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23.09.2022

12:03

Editorial

Die deutsche Wirtschaft steht vor einer Effizienz-Revolution

Von: Sebastian Matthes

Die Krise ist nicht mehr abzuwenden – trotz allem gibt es Gründe für Optimismus: Denn die Not der Unternehmen beschleunigt dringend nötige Veränderungen drastisch.

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Der Autor

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Düsseldorf Wie ernst die Lage ist, haben die Zahlen erst diese Woche wieder gezeigt: Seit dem Zweiten Weltkrieg messen Statistiker die sogenannten Erzeugerpreise, hinter denen die durchschnittliche Preisentwicklung von Rohstoffen und Vorprodukten steckt. Und diese Erzeugerpreise haben im August um knapp 46 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zugelegt – so kräftig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen.

Das sind schlechte Nachrichten, weil Unternehmen versuchen, diese steigenden Kosten von Vorprodukten – in diesem Fall vor allem von Energie – wenn irgend möglich über die Preise ihrer Produkte wieder hereinzuholen, was wiederum die Verbraucher zu spüren bekommen.

Und das ist kein temporärer Effekt. Zwar werden die Energiepreise nach Schätzungen von Ökonominnen und Ökonomen womöglich schon nächstes Jahr wieder ein wenig fallen – dass sie in Europa aber wieder auf das Vorkriegsniveau zurückgehen, erwartet eigentlich niemand.

Das liegt allein schon daran, dass der Anteil von verflüssigtem Gas am Verbrauch steigt, das deutlich teurer ist als Pipelinegas aus Russland. Die hohen Energiepreise schaden der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Hersteller von Stahl, Chemieprodukten und Düngemitteln haben ihre Produktion bereits reduziert – teilweise drastisch.

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    Diese Produktionsrückgänge schlagen jetzt auch auf die Konjunktur durch. Das Handelsblatt Research Institute (HRI) rechnet für das dritte Quartal mit einer leicht sinkenden Wirtschaftsleistung in Deutschland. Dieser Abschwung werde sich im Spätherbst und Winter beschleunigen, ehe sich im Laufe des ersten Halbjahres 2023 die Konjunktur wieder stabilisieren dürfte. „Diese Krise“, stellt HRI-Präsident Bert Rürup fest, „wird uns alle ärmer machen.“

    Effizienzrevolution in den Unternehmen

    Aber: Es gibt auch Hoffnung, sagt die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer. Im Podcast „Handelsblatt Disrupt“ und in unserer heutigen Titelgeschichte argumentiert die Ökonomin von der Ludwig-Maximilians-Universität München, dass die Krise in diesem Winter zwar viele Unternehmen zunächst einmal in Schwierigkeiten bringe. Die Energieknappheit werde aber gleichzeitig zu einem deutlichen Effizienzschub führen. Ihre Hypothese belegt Schnitzer mit japanischen Daten aus der Zeit nach der Ölkrise von 1973 und nach dem Reaktorunglück in Fukushima.

    In beiden Fällen war die Energie in Japan plötzlich knapp, die Preise für Strom und Gas stiegen schlagartig, und die Regierung machte strenge Verbrauchsvorgaben. Das löste eine kleine Effizienzrevolution aus, weil sich auf einmal energiesparende Technologien rechneten, die vorher unwirtschaftlich waren: effizientere Kühlschränke, Fahrzeuge und Fabrikanlagen zum Beispiel.

    Der Einschnitt war dennoch immens, weil er die Wirtschaftsstruktur des Landes grundlegend veränderte: Die Petrochemie schrumpfte, die Hightech-Industrie legte zu, ebenso die Automobilindustrie, die ihre sparsamen Toyota und Honda in alle Welt verkaufte.

    Eine ähnliche Entwicklung hält Schnitzer nun auch in Deutschland für möglich. „Energiesparen hatte in den vergangenen zehn Jahren in vielen Unternehmen einfach keine Priorität, weil es sich nicht gerechnet hat“, sagt die Ökonomin, was allein schon die vielen Büro- und Fabrikdächer ohne Solarzellen zeigten.

    In Berlin wurde die Revolution sichtbar

    Seit Jahren plant die Bundesregierung, die Energieproduktivität in Deutschland zu steigern – seit Jahren wird dieses Ziel verfehlt. Es ist zum Beispiel völlig unverständlich, warum die Sonne in Deutschland immer noch Zehntausende dunkle Hallendächer erhitzt, während die Geräte darunter mit Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken gekühlt werden müssen.

    Unternehmen in Deutschland belasten die steigenden Gaspreise und Strompreise

    Deutschland muss zittern

    Angesichts der steigenden Gaspreise und Strompreise schauen viele Unternehmen besorgt in den Winter.

    Viele Unternehmen sind am Limit, auch das zeigt der große Handelsblatt-Report zum Wochenende. Sie fahren Anlagen herunter, schicken Kolleginnen und Kollegen in Kurzarbeit oder stellen ganze Standorte infrage. Und ein Teil von ihnen, auch weitere staatliche Milliarden helfen da nicht, wird die Krise nicht überstehen.

    Viele andere aber werden sich der neuen Lage anpassen, mit einem anderen Energiemix und neuen, effizienteren Technologien. Und dieser Prozess hat längst begonnen, wie auf der Elektronikmesse Ifa in Berlin vor wenigen Wochen zu sehen war, als Firmen wie Miele oder Grundig sich mit sparsamen Geräten gegenseitig überboten: Waschmaschinen, die mit Künstlicher Intelligenz optimierte Sparprogramme ermitteln, besser gedämmten Kühlschränken oder Energiemanagementsystemen, die Haushaltsgeräte erst dann starten lassen, wenn die Solarzellen auf dem Dach viel Strom liefern.

    Ähnliches wird sich nun in der Industrie tun – seit Jahren verweisen Ökonomen auf das Einsparpotenzial durch effizientere Pumpen und Motoren, besser genutzte Prozesswärme, automatisierte Gebäudetechnik und digital gesteuerte Anlagen. Die Nachfrage danach dürfte nun sehr schnell steigen. Und die gute Nachricht: Solche Technik kommt überdurchschnittlich oft von deutschen Unternehmen.

    Europa braucht einen Modernisierungsschub

    Das heißt nicht, dass damit die Rezession der nächsten Quartale verhindert werden kann. Aber es ist ein Signal der Hoffnung für die Zeit danach. Denn Europa, so viel steht fest, braucht einen neuen Modernisierungsschub – und dabei könnte Technologie aus Deutschland eine wichtige Rolle spielen.

    Was aber auch stimmt: Dieser Modernisierungsschub ist nur dann nachhaltig, wenn Unternehmen tatsächlich in die Entwicklung dieser Technologien investieren, Universitäten die dafür benötigten Expertinnen und Experten ausbilden – und die Politik nicht diejenigen Unternehmen immer stärker belastet, die Millionen für ihren eigenen grünen Umbau ausgeben müssen.

    Dieser Wandel, soll er wirklich nachhaltig sein, ist ein Wandel, der in den Köpfen beginnen muss.

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