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03.06.2022

04:04

Der Chefökonom – Kommentar

Die Welt wird neu geordnet – und das ist teuer

Von: Bert Rürup

Lange Zeit war Deutschland einer der Gewinner der Globalisierung. Die weltweiten Lieferketten müssen allerdings neu organisiert werden. Die Rechnung werden die Endverbraucher zahlen müssen.

Die deutsche Industrie konnte ihr bewährtes Konzept ausweiten und die Lieferketten gen Fernost ausweiten. dpa

Containerhafen Deutschland

Die deutsche Industrie konnte ihr bewährtes Konzept ausweiten und die Lieferketten gen Fernost ausweiten.

Düsseldorf Die deutsche Volkswirtschaft war einer der großen Gewinner der Globalisierung der vergangenen drei Jahrzehnte. Dies ändert sich gerade. Zunächst öffnete der Fall des Eisernen Vorhangs ein riesiges Niedriglohngebiet in unmittelbarer Nähe, in das die deutsche Industrie personalkostenintensive Fertigungsprozesse verlagern konnte.

Dies sparte im Inland Lohnkosten und stärkte das Drohpotenzial gegenüber den Gewerkschaften, sodass letztlich auch der Lohnanstieg im Inland gedämpft wurde. Hinzu kamen die Arbeitskosten senkende Einschnitte in das Sozialsystem, die mit dazu beitrugen, die Beschäftigung auf neue Rekordhöhen ansteigen zu lassen.

Eine Dekade später begann die Integration Chinas in den Welthandel. Die deutsche Industrie konnte ihr bewährtes Konzept ausweiten und die Lieferketten gen Fernost ausweiten. Zudem dienten nunmehr nicht nur Lkw und Güterzüge, sondern zunehmend auch Containerschiffe als mobile Läger für eine „just in time“ getaktete Produktion von hochwertigen Autos und Maschinen made in Germany.

Nun erfordern aber nicht nur Industrieproduktion, sondern auch Dienstleistungen und privater Wohlstand Energie, deren Produktion mit negativen externen Effekten verbunden ist. Der Abbau von Kohle zerstört Landschaften, bei der Gasförderung besteht die Sorge vor Erdbeben sowie einer Verunreinigung des Trinkwassers – und Öl gibt es in Deutschland faktisch nicht.

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    Atomkraftwerke werden aus Angst vor Nuklearunfällen von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt, während Windkraftanlagen nur dort populär sind, wo sie nicht in unmittelbarer Nähe der eigenen Wohnung stehen. Und für eine sichere Versorgung mit Sonnenenergie ist das Wetter in Deutschland zu unbeständig.

    Risiken wurden ausgeblendet

    Deshalb lag es für die deutsche Politik nahe, das Energieversorgungsproblem schrittweise auszulagern und auf Importe zu setzen, ähnlich, wie es die Industrie bereits erfolgreich praktizierte. Innenpolitisch ließ sich die Politik für den gleichzeitigen Ausstieg aus Atomkraft und Kohleverstromung feiern.

    Eine Havarie im Suezkanal legte offen, wie störungsanfällig die weltweite Vernetzung der Volkswirtschaften ist. dpa

    Containerschiff im Suezkanal

    Eine Havarie im Suezkanal legte offen, wie störungsanfällig die weltweite Vernetzung der Volkswirtschaften ist.

    Nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin mit seinem Ukraine-Feldzug zum politischen Paria wurde, stellte die breite Öffentlichkeit mit Erstaunen fest, dass Deutschland keineswegs Vorreiter bei Klimaschutz und Energiewende war, sondern dass etwa ein Drittel des gesamten Primärenergieverbrauchs dieser viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aus Russland stammte.

    Und kam es trotz durchweg pünktlichen Lieferungen aus Sibirien einmal zu Problemen, weil weder die Sonne schien noch der Wind wehte, half Atomstrom aus Frankreich, diese Dunkelflauten unbeschadet zu überstehen.

    Da nie ernsthafte Versorgungsprobleme auftraten, wurden die Risiken ausgeblendet, die aus dieser Outsourcing-Strategie resultieren können. Und so erlebte die deutsche Volkswirtschaft nach dem Ende der Finanzkrise von 2008 ein ökonomisch goldenes Jahrzehnt.

    Kratzer auf dieser goldenen Oberfläche kamen in Schüben. Erst zettelte der ehemalige US-Präsident Donald Trump einen Handelskrieg mit China und der EU an. Dann legte eine Havarie im Suezkanal offen, wie störungsanfällig die weltweite Vernetzung der Volkswirtschaften ist. Der Coronaausbruch schließlich führte zu Handelsbeschränkungen und Lockdowns, sodass viele Lieferketten rissen.

    Grafik

    Schlagartig wurden Medizinprodukte, Rohstoffe, Verpackungsmaterial und Halbleiter knapp. Der Markt reagierte auf diese Knappheiten wie im Lehrbuch, nämlich mit kräftigen Preissprüngen. Diese wälzten sich durch die Lieferketten und sind nun in geballter Form bei den Endverbrauchern angekommen. Eine Inflation von aktuell 7,9 Prozent in Deutschland war noch vor einem Jahr jenseits des Vorstellungsvermögens; im Mai 2021 lag die Inflationsrate noch bei 2,5 Prozent.

