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23.10.2019

17:12

Kommentar

Ausgerechnet die Autobranche könnte das ganze Land technologisch nach vorn bringen

Von: Stefan Menzel

Auf die Leitindustrie kommen schwierige Zeiten zu. In der konjunkturellen Krise müssen sich die Autohersteller auf ihre Kraft zur Innovation besinnen.

Bei den Wolfsburgern fallen in den nächsten Jahren 14.000 Stellen weg. dpa

VW-Werk in Niedersachsen

Bei den Wolfsburgern fallen in den nächsten Jahren 14.000 Stellen weg.

Continental schreibt Milliarden ab, weil sich die Zukunftsaussichten für einige Tochterfirmen deutlich verschlechtert haben. Bosch will noch einmal mehr als 1500 Arbeitsplätze abbauen, da sich das Dieselgeschäft nicht mehr entscheidend verbessert. Ford streicht in Deutschland in diesem Jahr rund 5000 Stellen, bei Volkswagen fallen bis 2020 ungefähr 14.000 Jobs weg.

Die deutsche Automobilindustrie steht vor einer Zeitenwende. Ein gutes Jahrzehnt lang ist es mit Herstellern und Zulieferern nur stetig nach oben gegangen. Konzerne wie Volkswagen und Continental haben sich nach der Finanzkrise schnell wieder erholt und feierten einen Erfolg nach dem anderen. Während andere Länder wie etwa Großbritannien den Niedergang ihrer Großindustrien beklagen, wurde die deutsche Autobranche noch stärker zum wirtschaftlichen Rückgrat eines ganzen Landes.

Deutschlands wirtschaftliche Stärke hängt heute vom Wohlergehen der Automobilindustrie ab. Etwa 800.000 Menschen arbeiten unmittelbar bei Herstellern und Zulieferern. Für weitere zwei bis drei Millionen Beschäftigte in anderen Branchen und industrienahen Bereichen sind die Aufträge aus der Autobranche unverzichtbar geworden.

Die Erfolge der Autoindustrie waren im Wesentlichen getragen durch einen starken Export. Der eigene heimische Markt in Deutschland spielt eine immer unbedeutendere Rolle im Vergleich zu den viel größeren Absatzmärkten in den USA oder in China.

Doch genau dieses Exportgeschäft sorgt heute zunehmend für Probleme. Da sind die USA mit ihrem unberechenbaren Präsidenten, der vielleicht doch noch Autozölle einführt und den US-Export der deutschen Hersteller empfindlich behindern könnte. Im wichtigsten Absatzmarkt China lässt das Wachstum deutlich nach – sehr zum Leidwesen der deutschen Autokonzerne.

Auf die Leitindustrie aus Deutschland kommen also schwierige Zeiten zu, an diesem Faktum ist nicht mehr zu rütteln. Doch das muss noch lange nicht heißen, dass diese Branche vor ihrem Ende steht. Denn es gibt sehr wohl Auswege aus der nicht ganz einfachen aktuellen Lage.

Der Umwelt- und Klimaschutzgedanke ist auf dem besten Weg, zu einem festen Bestandteil des Wirtschaftslebens zu werden, auch für die Automobilindustrie. Gute Überlebensaussichten werden nur die Autohersteller und Zulieferer haben, die sich vom Verbrennungsmotor verabschieden und auf alternative Antriebsformen umsteigen, allen voran auf den Elektroantrieb.

Unterstützung der Politik ist gefragt

Diesen Wechsel wird die Autobranche allerdings allein nicht schaffen können. Dazu braucht es die tatkräftige Unterstützung durch die Politik, etwa beim Aufbau der Ladeinfrastruktur. Auch wenn es nach der Dieselaffäre schwerfällt: Die Politik muss über ihren Schatten springen und der Autobranche dabei helfen. Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Industrie ist einfach zu groß.

Immerhin hat die Abgasaffäre auch als Katalysator gewirkt. Die Autohersteller haben verstanden, dass sie nicht mehr weitermachen können wie in der Vergangenheit.

Es gibt noch ein weiteres Zukunftsfeld, mit dem die Branche punkten kann. Die Autoindustrie wird schon in naher Zukunft wesentlich durch die Digitalisierung geprägt sein. Künftige Fahrzeuggenerationen mit einem im Vergleich zu heute viel höheren Anteil an digitaler Technik erlauben mehr Komfort und neue Dienste, die das Autofahren einfacher, bequemer und auch sicherer machen werden.

Die deutsche Automobilindustrie hat sich von vielen Wettbewerbern stets durch ihre Innovationskraft unterschieden. Das hat der Branche ihre im internationalen Vergleich hervorgehobene Position gesichert. Besonders Premiumhersteller wie Mercedes, BMW und Audi haben für den technologischen Vorsprung der deutschen Hersteller gesorgt.

Daraus lässt sich ableiten, was die deutsche Automobilindustrie jetzt zu tun hat. Sie muss sich auf ihre alten Stärken verlassen, die sie in den vergangenen Jahrzehnten groß gemacht haben. Mit neuen Antrieben können die deutschen Autohersteller das Geschäft mit umweltgerechten und sauberen Motoren prägen. Und sie müssen das digitale Geschäft umfassend in den Griff bekommen, um wachsenden Ansprüchen im Service und bei neuen Dienstleistungen gerecht zu werden.

Die deutsche Volkswirtschaft hat klare Defizite bei IT und Software. Doch wenn es der Autobranche gelingt, ihre bestehenden Lücken auf diesem Feld zu beseitigen, könnten ausgerechnet Volkswagen und Co. das ganze Land technologisch nach vorn bringen. Mit ihrer Größe und ihrer noch vorhandenen finanziellen Stärke können sie neue IT-Trends setzen, die für andere Branchen wichtig werden.

Wenn der heimischen Autoindustrie das gelingt, dann muss sich niemand vor der aktuellen konjunkturellen Delle fürchten. Mit einer Rundumerneuerung bei Antrieben und durch die Digitalisierung wäre die Zukunft gesichert.

Mehr: Conti hat Pläne für einen Teilbörsengang der Sparte aufgegeben. Nach Abschreibungen rechnet der Konzern mit roten Zahlen und gibt einen düsteren Ausblick.

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