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01.12.2022

16:03

Kommentar

Chinas Krise ist Indiens Chance: Beide haben enge Kontakte nach Moskau – aber mit einem großen Unterschied

Von: Mathias Peer

Die größte Demokratie der Welt übernimmt jetzt den G20-Vorsitz und kann sich im Vergleich zum autoritären Nachbarn als besserer Partner inszenieren – auch im Westen.

Sein Land hat jetzt die Chance, die Vorzüge einer Demokratie unter Beweis zu stellen. AP

Indiens Regierungschef Narendra Modi

Sein Land hat jetzt die Chance, die Vorzüge einer Demokratie unter Beweis zu stellen.

Die Aufmerksamkeit wird Indiens Premier Narendra Modi genießen – und er wird sie nutzen, um sich als bessere Alternative zu China in Szene zu setzen: Im Rahmen der G20-Präsidentschaft, die am 1. Dezember offiziell gestartet ist, empfängt Indien das ganze Jahr über Vertreterinnen und Vertreter der größten Wirtschaftsmächte und mehrerer Entwicklungsländer.

Tatsächlich könnte das Bild, das die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt derzeit abgeben, kaum unterschiedlicher sein: Während Chinas Regierung es nicht einmal ertragen will, dass Gegnerinnen und Gegner der Null-Covid-Politik als Zeichen des Widerstandes unbeschriebene DIN-A4-Blätter in die Luft strecken, zeigt Indien einen lebendigen demokratischen Diskurs: Oppositionsführer Rahul Gandhi befindet sich gerade mitten in einem aufsehenerregenden 3500-Kilometer-Protestmarsch quer durch den Subkontinent, mit dem er Stimmung gegen die Regierung von Premierminister Narendra Modi machen möchte – in China eine unvorstellbare Aktion.

Auch wirtschaftlich stehen die beiden Staaten in einem scharfen Kontrast zueinander: Während Corona-Lockdowns Chinas Konjunktur abwürgen, ist in Indien der Alltag längst zu der rastlosen Betriebsamkeit zurückgekehrt, mit der das Land seinen Status als die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft festigen kann. Davon profitiert auch der Rest der Welt: Denn auf die Lieferketten in China ist kein Verlass mehr, die indischen Alternativstandorte von internationalen Konzernen wie dem Apple-Zulieferer Foxconn stehen bereit.

Die Zeiten, in denen sich Chinas Kommunistische Partei angesichts der politischen Unfreiheit im Land zumindest eine boomende Wirtschaft zugutehalten konnte, sind vorbei. Glänzen kann nun der Nachbar im Süden – die größte Demokratie der Welt. Chinas Krise bietet Indien die Chance, seine Vorzüge im Systemwettbewerb unter Beweis zu stellen – und sich bei der EU und den USA endgültig als wichtigster Partner in Asien zu etablieren.

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    Modi will während der G20-Präsidentschaft unter anderem über Lösungen für die globale Ernährungs- und Düngemittelkrise beraten und plant dazu Veranstaltungen in mehr als 50 indischen Städten.

    Möglicher Vermittler im Ukrainekrieg

    Die Delegierten werden sehen, dass Indien bei Weitem kein perfektes Land ist: Während in China der Überwachungsstaat herrscht, regiert in Indien oftmals das Chaos. Im Kampf gegen die extreme Luftverschmutzung macht Neu-Delhi im Gegensatz zu Peking so gut wie keine Fortschritte.

    Während Corona-Lockdowns in China die Konjunktur abwürgen, ist in Indien der Alltag längst zu der rastlosen Betriebsamkeit zurückgekehrt. AP

    Indische Frauen vor einem Wahllokal

    Während Corona-Lockdowns in China die Konjunktur abwürgen, ist in Indien der Alltag längst zu der rastlosen Betriebsamkeit zurückgekehrt.

    Um Klimaneutralität zu erreichen, will sich Indien noch ein halbes Jahrhundert Zeit lassen. Und auch das demokratische System in dem Land hat Probleme – die Rechte der muslimischen Minderheit in dem mehrheitlich hinduistischen Land sind immer wieder Angriffen ausgesetzt.

    Kritik daran ist berechtigt. Verständlich ist auch das Unbehagen darüber, dass Indien ausgerechnet nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine zum Großkunden von Russlands Ölkonzernen geworden ist. Doch der Westen darf nicht den Fehler machen, angesichts der Meinungsunterschiede die Gemeinsamkeiten mit Indien zu vergessen. Gerade mit Blick auf den Ukrainekrieg sind die Interessen ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheint.

    Zwar pflegt Indien ebenso wie China enge Kontakte nach Moskau und hat sich bei russlandkritischen Resolutionen der Vereinten Nationen stets enthalten. Im Gegensatz zu China will Indien den Krieg aber tatsächlich so schnell wie möglich beendet sehen – an einer Schwächung des Westens hat man in Neu-Delhi anders als in Peking keinerlei Interesse.

    Indien geht es darum, dass die Lieferungen von Getreide, Düngemitteln und Energie möglichst schnell wieder zum Normalniveau zurückkehren. Die Rolle als Vermittler, die mit dem G20-Vorsitz einhergeht, dürfte Modi daher ernst nehmen. Der Westen wäre gut beraten, ihn dabei zu unterstützen.

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