch auch dieser Vergleich ist sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich. So erhält die gesetzliche Rentenversicherung heute 80 Milliarden Euro Bundeszuschüsse, die sowohl der Finanzierung der vom Gesetzgeber nie definierten oder aufgelisteten versicherungsfremden Leistungen wie der Kriegsopferversorgung dienen als auch der Senkung des Beitragssatzes.

Die Renten werden also nicht nur aus dem Beitragsaufkommen finanziert, sondern auch aus Steuergeld. Rechnerisch entfallen auf jeden der 21 Millionen Rentenempfänger derzeit etwa 4.000 Euro jährlich aus Steuermitteln des Bundes.

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Zudem erwerben gesetzlich Versicherte Ansprüche auf Leistungen, die nicht der eigenen Altersversorgung dienen, wie etwa die finanzielle Absicherung gegen Invalidität oder ein Schutz der Hinterbliebenen. Hinzu kommt, dass freiwillige Rentenversicherungen durchweg Sammelbecken schlechter Risiken sind.

Noch sind die Kapitalmarktrenditen mager

Denn freiwillige Beiträge zahlt nur der, der glaubt, dass diese eine gute Rendite abwerfen – und die meisten Menschen können recht gut einschätzen, ob sie selbst für eine Versicherung ein gutes oder schlechtes Risiko sind, also ob sie jung sterben oder lange leben. Daher ist die Lebenserwartung von privat Rentenversicherten stets höher, als die von gesetzlich Versicherten.

Die kollektive Rendite eines kapitalgedeckten Systems entspricht der am Kapitalmarkt erzielbaren Rendite, abzüglich der Kosten und Gewinne. Im Umlagesystem bestimmt das Wachstum der Lohnsumme die kollektive Rendite. Derzeit sind die Kapitalmarktrenditen mager, während seit geraumer Zeit die Lohnsumme kräftig wächst.

Somit ist Nahles nicht zu widersprechen, wenn sie einen Renditevorsprung der gesetzlichen Rente gegenüber vielen neuen privaten Rentenverträgen sieht – derzeit zumindest nicht. Aber ob dieser Vorsprung auf Dauer anhält, ist jedoch zu bezweifeln. In den nächsten Jahren dürfte die Niedrigzinsphase auslaufen. Ferner wird aufgrund der Alterung die Erwerbstätigkeit spürbar sinken, selbst wenn die Zuwanderung hoch bleibt. Sofern der Steuerzuschuss nicht deutlich steigt, wird die Rendite der gesetzlichen Rente daher sinken, während die Kapitalmarktrenditen steigen.

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Ein anhaltender Renditevorsprung der umlagefinanzierten Rente, der nicht aus einer steuerlichen Subventionierung resultiert, setzt voraus, dass der Zins auf Dauer niedriger als das Wachstum der Lohnsumme ist.

So etwas gibt es aber nur in Schlaraffenländern. Nur dort kann dauerhaft auf Pump konsumiert und können fällige Zinsen aus Einkommenszuwächsen finanziert werden – übrigens, die erste Zeile des Langstrumpf-Songs lautet: „Zweimal drei macht vier.“ Man kann nur hoffen, dass nicht alle wichtigen GroKo-Sozialpolitiker Langstrumpf-Fans sind.

Olaf Scholz kann rechnen. Er weiß, das Nahles-Statement kann nur dann aufgehen, wenn der Staat immer mehr zur Rente zuschießt. In einem Interview sagte er, die Stabilisierung des Rentenniveaus sei sehr wohl möglich, und zwar mit höheren Bundeszuschüssen. Seine Pläne würden im Jahr 2030 rund 30 Milliarden Euro zusätzlich kosten. „Diese 30 Milliarden Euro wären bei einem Haushalt von 500 Milliarden Euro finanzierbar.“

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Nun kann man spekulieren, wie viel Luft im Etat 2030 stecken wird und wie diese Luft bestmöglich zu verwenden ist. Klug wäre es allemal, das zweite und dritte kapitalgedeckte Standbein der Alterssicherung zu stärken.

Die Politik sollte daher die Verbreitung kapitalgedeckter Betriebsrenten steigern und zudem auf das Angebot eines kostengünstigen Standardprodukts der Privatvorsorge dringen. So könnten möglichst viele Menschen von den steigenden Kapitaleinkommen profitieren – schließlich hat Diversifizierung noch keinem erfolgreichen langfristigen Anleger geschadet.

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