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05.07.2022

07:00

Kommentar

Banken: Die Dynamik ist besorgniserregend

Von: Michael Maisch

PremiumDie steigenden Zinsen sollten für die Bankbranche eigentlich die Wende zum Besseren bringen. Doch die Furcht vor einer tiefen Wirtschaftskrise lässt die Hoffnung verpuffen.

Die Angst vor einer schweren Rezession wird zusehends zur schweren Belastung für die Banken in Deutschland und Europa. dpa

Die iFrankfurter Bankenskyline

Die Angst vor einer schweren Rezession wird zusehends zur schweren Belastung für die Banken in Deutschland und Europa.

Es muss wirklich frustrierend sein, eine Bank im Euro-Raum zu führen. Acht lange Jahre hatten die Geldhäuser zu warten, bis sich die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt endlich von ihrer Minuszinspolitik verabschiedet. Doch die Hoffnung auf die belebende Wirkung der Zinswende für Erträge und Gewinne der Institute währte nur kurz.

Noch hat die EZB die erste versprochene Zinserhöhung nicht vollzogen, da verdirbt schon die Angst vor einer tiefen Rezession die Stimmung.

Wieder einmal sieht es so aus, als würde die Bankenbranche von einem Tief ins nächste taumeln, wieder einmal scheint es, als würde der erhoffte Aufschwung ausbleiben, bevor er noch richtig begonnen hat, und wieder einmal gilt für die Banken das frustrierende Motto: „Gehen Sie zurück auf ,Los‘“.

Wie groß die Nervosität inzwischen ist, und wie schnell Nervosität in Angst umschlagen kann, zeigte sich am 23. Juni, einem Donnerstag. Eigentlich ein ganz normaler Börsentag, bis am Nachmittag ohne jeden konkreten Grund die Kurse von Deutscher Bank und Commerzbank in einen freien Fall übergingen. Beide Institute verloren innerhalb weniger Stunden zwölf Prozent ihres Börsenwerts. Solche Spontanabstürze wecken finstere Erinnerungen an die Finanzkrise.

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    Zwar gerieten auch andere europäische Bankaktien wie BNP oder Santander mit in den Abwärtssog, aber die beiden deutschen Großbanken sind besonders anfällig für negative Überraschungen, weil sie als Nachzügler gelten, die auch 14 Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise die Aufräumarbeiten noch immer nicht vollständig abgeschlossen haben.

    Der Flash-Crash der Bankaktien zeigt, wie schnell sich das Narrativ für die europäischen Banken geändert hat. Noch im Frühjahr zählte die Branche dank der sich abzeichnenden Zinswende der EZB zu den Favoriten der Investoren.

    Doch diese Hoffnung wird längst von der Furcht vor einer tiefen Wirtschaftskrise als Folge des Ukrainekriegs überlagert. Immer größer wird die Angst, dass ein russisches Energieembargo Europa und vor allem Deutschland in eine schwere Rezession stürzt.

    Die Folge wäre eine Welle von Unternehmenspleiten und ein rapider Anstieg der Kreditausfälle für die Banken. Die Aufseher der Europäischen Zentralbank haben die Institute erst vor ein paar Tagen aufgefordert, ein solches Krisenszenario bei ihren Geschäftsplänen zu berücksichtigen.

    Der Stimmungsumschwung lässt sich auch an der Börse besichtigen: Seit seinem Dreijahreshoch im Februar hat der europäische Branchenindex Stoxx Europe 600 Banks rund ein Viertel seines Werts verloren. Für Commerzbank und Deutsche Bank ging es seit dem Jahreshoch sogar um 30 Prozent beziehungsweise 40 Prozent abwärts.

    Trotz des rapiden Wertverfalls der Aktien ist eine ausgewachsene Bankenkrise zumindest kurz- bis mittelfristig unwahrscheinlich. Auf Druck der Aufseher haben die Geldhäuser ihre Kapitalpuffer deutlich aufgestockt, und die diversen Stresstests der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die meisten Banken im Euro-Raum auch eine schwere Wirtschaftskrise überstehen würden, ohne dass ihnen die Steuerzahler wieder zur Hilfe eilen müssten.

    Die Angst wächst schnell

    Allerdings ist die Dynamik, mit der sich die Stimmung verschlechtert, durchaus besorgniserregend. Das zeigt ein von der Beratungsfirma Sentix veröffentlichtes Barometer, das auf einer Umfrage unter 1240 Investoren basiert. Mit minus 35,8 Punkten waren die Konjunkturerwartungen zuletzt so negativ wie seit Dezember 2008 nicht mehr. Damals erreichte die Finanzkrise nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ihren Höhepunkt.

    Den jüngsten Schock, die Coronakrise, haben die europäischen Geldhäuser weitgehend unbeschadet überstanden. Stolz verwiesen die Chefs der Großbanken darauf, dass sie dieses Mal Teil der Lösung und nicht Teil des Problems waren. Das stimmt zwar, allerdings waren dafür vor allem die staatlichen Hilfsprogramme verantwortlich, die eine Pleitewelle in der Realwirtschaft verhinderten.

    Ewig wird der Staat die Unternehmen allerdings nicht gegen Großkrisen abschirmen können. Sollte Russland seine Gasexporte wirklich komplett stoppen, wäre eine tiefe Rezession in Deutschland kaum zu vermeiden.

    Bislang haben die deutschen Banken für die ökonomischen Folgen der Ukrainekrise weniger Rückstellungen gebildet als während der Pandemie. Das könnte sich in den kommenden Wochen schnell ändern, mit entsprechend negativen Folgen für die ohnehin schon miese Stimmung der Investoren.

    „Ich kann nicht verleugnen, dass ich mir Sorgen darüber mache, was uns in den nächsten zwölf Monaten bevorsteht“, sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing am Montag auf einer Finanzkonferenz. Zumindest scheinen die Banker mit dem nötigen Realismus ins nächste Tief zu gehen.

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