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06.12.2018

17:31

Kommentar

Chinas Konzerne geraten zwischen die Fronten der Weltpolitik

Von: Nicole Bastian

Zwischen den USA und China tobt ein Zweikampf um die weltweite Führung in der Hochtechnologie. Huawei könnte genau das nun zum Verhängnis werden.

Über die globalen Lieferketten sind Unternehmen aus aller Welt betroffen, sollte der Handelsstreit mit China weiter eskalieren. AFP

Smartphones von Huawei

Über die globalen Lieferketten sind Unternehmen aus aller Welt betroffen, sollte der Handelsstreit mit China weiter eskalieren.

Es ist für Unternehmen höchstgefährlich, wenn sie dem internationalen geopolitischen Geschehen zu nahe kommen. Das merkt gerade der chinesische Netzwerkausrüster Huawei, dessen Finanzchefin und Gründertochter Meng Wanzhou Kanada auf Verlangen der USA verhaften ließ. Medienberichten zufolge geht es um die Verletzung von Sanktionen, die US-Präsident Donald Trump gegen den Iran verhängt hat.

Solche Vorwürfe können sehr gefährlich fürs Geschäft werden. Das hat in diesem Jahr bereits Konkurrent ZTE erfahren. Das US-Handelsministerium verbot dem chinesischen Netzwerkbauer den Einkauf bei seinen US-Lieferanten. ZTE wäre fast in die Pleite gerutscht, hätte Trump die Vorgabe nicht nach einigen Tagen zurückgezogen.

Huawei und ZTE sind, ob sie wollen oder nicht, Teil eines Zweikampfes zwischen den USA und China um die globale Hegemonie in Sachen Wirtschaft, vor allem aber in Sachen strategische Zukunftstechnologie. Dieser Zweikampf um die Führerschaft bei Halbleitern, Robotern oder Künstlicher Intelligenz spielt sich eben nicht nur in den Vorstandsetagen, Entwicklungsabteilungen und Fabrikhallen ab, sondern ist längst ein Politikum zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt.

China hat die Technologieführerschaft in wichtigen Branchen in den kommenden sechs bis elf Jahren zum Entwicklungsziel erklärt und unterstützt sie mit Staatsgeld. Das stört die USA ebenso wie der in ihren Augen erzwungene Technologietransfer über Gemeinschaftsunternehmen, die ausländische Firmen mit chinesischen Partnern in China gründen müssen, wenn sie dort Geschäfte machen wollen.

Im Gegenzug belegen die USA chinesische Waren im Volumen von 250 Milliarden Dollar mit Strafzöllen. Zudem opponieren die USA gegen Übernahmen amerikanischer, aber auch europäischer Technologiefirmen durch chinesische Unternehmen. Selbst der Chiphersteller Broadcom aus Singapur durfte den US-Konkurrenten Qualcomm in diesem Jahr nicht übernehmen.

Es war abzusehen, dass der am vergangenen Wochenende ausgehandelte Waffenstillstand zwischen US-Präsident Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping eben nur ein Durchschnaufen ist. Die Rivalität ist nicht aufgebrochen. Man muss nicht an den derzeit vielerorts propagierten Eisernen Vorhang glauben, der zwischen beiden Staaten fallen könnte. Zumal China bereits erste Öffnungsschritte gezeigt hat und sich zu weiteren Zugeständnissen bereiterklärt hat.

Es wäre aber naiv zu erwarten, dass solch grundlegende Friktionen mit einem Treffen und in Handelsverhandlungen in den kommenden 90 Tagen gelöst werden können. Die Verhaftung der Huawei-Managerin ist nun eine riskante Zuspitzung.

Technologieunternehmen spüren die Friktion besonders

Das bedeutet für Unternehmen vor allem anhaltende Unsicherheit. Da die Finanzmärkte diese am allerwenigsten mögen, reagierten sie am Donnerstag mit deutlichen Kursverlusten – in Europa wie Asien, im Technologie- wie im Automobilsektor. Denn über die globalen Lieferketten sind Unternehmen aus aller Welt betroffen, sollte der Handelsstreit mit China weitereskalieren.

Chinesische Unternehmen sollten sich darauf einstellen, dass die Geopolitik, die ihnen mit der Globalisierung und mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation vor 17 Jahren lange in die Hände gespielt hat, sich derzeit eher negativ auf sie auswirken könnte. Das kann Aufträge in den USA beeinträchtigen, aber auch Beteiligungen und Übernahmen im Ausland weiter erschweren.

Besonders stark dürften Technologieunternehmen die Friktionen spüren, denn um sie geht es in dem Konflikt vor allem. Die Aktie von ZTE stürzte am Donnerstag um sechs Prozent ab. Gerade für die Netzausrüster kommt die Zuspitzung zur Unzeit, weil momentan weltweit lukrative Aufträge zum Aufbau der 5G-Mobilfunknetze vergeben werden. Wegen Sicherheitsbedenken haben die USA, Neuseeland und Australien Huawei bereits von den Aufträgen ausgeschlossen.

Noch sind die Konsequenzen von Mengs Verhaftung unklar. Aber sie ist nicht irgendeine Managerin, sondern die Kronprinzessin eines der Vorzeigeunternehmen Chinas. Selbst wenn das zeitliche Zusammentreffen ihrer Verhaftung mit dem Spitzentreffen beider Staatschefs am vergangenen Samstag Zufall sein mag: In China muss dies als immense Provokation wahrgenommen werden.

Niemand weiß, wo Xi Jinpings Schmerzgrenze liegt und wie stark seine innenpolitischen Kontrahenten den zusätzlichen US-Druck ausnutzen. Doch sollte Meng nicht freigelassen werden, kann Xi dies kaum akzeptieren und die Handelsverhandlungen mit den USA fortsetzen, als wäre nichts geschehen.

Wird Meng wieder freigelassen, hat ihre Verhaftung eines gezeigt: wie brüchig der Waffenstillstand der beiden Staaten ist in Zeiten, in denen sich die Machtverhältnisse der Welt so stark verschieben.


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