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04.07.2019

17:01

Kommentar

Bei der Stromversorgung wiegt sich Deutschland in trügerischer Sicherheit

Von: Jürgen Flauger

Die Stromnetze sind auf Kante genäht. Das gefährdet die Stromversorgung. Dabei sollte die Versorgungssicherheit bei der Energiewende Priorität haben.

Im Juni ist es im deutschen Stromnetz mehrfach zu heiklen Situationen gekommen. dpa

Hochspannungsleitungen im Abendlicht

Im Juni ist es im deutschen Stromnetz mehrfach zu heiklen Situationen gekommen.

Eins vorweg: Für Panikmache ist beim Thema Strom kein Platz. Bisher hat Deutschland die Energiewende gut verkraftet. Die großflächigen Stromausfälle, vor denen nach dem Beschluss zum Atomausstieg 2011 und dem Beschleunigen der Energiewende Kritiker gewarnt hatten, sind bislang ausgeblieben. Auch in Zukunft kann der Ausbau der erneuerbaren Energien vorangetrieben werden, ohne dass in Deutschland die Lichter ausgehen.

Aber das ist kein Selbstläufer. Dafür müssen die Stromnetze zügig erweitert, intelligent ausgerüstet und Speichermöglichkeiten erschlossen werden. Es müssen aber auch auf absehbare Zeit noch ausreichend konventionelle Kraftwerke zur Verfügung stehen, um Schwankungen im Angebot an Wind- und Solarenergie abzufangen.

Schon heute vollbringen die Netzbetreiber Höchstleistungen, um Angebot und Nachfrage in Einklang zu halten. Die Sicherheit der Stromversorgung muss bei der Energiewende Priorität haben.

„Versorgungssicherheit“ ist ein abstrakter Begriff. In der Bevölkerung wird sie in der Regel als gegeben betrachtet. Eben weil Stromausfälle hierzulande Seltenheitswert haben. In einer aktuellen europaweiten Umfrage, die von Eon in Auftrag gegeben wurde, gaben in Deutschland 63 Prozent der Befragten an, die Versorgungssicherheit mit Strom sei „hoch“ oder „sehr hoch“. Damit liegt Deutschland europaweit an der Spitze und deutlich über dem Durchschnitt von 48 Prozent.

Tatsächlich ist die Stabilität des deutschen Stromnetzes auch gut. 2017 mussten die Bundesbürger nach einer Auswertung der Bundesnetzagentur im Schnitt 15 Minuten lang auf Strom verzichten. Die Zahl steigt zwar leicht an, liegt aber im internationalen Vergleich immer noch sehr niedrig. Und auch der jetzt vom Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichte „Bericht zur Lage der Versorgungssicherheit“ bescheinigt dem deutschen Stromnetz, mit der Energiewende gut mitzuhalten.

Aber es ist eine trügerische Sicherheit: In Deutschland kommt es schon jetzt in unregelmäßigen Abständen zu kritischen Situationen im Stromnetz. Im Juni war die Situation gleich an drei Tagen so angespannt, dass die Netzbetreiber nur durch kurzfristige Importe aus dem Ausland die Stabilität gewährleisten und größere Stromausfälle vermeiden konnten. Kurzfristig hatten 7 000 Megawatt – das entspricht rund sieben Kernkraftwerken – an flexibler Leistung gefehlt, um die Nachfrage selbst decken zu können.

Falsche Anreize

Die genauen Ursachen sind noch ungeklärt. Mit der Energiewende hat es wohl primär nichts zu tun. Vielmehr werden Marktspekulationen vermutet, und die Regulierung des sogenannten Regelenergiemarkts wird kritisiert. Dieser Markt soll gewährleisten, dass immer genügend Kapazitäten flexibel zur Stromproduktion eingesetzt werden können.

Das System setzt offenbar die falschen Anreize. Es dürften also letztlich genügend Kraftwerke vorhanden gewesen sein, sie waren nur nicht rechtzeitig abrufbar.

Gibt es deshalb, wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sagt, kein Problem mit der Versorgungssicherheit? Nein, letztlich sind solche Vorfälle wie im Juni, auch wenn sie von Spekulanten ausgelöst worden sein sollten, nur möglich, weil das deutsche Stromnetz inzwischen auf Kante genäht ist.

Der rasante Boom der erneuerbaren Energien, die im ersten Halbjahr schon 44 Prozent des Stromverbrauchs deckten, stellt die Netzbetreiber vor immense Herausforderungen. Während des ungewöhnlich heißen Juni gab es Tage, an denen die Solaranlagen in den Mittagsstunden unter Volllast einen großen Teil des Stroms deckten, in den Abendstunden aber nicht nur die Solarenergie naturgemäß keinen Strom mehr produzierte, sondern auch an den Windanlagen Flaute herrschte.

Solche Schwankungen sind nur schwer zu prognostizieren und aufzufangen. Die Netzbetreiber müssen Jahr für Jahr mehr als tausendmal eingreifen, um die Stabilität der bundesweiten Stromversorgung zu gewährleisten. Ist zu viel Strom im Netz, werden Windanlagen abgeschaltet. Fehlt Strom, werden Gaskraftwerke angefahren oder große Stromverbraucher abgeklemmt. An den kritischen Tagen im Juni wurde beispielsweise das Aluminiumwerk von Trimet im Rheinland abgetrennt.

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Und die Herausforderungen wachsen. Der Netzausbau kommt nicht so schnell voran, wie es nötig wäre. 2022 geht das letzte Kernkraftwerke vom Netz.

Parallel dazu steigt Deutschland in den Kohleausstieg ein. Auch den Kohleausstieg wird Deutschland bewältigen – aber er muss eben mit Blick auf die Versorgungssicherheit erfolgen. Der Netzausbau muss forciert, neue Technologien, wie die Umwandlung von Windstrom in Speichergas, müssen gefördert werden. Kohlekraftwerke müssen zügig, dürfen aber nicht überhastet abgeschaltet werden.

Wie hoch das Gut Versorgungssicherheit zu bewerten ist, kann wirklich nur der ermessen, der selbst einmal einen großflächigen Stromausfall erlebt hat. Dazu wird es hoffentlich nie kommen.

Mehr: Gleich mehrfach ist es im Stromnetz zu heiklen Situationen gekommen. Im Verdacht stehen Spekulanten – doch der Wirtschaftsminister gibt Entwarnung. Ein Überblick, wie es um die Versorgungssicherheit in Deutschland steht.

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