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21.11.2022

04:00

Kommentar

China ist wichtig für die deutsche Wirtschaft – die entscheidende Kennzahl bleibt unter Verschluss

Von: Markus Fasse

Der deutsche Staat will wissen, wie abhängig Firmen von China sind – zu Recht. Vor allem aber die Aktionäre sollten mehr Transparenz einfordern.

Die Bundesregierung will künftig wissen, wieviel ihres Geschäfts deutsche Unternehmen in China machen. Bloomberg

Volkswagen in Shanghai

Die Bundesregierung will künftig wissen, wieviel ihres Geschäfts deutsche Unternehmen in China machen.

Der Entwurf zur Chinastrategie der Bundesregierung hat es in sich: Der Staat will Unternehmen in ihrer China-Expansion weniger unterstützen, sie sollen ihre Abhängigkeit reduzieren. Vor allem aber fordert die Politik Transparenz: Wie hoch sind die Erlöse aus dem Chinageschäft, wie hoch die Gewinne?

Sogar einen Stresstest bringt das Regierungspapier ins Spiel. Industriekonzerne wie BASF oder Volkswagen müssten dann nachweisen, ob sie einen Verlust des Chinageschäfts wirtschaftlich überleben könnten. So ist der Staat in der Finanzkrise mit von der Pleite bedrohten Banken umgesprungen, die sich mit Hypothekenpapieren verspekuliert hatten.

Noch ist China von einem solchen Crashszenario weit entfernt – und niemand weiß wirklich, ob es je eintreten wird. Doch China unterstützt Russland im Ukrainekrieg, die Annexion Taiwans mit welchen Mitteln auch immer ist erklärtes politisches Ziel.

Die US-Regierung betreibt die Entkopplung von der Volksrepublik – und erhöht den Druck auf seine Partner, dies auch zu tun. Für die deutsche Industrie ist das ein Problem, die Abhängigkeit ist groß. Der Sportartikelhersteller Adidas erwirtschaftet 21,6 Prozent seines Umsatzes in China, der Chemiekonzern Covestro kommt auf 22,3 Prozent, Volkswagen liegt über 40 Prozent. Lassen sich Absatz und Umsatz noch gut beziffern, so findet man über die eigentlich relevante Größe wenig: den Gewinn aus dem Chinageschäft.

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    BMW wird immer abhängiger von China

    Beispiel BMW: 2021 verkauften die Münchener 847.000 Autos in China, das ist ein Drittel des weltweiten Absatzes. Legt man den Absatz zugrunde, ist China für BMW doppelt so wichtig wie die USA und zehnmal bedeutender als Frankreich.

    China ist ein wichtiger Absatzmarkt für BMW. dpa

    BMW-Werk

    China ist ein wichtiger Absatzmarkt für BMW.

    Und die Abhängigkeit steigt weiter. Anfang des Jahres kündigte BMW den Ausbau seiner Fertigungskapazitäten in Shenyang an. Zusätzlich hat der Konzern die Mehrheit an dem Joint Venture mit Brilliance übernommen und plant ein weiteres Joint Venture für die Konzerntochter Mini mit Great Wall.

    Während der Absatzanteil also Richtung 40 Prozent geht, kann man den Gewinnbeitrag des Chinageschäfts nur erahnen. Die für 2021 angegebenen 1,6 Milliarden Euro aus dem Produktions-Joint-Venture steigen in diesem Jahr wegen der Mehrheitsübernahme sprunghaft an.

    Zu einer sauberen Rechnung gehören aber die massiven Autoexporte aus den USA und Deutschland, doch die werden gar nicht über das Joint Venture verbucht. So geht die Hälfte aller in Dingolfing produzierten und hochprofitablen Topmodelle der Siebener-Reihe direkt nach China. Wie hoch diese Gewinne sind, findet sich nirgendwo. Sicher ist: Ohne China könnte BMW sein größtes deutsches Werk kaum noch wirtschaftlich betreiben.

    Wie viel China im Mercedes-Gewinn steckt ist schleierhaft

    Auch bei Mercedes gibt es ein Klumpenrisiko: Die Stuttgarter erweitern die Kapazitäten vor Ort und richten ihre Modellpolitik an der chinesischen Oberschicht aus. Die in Europa verkauften Modelle der A- und B-Klasse werden mittelfristig gestrichen.

    Vorfahrt haben S-Klassen und Maybach-Luxuslimousinen. Die werden zwar noch in Sindelfingen gebaut, aber in der Masse nach China verkauft. Wie viel Gewinn Mercedes mit dem Export der Luxuskarossen macht, findet sich nicht im Geschäftsbericht.

    Das Luxusauto wird weiterhin in Deutschland gebaut. dpa

    Mercedes S-Klasse

    Das Luxusauto wird weiterhin in Deutschland gebaut.

    Wer den Beitrag Chinas für den gesamten Mercedes-Gewinn mit 50 Prozent ansetzt, erntet in Stuttgart wenig Widerspruch. Präziser lässt sich der Anteil chinesischer Investoren angeben. Mit 9,9 Prozent ist der staatlich kontrollierte Joint-Venture-Partner BAIC größter Einzelaktionär. Nummer zwei ist Geely-Eigentümer Li Shu Fu mit 9,7 Prozent. Gemeinsam hätten die Chinesen faktisch eine Sperrminorität auf der Mercedes-Hauptversammlung, sollten sie koordiniert abstimmen.

    Niemand verlangt, dass sich die deutschen Unternehmen morgen aus China zurückziehen sollen. Aber das Ausmaß der Chinageschäfte steht in keiner Relation zur Transparenz der Konzerne.

    Das erzeugt zu Recht das Misstrauen der Bundesregierung, sollte aber vor allem die Kritik der Investoren hervorrufen. Die Kontrolle von Unternehmensrisiken ist nicht Aufgabe des Staates, sondern die Pflicht der Eigentümer. Es wird höchste Zeit, dass Investoren die deutschen Konzerne in Sachen China auf Ehrlichkeit verpflichten.

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