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30.08.2022

15:35

Kommentar

An Ethereum hängt es, ob die Kryptowelt mehr wird als eine Spielwiese für Spekulanten

Von: Andreas Neuhaus

Ein Update soll die Blockchain nach jahrelangen Vorarbeiten aus der Ökofalle holen. Ob es gelingt, wird zur Frage der Glaubwürdigkeit.

Ethereum imago images/Westend61

Ethereum

Ethereum ist seit jeher das Vorzeige-Kryptoprojekt, weil es mehr ist als nur ein Zahlungsmittel.

Es ist das aktuell bestimmende Thema in der Kryptowelt: das Update bei Ethereum. Die Blockchain soll dadurch sicherer und skalierbarer werden. Vor allem aber soll die bisher gigantische Energieverschwendung gestoppt werden. Es ist eine riesige Chance für Ethereum. Und vielleicht die letzte Chance für die Kryptowelt, mehr zu sein als nur ein Spielplatz für Spekulanten.

Das bisherige Jahr war bitter für Kryptowährungen. Die Kurse stürzten ab, der Marktwert aller Cyberdevisen brach in der Spitze um mehr als zwei Drittel ein. Noch schlimmer ist aber der Vertrauensverlust, weil vieles nicht so funktioniert, wie es soll.

Ein Beispiel ist der Stablecoin Terra USD, dessen Kurs konstant bei einem Dollar liegen und der ein weltweit umspannendes Zahlungsnetzwerk bilden sollte. Der Kurs brach ein, weil der Algorithmus von Spekulanten ausgehebelt werden konnte.

Das zweite Beispiel bot die Kryptoplattform Celsius, die ihren Anlegern zweistellige Renditen versprach. Sie ging in die Insolvenz – das Geschäftsmodell funktionierte nur bei steigenden Kursen. Die Schäden der beiden Fälle erreichten zusammen weit über 50 Milliarden Dollar.

Hinzu kamen weitere Pleiten und Entlassungen bei Kryptoprojekten, außerdem Hackerattacken, regulatorische Probleme und Ermittlungen von Behörden. Kurzum: Zurück blieb das Bild einer Branche, in der sich vor allem Spekulanten, Tagträumer und Verbrecher rumtreiben. Und in diese Gemengelage kommt das Ethereum-Update.

Ethereum ist seit jeher das Vorzeige-Kryptoprojekt, weil es mehr ist als nur ein Zahlungsmittel. Die Blockchain ist dort die technische Basis für zahlreiche Kryptoanwendungen. Darunter sind viele aus dem Bereich der „dezentralen Finanzwelt“ (Defi), die Banken und Börsen ersetzen soll.

Ethereum steht für alle Versprechungen der Kryptowelt

Die Defi-Akteure arbeiten unter anderem daran, physische Güter wie Immobilien, Autos oder Kunst virtuell handelbar zu machen. Möglich machen das intelligente, sich selbst ausführende Verträge, auf deren Basis theoretisch irgendwann auch Unternehmen vollständig von Computerprogrammen geführt werden können. Ethereum steht damit für alle Versprechungen, mit denen die Kryptowelt gestartet ist, ehe sie von Spekulanten überflutet wurde, die Coins kauften, weil sie nach dem Hund von Tesla-Chef Elon Musk benannt wurden.

Experten vergleichen die Komplexität des Updates damit, dass bei einem Flugzeug der Antrieb von Kerosin auf Wasserstoff umgestellt wird – allerdings während des Flugs.

Am 15. September soll nun das Ethereum-Update namens „The Merge“ kommen, das einen der größten Kritikpunkte am Technologie-Führer eliminiert. Der Energiebedarf soll um 99 Prozent gesenkt werden. Vereinfacht gesagt wird das möglich, indem nicht mehr viele Server gegeneinander antreten, um Transaktionen zu bestätigen, sondern dafür einer der Nutzer per Zufallsprinzip ausgewählt wird.

Das hört sich so toll an, dass sich mancher die Frage stellen mag: Warum wurde das nicht schon früher gemacht? Die Antwort: Weil es verdammt komplex ist. Experten vergleichen es damit, dass bei einem Flugzeug der Antrieb von Kerosin auf Wasserstoff umgestellt wird – allerdings während des Flugs. Nicht umsonst arbeitet die Ethereum-Organisation seit Jahren daran.

Es gibt das Konkurrenzsystem Cardano, das diese Technik schon anwendet. Aber Cardano hat nur einen Bruchteil der Größe und Bedeutung von Ethereum. Deswegen ist das Update für die ganze Kryptowelt auch ein Risiko.

Sollte das Update nicht funktionieren – bislang haben allerdings alle Tests funktioniert –, wäre all die vorsichtige Euphorie dahin, die sich in den vergangenen Wochen aufgebaut hat und Menschen daran glauben lässt, dass die Kryptowelt mehr ist als ein riesiger Spekulationsbasar, auf dem es darum geht, wertloses Zeug zu pushen, um es dann an einen ahnungslosen Dummkopf zu verscherbeln.

Denn: Wenn schon Ethereum es nicht hinbekommt mit seiner Heerschar an Entwicklern, wer dann?

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