    Viele Alltagsprodukte dürften auf Dauer teurer werden

    Manche Unternehmen sind nun dabei umzudenken. Das Problem: Eine Verringerung von Lieferrisiken läuft dem Ziel der betriebswirtschaftlichen Kostenminimierung zuwider. In den zurückliegenden Zeiten, in denen alles glattlief, wären Unternehmen, die auf die günstigste Bezugsquelle verzichtet hätten, aus dem Markt gedrängt worden. Wenn Lieferketten jedoch gestört sind, sind die Wettbewerber mit teureren, aber sichereren Bezugsquellen im Vorteil und können die höheren Kosten mit plausiblen Argumenten überwälzen.

    In Deutschland fehlen Fachkräfte. dpa

    Baustelle

    In Deutschland fehlen Fachkräfte.

    Ein Aufbau neuer Lieferbeziehungen erfordert Zeit und Geld. Da die Lieferanten kritischer Vorprodukte sich zwischenzeitlich ihrer Marktmacht sehr bewusst sind, macht dies Preisverhandlungen besonders für neue Kunden nicht einfach.

    Die neuen Gleichgewichtspreise für Energie, Rohstoffe und Elektronik dürften daher deutlich über jenen liegen, an die Einkaufsmanager und Endverbraucher gewöhnt waren. Viele Alltagsprodukte dürften auf Dauer teurer werden.

    Befeuert werden diese Teuerungsschübe dadurch, dass die etablierten Industrieländer große Anstrengungen unternehmen wollen, ihre Volkswirtschaft binnen weniger Dekaden weitgehend zu dekarbonisieren. Dies erfordert hohe Investitionen, und zwar auch solche, die nicht mit höheren Produktionsmöglichkeiten einhergehen, die also nicht das Wachstumspotenzial erhöhen.

    Überdies verteuern höhere Energiestandards für neue und alte Gebäude das Bauen und damit auch das Wohnen. Zum einen werden entsprechende Materialien benötigt, deren Preise bei wachsender Nachfrage steigen. Zum anderen sind schon heute – nicht nur auf den Baustellen – Fachkräfte knapp, was die Arbeitskosten treibt.

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup

    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

    Steigende CO2-Steuern werden, ja sollen dafür sorgen, dass die Energiepreise im Trend weiter steigen, selbst wenn die aktuellen Übertreibungen infolge der Kriegsangst vorüber sind. Über steigende Herstellungs- und Transportkosten sorgen die höheren Energiepreise zudem dafür, dass sich auch zahlreiche andere Produkte kontinuierlich verteuern und auch die Verbraucherpreise auf Dauer anziehen werden.

    EZB muss zwischen zwei Übeln wählen

    Ein steigendes Preisniveau ruft die Europäische Zentralbank (EZB) auf den Plan, die seit 1999 für die Geldwertstabilität im Euro-Raum verantwortlich ist. Präsidentin Christine Lagarde hat zwar angekündigt, die Netto-Anleihekäufe auslaufen lassen und die Zinsen erhöhen zu wollen. Wirklich verlassen hat sie den 2014 vom damaligen Präsidenten Mario Draghi eingeschlagenen Anti-Deflations-Kurs aber bislang noch nicht.

    Lagarde hat angekündigt, die Netto-Anleihekäufe auslaufen lassen und die Zinsen erhöhen zu wollen. IMAGO/Xinhua

    Christine Lagarde

    Lagarde hat angekündigt, die Netto-Anleihekäufe auslaufen lassen und die Zinsen erhöhen zu wollen.

    Allerdings werden höhere Leitzinsen an den aktuellen Preissteigerungen nur wenig ändern. Denn gegen angebotsseitige Teuerungsschübe sind Notenbanken machtlos. Gleichwohl müssen die Zentralbanken diesen Kampf annehmen, da Zweitrundeneffekte über kräftig steigende Löhne drohen.

    Damit steht nicht weniger als die Reputation der Geldpolitik auf dem Spiel. Genauso, wie Draghi in einem Großteil seiner Amtszeit – vergeblich – versuchte, die Inflation in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels zu erhöhen, läuft nun EZB-Präsidentin Christine Lagarde Gefahr, ebenfalls vergeblich gegen eine gemessen am Inflationsziel von zwei Prozent zu hohe Teuerung anzukämpfen.

    Im Nachhinein wäre eine frühere Abkehr von der ultraleichten Geldpolitik sicher besser gewesen. Aber die Sorge über den Zusammenhalt der Währungsgemeinschaft mit ihren hochverschuldeten Südstaaten war größer.

    Nun steht die EZB vor ähnlichen Problemen wie die Bundesbank in den 1970er-Jahren. Sie muss zwischen zwei Übeln wählen: das Risiko einer Rezession einzugehen, um ihrem Mandat zu folgen, oder ihr Inflationsziel vor dem Hintergrund der neuen weltwirtschaftlichen Realitäten und Prioritäten der Politik ein Stück weit nach oben anzupassen. Gleichwohl: Viel Glück, Frau Lagarde!

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