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14.05.2019

08:42

Kommentar

Bayer hat die Prozessrisiken von Monsanto völlig unterschätzt

Von: Katharina Kort

Bayer steht vor Milliardenstrafen, und es stellt sich die Frage: Wie konnte der Konzern mit seiner großen Erfahrung in Pharmaprozessen in den USA die Lage so falsch einschätzen?

Die Zahlungen, die im Glyphosat-Streit auf den Leverkusener Dax-Konzern zukommen, sind enorm. AFP

Demo gegen die Fusion von Bayer und Monsanto

Die Zahlungen, die im Glyphosat-Streit auf den Leverkusener Dax-Konzern zukommen, sind enorm.

Mehr als zwei Milliarden Dollar. Das ist die Summe, die Bayer nach dem Willen der kalifornischen Jury in Alameda an das Ehepaar Pilliod zahlen soll, das jahrzehntelang Roundup benutzt hat und nun an Krebs erkrankt ist. Das ist auch für das amerikanische Rechtssystem extrem hoch – und eine Rekordsumme für Bayer.

Es zeigt aber vor allem eins: Der Bayer-Konzern, der Monsanto im vergangenen Jahr für fast 60 Milliarden Euro übernommen hat, hat die Prozessrisiken von Monsanto völlig unterschätzt.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden diese Summen zwar so nicht stehen bleiben und voraussichtlich in der nächsten Instanz deutlich reduziert. Auf einen völligen Freispruch kann Bayer aber wohl kaum mehr hoffen. Ein Jury-Schuldspruch hat im US-Rechtssystem durchaus Gewicht und kann in der Berufung nicht einfach missachtet werden.

Enorme Strafzahlungen

Die Zahlungen, die auf Bayer zukommen, sind also enorm. Ein kleines Rechenspiel: Auch wenn von den bisher bekannten mehr als 13.000 Klagen jeder Kläger nur zehn Millionen Dollar bekommt – also deutlich weniger als die 80 Millionen in den ersten beiden Fällen und als die eine Milliarde pro Person im jüngsten Fall – dann kommt man immer noch auf eine Summe von 130 Milliarden Dollar.

Das ist mehr als das Doppelte dessen, was Bayer für Monsanto bezahlt hat und zweieinhalb mal so viel, wie Bayer am Montag vor dem Urteil an der Börse wert war. Wie konnte Bayer mit seiner langjährigen Erfahrung in Pharmaprozessen in den USA die Lage so falsch einschätzen?

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Eine kalifornische Jury hat Bayer im dritten Glyphosat-Prozess für schuldig befunden. Monsanto soll die Risiken des Unkrautmittels Roundup verheimlicht und Studien manipuliert haben.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Jurys nicht alle so unbedarft sind, wie es die Kommunikatoren von Bayer oft darstellen. Und von den 800 Studien, auf die Bayer im Zusammenhang mit Roundup gerne hinweist, beschäftigen sich weniger als ein Sechstel wirklich mit dem Thema Krebs und Glyphosat. Bereits die Zulassungsgeschichte des Glyphosat-Mittels Roundup war wenig durchschlagend. Die Lage ist alles andere als eindeutig.

Bisher ließen sich alle drei Jurys von den Wissenschaftlern der Kläger überzeugen, dass es einen Zusammenhang zwischen Krebs und Roundup gibt. Aber vor allem ließen sie sich davon überzeugen, dass Monsanto nicht alles getan habe, um herauszufinden, ob sein Mittel wirklich sicher sei. Aus diesem Grund fallen auch die gefürchteten Strafzusatzzahlungen – die sogenannten „Punitive Damages“ – so hoch aus.

Opfer von Halbwahrheiten?

Mittlerweile muss man sich fragen, was Bayer über Monsanto wusste, bevor es den umstrittenen Pflanzenmittel- und Saatgutriesen übernommen hat? Angeblich wussten die Leverkusener bis zum vergangenen Freitag noch nichts von den Listen der Journalisten und Politiker, die die Kommunikationsabteilung von Monsanto anlegen ließ.

Wussten sie vielleicht auch nichts von möglichen Versuchen Monsantos, Studien zu beeinflussen oder von den Entscheidungen, bestimmte Studien über die potenziellen Gefahren nicht durchzuführen? Derzeit scheint alles möglich.

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In seiner Prozess-Strategie setzt der Bayer-Konzern alles daran, das Verhalten von Monsanto zu verteidigen. Dabei verteidigen sie ein Unternehmen, über das sie zur Prozess-wichtigen Zeit keinerlei Kontrolle hatten. In den Verhandlungen geht es ausschließlich um die Zeit vor der Übernahme.

Was ist, wenn Bayer auch Opfer der Halbwahrheiten des US-Konzerns war? Dann sollte Bayer vielleicht Schadensersatz fordern von jenen, die die „Due Diligence“ – also die genaue Prüfung und Bewertung der Rechtsrisiken – durchgeführt haben. Sie lagen jedenfalls ziemlich daneben.

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Kommentare (3)

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Herr Lothar Bitschnau

14.05.2019, 08:56 Uhr

Die Aufgabe der obersten Machtebene, des Aufsichtsrates, wäre die Verhinderung der größtmöglichen Fehler und des Findens von qualifiziertem Führungspersonal. (Aufsicht und rechter Rat).
Wenn der Aufsichtsrat es schafft ein Unternehmen zu gefährden oder zu vernichten, sollte dieser zur Verantwortung gezogen werden, durch Schadensersatzforderungen. Und im Übrigen hinterfrage ich betagte Aufsichtsräte, in Zeiten wo die Geschwindigkeit des Wandels als Erfolgsmaßstab gilt.

Herr Robert Dörge

14.05.2019, 09:51 Uhr

Andererseits, wie hatte es Monsanto vorher geschafft, sämtliche Klagen abzuschmettern? Das wäre doch mal spannend, da die Eigenheiten von Glyphosat ja durchaus auch schon vorher zu Problemen geführt hatten. An eine derart hohe Entschädigungssumme, geschweige denn an einen gewonnenen Prozess seitens der Kläger kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

Herr Leo Löwenstein

14.05.2019, 15:23 Uhr

Herr Robert Dörge 14.05.2019, 09:51 Uhr

Der Unterschied?
Jetzt zahlt ein deutsches Unternehmen die Strafen.

Also mir war vorher schon klar, dass es so kommen wird. Aber die grenzenlose Gier der Managerriege führt eben dazu, alle Risiken auszublenden.
Normalerweise treten die Probleme ja erst auf, wenn die verantwortlichen Manager nicht mehr im Amt sind und ihre Boni schon längst eingestrichen haben, aber dieses mal kam es schneller.
Normalerweise müssen jetzt alle Bonuszahklungen eingestellt werden und die Gehälter der Manager gekürzt werden.
Aber ich denke mal, dass deren Bezüge trotzdem steigen werden.

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