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01.07.2022

11:53

Editorial

Arbeitermangel: Deutschland erlebt einen Verkehrsinfarkt

Von: Sebastian Matthes

Die Politik hat die Fachkräftekrise jahrelang unterschätzt. Nun legen die Personallücken das Land lahm. Sie zu überwinden erfordert einen Mentalitätswandel.

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Der Autor

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Deutschland erlebt dieser Tage einen nie da gewesenen Verkehrsinfarkt. Fast durch das gesamte Terminalgebäude des Düsseldorfer Flughafens zog sich neulich die Schlange für die Sicherheitskontrolle. Reisende mussten mehr als zwei Stunden warten, nicht wenige verpassten ihre Flieger, obwohl ohnehin fast alle Maschinen verspätet zur Startbahn rollten.

Als ich schließlich vorn ankam, sagte ein Mitarbeiter lakonisch: „Das war noch gar nichts.“ In den nächsten Tagen erwarte man noch viel mehr Passagiere, „wir werden aber immer weniger. Fliegen Sie am besten gar nicht mehr. Fahren Sie an die Nordsee.“

Viele Reisende dürften sich tatsächlich gerade an die Nordsee wünschen. Denn irgendetwas ist immer. Mal wird der Flug gestrichen, weil kein Personal für die Abfertigung da ist. Mal müssen Passagiere bis zwei Uhr nachts auf ihr Gepäck warten, weil niemand die Koffer aufs Band hebt.

Und während ich diese Zeilen im ICE schreibe, ist das Bordrestaurant geschlossen. Auch hier fehlt, Sie ahnen es, das Personal. Gerade kommt eine Krise mit voller Wucht im Alltag an, die seit Langem absehbar war. Fachkräftemangel wurde das Phänomen immer genannt. Wobei schon das Wort falsch ist.

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    Was wir erleben, ist eine Arbeiterlosigkeit von historischem Ausmaß. Nie zuvor waren in Deutschland so viele Stellen unbesetzt wie im ersten Quartal dieses Jahres: 1,7 Millionen Jobs. Es fehlen aber längst nicht mehr nur IT-Fachkräfte, sondern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Branchen.

    >>Lesen Sie auch: Letzter Ausweg Automatisierung

    Köche, Steuerberaterinnen, Putzkräfte, Erzieherinnen, Lehrer, Intensivpflegerinnen und Wärmepumpen-Spezialisten. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags nennt gut jedes zweite Unternehmen den Fachkräftemangel ein veritables Geschäftsrisiko. Der Arbeits- und Fachkräftemangel „ist neben der Energiewende die größte wirtschaftliche Herausforderung für Deutschland“, räumt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ein.

    Historische Fachkräftekrise

    Die aktuelle Krise ist erst der Anfang. Ohne Netto-Zuwanderung wird die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter in Deutschland bis 2035 von 47 auf rund 40 Millionen sinken, weil immer weniger Kinder geboren werden – und die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. 25 Jahre später gibt es noch einmal 8,9 Millionen Arbeitskräfte weniger. „Im Koalitionsvertrag spielt das seit vielen Jahren bestens bekannte Megaproblem der Alterung keine Rolle“, so Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup. „Wir laufen sehenden Auges in eine historische Krise.“ 

    Dieses Land hat jahrelang die falsche Debatte geführt. Zu lange haben Politiker und Wirtschaftsvertreter geglaubt, dass es erstens nicht so schlimm kommen werde – und zweitens Zuwanderung schon irgendwie die Lücken füllt. Beides war naiv.
    Zuwanderung wird die Krise allenfalls lindern. Auch eine verlängerte Lebensarbeitszeit auf 69 Jahre – wie sie zuletzt die Bundesbank empfohlen hatte – wird so bald nicht kommen. Eine Bundesregierung, die dieses Ziel ernsthaft verfolgen würde, könnte am nächsten Tag abdanken, auch weil das mittlere Alter der Wähler bei 53 Jahren liegt.

    Bleibt ein Feld, das lange unterschätzt wurde: die Automatisierung. Von diesem Ausweg handelt unser Titelkomplex, den Arbeitsmarkt-Reporter Frank Specht zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Unternehmensressort geschrieben hat. Natürlich gibt es viele Jobs, die Roboter nicht übernehmen können, in der Pflege zum Beispiel. Aber in Restaurants, in Supermärkten, auf dem Bau und natürlich in der Produktion ist mehr drin. Jahrelang haben hier viele Unternehmen eher verhalten investiert. Das ändert sich nun.

    Wegen der steigenden Löhne und vor allem wegen des fehlenden Personals sind die Firmen dazu gezwungen. In Hamburg etwa werden fahrerlose S-Bahnen erprobt. Logistiker bauen voll automatisierte Lager. Restaurants setzen auf digitales Bestellen und Supermärkte auf automatische Kassen.

    Gefürchtete Algorithmen

    Nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern hätten schon 2019 rund 60 Prozent der Tätigkeiten in Handelsberufen auch von Computern erledigt werden können. Doch diese Revolution der Roboter erfordert einen Mentalitätswandel. Und der ist gar nicht so leicht zu schaffen.

    Noch vor wenigen Jahren hoben Magazine Geschichten auf den Titel, die davon handelten, dass Roboter und Künstliche Intelligenz Abermillionen Menschen arbeitslos machen würden. Bei den düsteren Szenarien von einst wurden zwei Effekte übersehen. Erstens hat die Digitalisierung in vielen Branchen mehr Jobs geschaffen als gekostet.

    Zweitens wurden schlicht die demografischen Grundlagen ignoriert. Gerade wenn es um die Automatisierung von Industrie und Geschäftsprozessen geht, gibt es in Deutschland viele erfolgreiche Technologiefirmen, die ihre Lösungen in alle Welt verkaufen. Diese Unternehmen haben beste Chancen, bei der nächsten Welle der Digitalisierung eine große Rolle zu spielen – wenn sie denn genug Leute finden.

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