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24.10.2022

17:38

Kommentar

Augen auf bei der Anlage-Strategie: Auf die Verschuldung kommt es an

Von: Ulf Sommer

Weil die Zinsen steigen, werden an der Börse die Schulden der Unternehmen neu bewertet. Das ist überfällig – und Anleger sollten die richtigen Schlüsse daraus ziehen.

Der Konzern hat Nettofinanzschulden von knapp 45 Milliarden Euro. IMAGO/Ina Fassbender

Vonovia in Dortmund

Der Konzern hat Nettofinanzschulden von knapp 45 Milliarden Euro.

Gestörte Lieferketten, teure Energie, knappes Gas, steigende Zinsen, hohe Inflationsraten und der russische Angriffskrieg in der Ukraine – das ist ein toxisches Gemisch für die Börse. Angesichts der vielen Krisen erscheint es ratsam, Bares vorzuhalten und nicht voll in Aktien investiert zu sein, erst recht nicht auf Pump.

Das gilt auch für Unternehmen. Die seit Jahresbeginn um fast 60 Prozent eingebrochene Vonovia-Aktie sollten Anleger als Alarmsignal interpretieren: Wer sein Wachstum mit immer höheren Schulden finanziert hat, gerät unter Druck, seitdem die Zinsen rasant steigen.

Vonovia hat Nettofinanzschulden von knapp 45 Milliarden Euro angehäuft. Aus Anlegersicht geht die vereinfachte Rechnung so: Wer früher einen Jahreszins von null bis ein Prozent für so viele Schulden bezahlt hat, musste dafür maximal 450 Millionen Euro in einem Geschäftsjahr aufbringen.

Bei einem angenommenen Jahreszins von vier oder sechs Prozent, wie es künftig wohl realistisch ist, werden 1,8 bis 2,7 Milliarden Euro gebraucht. Diese Summe wird aus dem laufenden Geschäft nicht einfach zu stemmen sein – und vermutlich die Jahresgewinnbeteiligung schmälern. Das heißt: weniger Dividende.

Höhere Zinsen verteuern künftige Kreditkosten und Anleihezinsen, sobald die Unternehmen neue Schulden aufnehmen oder alte refinanzieren. Deshalb schauen Anleger jetzt genauer hin, wer hoch, niedrig oder gar nicht verschuldet ist.

Dieser Trend dürfte sich noch verstärken. Erstens weil die Notenbanken angesichts anhaltend hoher Teuerungsraten die Zinsen weiter erhöhen werden. Zweitens weil die Firmengewinne angesichts der schwächeren Konjunktur sinken. In den bevorstehenden gewinnärmeren Zeiten ist es gut, wenn Unternehmen möglichst wenig Geld für Schulden aufbringen müssen.

Gar nicht verschuldet ist im Dax beispielsweise der Markenhersteller Beiersdorf, eine Börsenetage tiefer im MDax der Großküchenhersteller Rational. Beide werden von Familien und Erbengemeinschaften geführt. Zufall ist das wohl nicht. Organisch, das heißt, ohne Zukäufe zu wachsen, war in früheren Boomzeiten out. Ebenso ohne Schulden auszukommen. Schließlich kosteten diese lange Zeit fast nichts.

Doch künftig dürften diese zwei Eigenschaften bei Investoren gefragt sein. Dass die Unternehmen im Dax, MDax und SDax zusammengerechnet mit mehr als einer halben Billion Euro so hoch verschuldet sind wie noch nie, schafft keine optimalen Voraussetzungen für eine bald wieder boomende Börse.

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