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13.05.2022

14:59

Editorial

Chinas Wirtschaft ist in einem so schlechten Zustand wie seit Jahrzehnten nicht

Von: Sebastian Matthes

Jahrelang haben Manager und Politiker den Aufstieg der chinesischen Wirtschaft bewundert. Wer heute in die Volksrepublik reist, erlebt ein anderes Land.

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Autor des Editorials

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Düsseldorf Wenn es um China ging, erzählte man sich lange die Geschichte von einem straff organisierten Land, das mit großer strategischer Weitsicht generalstabsmäßig seinen Aufstieg plante. Die Sache mit den unterdrückten Uiguren, klar, das ist schrecklich. Und auch die staatliche Überwachung, die inzwischen Orwell’sche Züge trägt, ist auch nicht so unser Ding.

Aber insgesamt herrschte nicht nur in der Politik, sondern vor allem auch in den Topetagen der deutschen Wirtschaft eine Begeisterung für den Staatskapitalismus chinesischer Prägung, die im Rückblick ziemlich unkritisch anmutet.

Der ökonomische und vor allem auch technologische Aufstieg Chinas schien ja auch lange keine Grenzen zu kennen. Doch wenn wir heute dorthin blicken, dann sehen wir ein anderes Land. Eines mit zwangsabgeriegelten Millionenstädten, einem kollabierenden Immobiliensektor und einer zunehmend frustrierten Bevölkerung.

Chinas Exporte brechen ein, und die eben noch gefeierten Tech-Unternehmen entlassen Hunderttausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und während sich die Frachter vor den gesperrten Häfen stauen, blicken erste Dax-Vorstände mit Sorge auf ihre China-Investitionen, einige verlagern Aktivitäten schon in andere Länder.

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    Dem ein oder anderen dämmert gerade, dass China in Teilen überschätzt wurde. Das Land sei in einem so schlechten Zustand wie seit 30 Jahren nicht mehr, sagt der Investor Shan Weijian von der Private-Equity-Gesellschaft PAG, der jahrelang die chinesische Regierung verteidigt hatte.

    Geschäftsmodell Chinas in der Krise

    Die US-Technologiesanktionen haben das Land getroffen, und gleichzeitig nimmt das Produktivitätswachstum der chinesischen Wirtschaft ab. Sogar die Autoverkäufe, das ist für die deutsche Industrie besonders entscheidend, gehen gerade zurück. 

    Und die größten Probleme kommen erst: Die Geburtenrate ist mit 8,5 Geburten pro 1000 Einwohnern in China so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht. Damit wird die Erwerbsbevölkerung noch schneller schrumpfen als befürchtet. Das wiederum sorgt nicht nur für einen Fachkräftemangel, sondern auch für steigende Löhne. Stacheldraht und Straßensperren in Schanghai und Peking sind die Sinnbilder einer neuen Zeit, in der die Überwachung der Gesellschaft immer neue Dimensionen annimmt.

    Das spürt die Wirtschaft – vor allem die einst gepriesene Tech-Szene. Das erratische Vorgehen Pekings gegen die Technologieunternehmen hat Investoren in aller Welt geschockt. Unternehmerinnen und Unternehmer fragen sich nun nicht mehr zuerst, mit welchen neuen Geschäftsideen sie ihre Kundschaft begeistern können. Sie überlegen immer öfter, welche Idee wohl der Partei gefällt. Echte Innovationen entstehen in solch einem Klima nicht.

    Peking schottet sich ab

    Zu Beginn der Covidkrise haben Investoren, Unternehmerinnen und Politiker aus dem Westen noch mit Bewunderung nach China geblickt: wie entschieden und kraftvoll das autoritäre System auf die Pandemie reagieren konnte – während im Westen ewig diskutiert wurde. Die schnelle Antwort auf die neue Herausforderung war die klare Stärke des chinesischen Systems.
    Seitdem zeigen sich vor allem die Schwächen: Das Regime in Peking agiert panisch. Über Nacht können Unternehmer mit fadenscheinigen Vorwürfen angeklagt werden und von der Bildfläche verschwinden. Derweil hat das Land immer noch keinen starken Impfstoff, von einer funktionierenden Impfkampagne ganz zu schweigen.

    Und die Staatsführung in Peking ist unfähig oder nicht willens, Entscheidungen zu erklären, den Kurs zu ändern oder gar Fehler einzugestehen – stattdessen schottet sich Peking immer mehr ab und reagiert dünnhäutig auf Kritik an der aktuellen Null-Covid-Politik. 

    Der Westen, den autoritäre Machthaber oft als schwach ansehen, kehrt indes zur Normalität zurück. Die Maske verschwindet aus dem Alltag. Und angesichts von Russlands Angriffskrieg in der Ukraine sprechen westliche Länder über neue Kooperationen bei Energie, Wirtschaft und Innovationen.

    Demokratie und Marktwirtschaft, das ist die gute Nachricht in all dem Chaos, sind am Ende doch die überlegenen Systeme, wenn es darum geht, sich in einer sich rapide verändernden Welt anzupassen und mit Innovationen auf große Krisen wie Pandemien oder den Klimawandel zu reagieren. Diese Stärke darf der Westen – bei allem, was nicht funktioniert – niemals vergessen.

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