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21.03.2021

15:52

Kommentar

Bitcoin ist das Gegenteil von Innovation

Von: Frank Wiebe

Die Mutter aller Kryptowährungen verdankt ihren Erfolg gerade der Tatsache, dass sie sich nicht verändern kann. Fraglich ist, wie lange sie noch von Vorteil ist.

Ein moderner Mythos. dpa

Medaille mit Bitcoin-Motiv

Ein moderner Mythos.

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“, sagte Herr K. und erbleichte. In dieser vielleicht bekanntesten Geschichte von Bertolt Brecht hätte der Bitcoin auch keine gute Figur gemacht. Ähnlich wie offenbar Herr K. hat er sich seit Jahren nicht verändert, genauer gesagt seit seinem Start im Januar 2009.

Und das ist so gewollt. Das gesamte System Bitcoin ist von seinem Schöpfer, dem sagenhaften Satoshi Nakamoto, so konstruiert worden, dass nichts Unvorhergesehenes passieren kann. Jede Veränderung, die überhaupt passiert, war von Anfang an so programmiert, abgesehen von kleinen technischen Anpassungen oder Applikationen, die auf das System aufgesetzt werden.

Das allein garantiert den Wert der elektronischen Münzen: Sie können, anders als andere Formen von Geld, nicht beliebig vermehrt werden. Nicht innovativ zu sein ist hier die Voraussetzung für den Erfolg, auch für die gerade gesehene Kursexplosion.

Dass dieses System so rigide beibehalten wurde, ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass die Mutter aller Kryptowährungen bis heute alle Abkömmlinge, die zum Teil weitaus flexibler sind, in den Schatten stellt. Der Bitcoin ist gerade als Gegenentwurf zu den als willkürlich empfundenen Fiat-Währungen entstanden, die jederzeit von Notenbanken und Banken vermehrt werden können nach dem Schema „Fiat pecunia“: Es werde Geld.

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    Damit ist also klar: Der Bitcoin ist das Gegenteil von innovativ. Er wird heute, und das in zunehmendem Maße, zwar als Innovation gegenüber dem traditionellen Geldsystem empfunden. Aber echte Innovation setzt voraus, sich immer wieder erneuern und damit auch verändern zu können.

    Und das kann der Bitcoin nicht. Irgendwann wird er ein alter Hut sein, kann keine neuen Impulse mehr geben. Dann ist es nicht mehr cool, damit umzugehen, und die Berichte aus der wilden Anfangszeit der Kryptowelt werden bei einer neuen, noch digitaleren Generation nur noch müdes Gähnen hervorrufen: Opa erzählt schon wieder, wie er seine Pizza mit Bitcoin bezahlt hat.

    Zurück in die alte Welt?

    Vielleicht wird der Bitcoin von einer anderen Kryptowährung abgelöst, oder Kryptowährungen insgesamt weichen wieder anderen Systemen oder stellen sich als überflüssig heraus. Was bleibt, ist der innere Widerspruch: Kryptowährungen sind entweder starr konzipiert und damit verlässlich, oder sie sind flexibel und damit anfällig für Manipulation.

    Vielleicht bemächtigen sich irgendwann Notenbanken und Regierungen der Kryptowelt. Dann stehen sie letztlich als Vertrauensgeber hinter dem Geld – und damit wären wir wieder in der alten Fiat-Welt, nur technisch ein bisschen komplizierter.

    Wer kurzfristig spekuliert, kann mit Bitcoin eine Menge Spaß haben und braucht sich über die grundsätzliche Rolle dieser Währung keine Gedanken zu machen. Auch nicht über die – unveränderlichen – Schwächen und Stärken dieser Kryptowährung. Sie hat als Zahlungsmittel nur geringe Kapazität, überwindet dafür aber mühelos Grenzen und weite Entfernungen.

    Kostas Koufogiorgos

    Karikatur

    Sie verschlingt Unmengen an Energie und widerspricht damit dem Innovationstrend hin zu Geldanlagen, die mit dem Siegel ESG für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung daherkommen. Sie ist kaum fälschbar und, wie gesagt, nicht unkontrolliert vermehrbar. Sie ist anonym oder, genauer gesagt, pseudonym. Das heißt: Man kann nicht aus dem System selbst heraus feststellen, wer sich hinter bestimmten Bezeichnungen verbirgt.

    Aber wenn das Geheimnis anderweitig gelüftet wird, lassen sich Zahlungsvorgänge sehr gut zuordnen und nachvollziehen. Diese Erfahrung haben auch schon Verbrecher gemacht, etwa der Drogenhändler Ross Ulbricht in den USA, der 2015 lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt wurde und dort über Plänen für ein dezentrales soziales Netzwerk brütet, wie er kürzlich per Twitter (mithilfe von Besuchern) verkündet hat. Mit dieser elektronischen Spur bei Bitcoin-Zahlungen ist aber für staatliches Kryptogeld schon der Weg der vollständigen Kontrolle des Zahlungsverkehrs vorgegeben, wie sich in China abzuzeichnen scheint.

    Was die Kurse treibt

    Wer erwägt, Bitcoin als strategischen Teil des eigenen Depots zu erwerben, muss sich klarmachen, wovon der Kurs getrieben wird. Hinter allem steht die Skepsis gegenüber dem Finanzsystem. Damit sollte Bitcoin eine Krisenwährung sein. Auf der anderen Seite bewegt sich die Kryptowährung sehr oft nach oben, wenn die Risikofreude zunimmt, und nach unten, wenn sie wieder abnimmt. Deswegen korreliert sie stärker als zum Beispiel Gold mit Aktien – und ist daher keine so gute Krisenwährung.

    Ein weiterer Faktor sollte die reale Rendite der Anleihen sein, also die Rendite nach Abzug der erwarteten Inflation. Wenn sie steigt, sollte das im Vergleich den Wert einer zinslosen Anlage wie Bitcoin tendenziell drücken. Oft steigt aber die reale Rendite gerade dann, wenn sich die wirtschaftlichen Aussichten verbessern und damit die Risikofreude zunimmt. Eine wichtige Rolle spielt auch, dass der Gesamtwert aller Bitcoin trotz der enormen Kurssteigerungen mit 1,1 Billionen Dollar immer noch überschaubar ist, wenn man ihn als eigene Anlageklasse ansieht.

    Das bedeutet: Die Kurse schwanken verhältnismäßig stark. Es heißt auch: Es sind noch weitere, deutlichere Kurssteigerungen möglich, wenn mehr Investoren ihn als innovativ ansehen und dort einsteigen. Die Frage ist nur, wie lange das anhält.

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