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31.10.2022

16:14

Kommentar

Bei der Inflation gilt es, die Krankheit zu verstehen, nicht nur die Symptome

Von: Frank Wiebe

Wer die Doppelkrise aus Seuche und Krieg realistisch bewertet, stellt fest: Wir leben immer noch erstaunlich gut.

Die Notenbanken haben zu sehr auf Standardmodelle vertraut und zu lange den Eindruck erweckt, sie nähmen die Inflation nicht wirklich ernst. Reuters

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Die Notenbanken haben zu sehr auf Standardmodelle vertraut und zu lange den Eindruck erweckt, sie nähmen die Inflation nicht wirklich ernst.

Die europäische Inflation bleibt unverändert hoch, sie liegt jetzt deutlich über zehn Prozent. Das ist alles andere als überraschend: Die Energiepreise sind stark gestiegen, und die geldpolitische Straffung der Europäischen Zentralbank (EZB) wirkt ohnehin nur mit zeitlicher Verzögerung.

Die Ökonomen streiten derweil. Die einen sagen: Eine Zentralbank kann ohnehin nichts gegen eine Verknappung des Angebots, vor allem im Energiebereich, tun. Die anderen halten dagegen: Sie könne die Nachfrage so dämpfen, dass es wieder passt und die Preise nicht steigen müssen.

Die Debatte ist vor allem für Europa relevant, weil hier im Vergleich zu den USA die Preise weniger von der Nachfrage als vom Angebot getrieben werden.

Bisweilen allerdings wirken solche Diskussionen wie die Urteile von Ärzten, die nur die Symptome sehen und die Krankheit nicht verstehen. Letztlich lautet das Problem: Wir haben zwei Krisen, Covid und Krieg, und müssen die Folgekosten irgendwie verteilen. Die gewählte Lösung lautet: Wir verteilen sie möglichst breit – durch Inflation –, und strecken sie über die Jahre – durch höhere Staatsverschuldung.

Man kann das für falsch oder gefährlich halten, weil es alles andere als trivial ist, die Inflation am Ende unter Kontrolle zu halten. Aber die Frage ist doch immer: Was wäre die Alternative? Wer sich dazu nicht äußert, weigert sich im Grunde, die Probleme in ihrer Gesamtheit zu verstehen.

Lieber höhere Arbeitslosigkeit riskieren?

Wäre es besser gewesen, gleich zu Anfang die Nachfrage massiv zu drücken und eisern die Staatsfinanzen zusammenzuhalten? Dann wären die Kosten konzentrierter im laufenden Jahr und bei einzelnen Branchen, Unternehmen und Arbeitnehmern aufgetaucht. Man hätte vielleicht manche Risiken, dass sich zum Beispiel die Inflation verselbstständigt, gedämpft – dafür aber vielleicht an anderen Stellen schwere, kaum reparable Schäden hinterlassen. Man hätte der Wirtschaft jedenfalls weniger Zeit gelassen, sich auf die Knappheit einzustellen, zum Beispiel um neue Energiequellen aufzutun.

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Alles ist letztlich eine Verteilungsfrage. Wer das ausblendet, übersieht möglicherweise, dass wir trotz Doppelkrise – Seuche und Krieg – immer noch erstaunlich gut leben. Die meisten Menschen haben noch ihre Arbeit, viele Unternehmen, oft auch kleinere Betriebe, haben zum Teil lange Durststrecken überlebt. Es hätte viel schlimmer kommen können.

Heißt das, dass in der Geld- und Finanzpolitik alles optimal gelaufen ist? Sicher nicht. Die Notenbanken haben zu sehr auf Standardmodelle vertraut, die in Umbruchsituationen nicht gut funktionieren, und zu lange den Eindruck erweckt, sie nähmen die Inflation nicht wirklich ernst. Das hat ihrer Glaubwürdigkeit mehr geschadet als die Frage, mit wie viel Verspätung sie die Straffung der Geldpolitik gestartet haben.

Dabei gilt im Übrigen: Nach dem Kalender war die Fed in den USA der Vorreiter und die EZB der Nachzügler.

Gemessen daran, wie sehr die Inflation sich in der Breite der Wirtschaft eingenistet hat und wie sehr sie von der Nachfrage getrieben wird, war die Fed eher der Nachzügler. In den USA hat auch früh eine ernste Debatte über die Geldpolitik eingesetzt, während in Europa vor allem diejenigen früh vor Inflation gewarnt haben, die das ohnehin schon seit Jahren tun, ohne zuvor damit ins Schwarze zu treffen.

Der fiskalische Spielraum ist geschrumpft

Der Blick auf die Finanzpolitik zeigt: In der Coronakrise hat sie Erstaunliches geleistet, auch auf europäischer Ebene. Zum Teil ist dadurch der Spielraum geschrumpft, die Kriegsfolgen, die noch gewaltige finanzielle Belastungen mit sich bringen werden, über Schuldenaufnahmen über die Jahre zu verteilen. Hier dürfte es noch schärfere Konflikte geben, auch innerhalb der Europäischen Union. Aber im Ernst: Wer könnte erwarten, dass große Krisen ohne Fehler und Streit vorüberziehen?

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