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21.06.2022

14:13

Kommentar

Bitcoin in der Krise: Da bleibt nicht viel vom großen Mythos

Von: Frank Wiebe

Faszinierende Technik, trotzdem maßlos überschätzt: Als Schutz gegen Inflation taugt das elektronische Geld ebenso wenig wie als Puffer gegen Marktturbulenzen.

Viel Fassade, nichts dahinter. Reuters

Bitcoin-Logo

Viel Fassade, nichts dahinter.

Wir kennen dieses Märchen von dem Kaiser, der nackt herumlief, aber niemand außer einem Kind traute sich, das laut zu sagen. Beim Bitcoin liegt der Fall etwas anders. Kritiker haben immer wieder darauf hingewiesen, die Kryptowährung habe keinen fundamentalen Wert, beruhe nur auf dem Glauben ihrer Fans, die das elektronische Gebilde mit schmeichelhaften Fantasien einkleiden.
Ganz harte Kritiker vergleichen Kryptowährungen sogar mit Schneeballsystemen oder sogenannten Ponzi Schemes, bei denen sich die Gewinne nur aus den Einzahlungen neuer Kunden speisen – bis niemand mehr einzahlt und sich das System zusammenfaltet. Diese Kritiker haben mit Blick auf den Bitcoin schon länger gerufen: „Der Kaiser ist ja ganz nackt“.

Bitcoin-Fans hielten in der Regel wütend dagegen: „Ihr seid einfach blind, nicht in der Lage, die wunderbare Bekleidung zu sehen.“ Anders gesagt: Wer den Bitcoin kritisierte, wurde als unwissend, technikfeindlich oder hoffnungslos altmodisch angegriffen. „Wartet nur, bis die ganze Finanzwelt zusammenbricht und der Bitcoin seine große Stunde erlebt“, so oder so ähnlich hieß es immer wieder.

Und jetzt? Von den Kleidern ist nicht viel übrig geblieben. Es mag sein, dass die Blockchain-Technik, auf der der Bitcoin beruht, in einigen Bereichen überlebt. Es mag sein, dass hier und da sogenannte Smart Contracts, also automatisierte Verträge, eine Rolle spielen, die vor allem auf Basis der Kryptowährung Ethereum möglich sind. Es mag sein, dass sogenannte NFTs als elektronische Verbriefungen weiterhin interessant bleiben, etwa im Kunstmarkt. Es mag sein, dass der Bitcoin in Ländern ohne brauchbare Währung oder ohne funktionierende Zahlungssysteme eine gewisse Bedeutung behält.

In Bitcoin gerechnet ist alles teuer geworden

Aber was ist von dem ursprünglichen Versprechen des Bitcoins übrig geblieben? Fast nichts. Inflationssicher sollte das elektronische Geld sein. Aber parallel zur Inflation der großen Währungen erlebt er einen drastischen Wertverlust.

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    Das heißt umgekehrt: In Bitcoin gerechnet sind alle Preise drastisch gestiegen. Diese elektronische Währung sollte eine Alternative zu den offiziellen Währungen wie Dollar oder Euro sein. Den landläufigen Zahlungsmitteln, auch als „Fiat-Geld“ verschrien, das von den Notenbanken quasi aus dem Nichts geschaffen wird, sollte sie als technikbasiert und stabil entgegengesetzt werden.

    Sehr schnell wurde klar, dass die Kapazität des Bitcoins als Zahlungssystem nur gering und der Energieverbrauch beinahe obszön ist. Am Ende, so hieß es aber, zählt die Tatsache, dass der Bitcoin anders als das sogenannte Fiat-Geld nicht beliebig vermehrbar und deswegen inflationssicher ist.

    Aber dieses Argument taugt schon in der Theorie nicht viel: Die sogenannte Quantitätstheorie, nach der Inflation durch eine Aufblähung der Geldmenge entsteht, hat unter empirisch arbeitenden Ökonomen kein großes Ansehen mehr. Die jüngste Entwicklung zeigt, dass das Argument auch in der Praxis nicht taugt.

    Zugleich hat sich gezeigt, dass der Bitcoin bei Turbulenzen am Kapitalmarkt auch nicht als Puffer geeignet ist und damit auch nicht als „digitales Gold“. Die Korrelation zum Aktienmarkt ist gerade bei Kursabstürzen hoch. Wenn die Anleger kalte Füße bekommen, meiden sie Krypto ebenso wie andere riskante Anlagen.
    Wenig geblieben ist auch von der anfänglich mit Kryptowährungen und Blockchain verbundenen Vision, nach einem Internet der Informationen ein Internet der Werte zu schaffen, in dem Vermögensgegenstände aller Art leicht und ohne Rückgriff auf das traditionelle Finanzsystem gehandelt, verschickt und gespeichert werden können.

    Der Kaiser ist nicht nur nackt, ihm fehlt jede Art von Garderobe.

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