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26.12.2019

09:11

Kommentar

Das E-Scooter-Debakel ist ein Paradebeispiel für die oft verlogene Digital-Denke

Von: Thomas Tuma

Die Elektroroller vermüllen nicht nur deutsche Innenstädte. Es lässt sich auch wunderbar ablesen, wie die Digitalwirtschaft heute tickt.

E-Scooter: Ein Paradebeispiel für die oft verlogene Digital-Denke dpa

E-Scooter in Halle

Die Share-Mär von den lustigen E-Scootern ist letztlich Silicon Valley in Reinkultur: missionarischer Eifer, gepaart mit einer unangenehmen Radikalität und einer meist infantilen Geschäftsidee.

Was hat die Innenstädte deutscher Metropolen in diesem Jahr mehr bedroht als Feinstaub, Klimawandel oder islamistischer Terror? Es war der so harmlos daherrollernde E-Scooter. Citys wie Hamburg, Berlin oder München sind mittlerweile komplett vollgemüllt mit dem Elektroschrott.

Krankenhäuser melden Arm- und Kieferbrüche. Kommunen kämpfen darum, die Wildwestmanieren der Betreiber und Konsumenten zu domestizieren. Und Investoren machen sich allmählich Sorgen, wie enthusiastisch da ihre Millionen verbrannt werden.

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Dabei ist die für den Boom notwendige „Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung“ überhaupt erst seit Mitte Juni in Kraft. Und schon jetzt kann man bilanzieren: Unter den vielen fragwürdigen Aktionen von Noch-Verkehrsminister Andreas Scheuer war die Unterstützung dieser Art von Verkehrswende eine der dümmsten. Scheuer wollte auch mal hip sein und disruptiv wie die Nerds der Generation Z.

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    Das Schlimmste daran: Der von ihm mitbefeuerte Roller-Hype hat noch weit mehr mit der grundlegenden Silicon-Valley-Ideologie gemein als nur die Begeisterung daran, halbgare Ideen, Produkte oder Gesetze auf den Markt zu peitschen. An der E-Scooterei kann man wunderbar ablesen, wie die neue Generation der Digitalwirtschaft heute tickt.

    Regel 1 der Macher: Das Einzige, was du brauchst, sind Geld und coole Sprüche. „Change mobility for good“, phraselt etwa der (deutsche) Anbieter Tier, was schon arg an Googles einstiges „Don’t be evil“ erinnert. Die Mobilität hat sich übrigens tatsächlich gewandelt, allerdings nicht wie Tier, Lime, Voi und andere verheißen haben: Zum klassischen Last- und Privatverkehr kamen nicht nur die Auto-Sharing-Dienste dazu, sondern mittlerweile auch noch etliche Leih-Fahrrad-, -Moped- und eben E-Scooter-Anbieter.

    Mit Innovationsfreude hat das so viel zu tun wie eine Virusinfektion. Ob der Roller grün, rot oder weiß ist, ist wurst. Es kommt nicht wie früher auf die Cleverness des Produkts an. Es zählt nur eines:

    Regel 2: Die Masse macht’s! Gewinnen kann den Kampf um jeden neuen Markt (egal ob Modehandel, Lieferdienst oder eben E-Scooter) heute nur noch, wer alle anderen ganz schnell plattmacht. Die Folge: All die hippen Mobilitätsanbieter sind letztlich Mobilitätsblockierer, weil sie die Straßen eben nur weiter vollstellen. Der Verkauf von Neuwagen ging nicht mal in den Großstädten zurück, das Verkehrsaufkommen hat sich weiter erhöht. Die Akteure schert das nicht. Sie sind die Söldner in den Konsumkriegen 4.0.

    Regel 3: Keine Rücksicht nehmen auf Verluste – weder bei den Kunden oder Geldgebern, noch bei Fragen der Nachhaltigkeit oder gar der Arbeitsbedingungen der eigenen Beschäftigten. Ein Heer von scheinselbstständigen Minijobbern rumpelt nun nachts mit Diesellastern durch die Innenstädte, um die Roller aufzuladen. Noch absurder: Kaum einer aus der mittlerweile unüberschaubaren Menge sogenannter „Mobilitätsdienstleister“ wirft bislang Geld ab.

    Car2go (Daimler) und DriveNow (BMW) haben deshalb zuletzt fusioniert und gemeinsam gleich ihr Nordamerika-Geschäft gestoppt. Bosch ist gerade dabei, seinen Sharing-Dienst Coup abzuwickeln, mit dem die Stuttgarter auch mal jung sein wollten, aber dann doch nur Geld verloren.

    Die schwäbische Sparsamkeit bewahrt Bosch vielleicht vor dem, was anderen Firmen noch bevorsteht in der Hoffnung, in diesen Monopoly-Spielen der eine, letzte Überlebende zu sein, der dann die AGBs neu schreiben darf. Uber hat dieses Jahr in einem Schreiben an die US-Börsenaufsicht erklärt, man werde „womöglich“ nie schwarze Zahlen schreiben, worauf Analysten noch stärkeres Wachstum empfahlen.

    So denken sie alle. Sie eint die reine Lehre, dass nur siegt, wer die Plattform beherrscht. Mit den Sharing-Diensten erobert diese Ideologie nun auch noch den öffentlichen Raum und missbraucht ihn zugleich, ohne dass irgendwer Verantwortung für sein Tun oder gar dessen Kollateralschäden übernehmen wollte.

    Das war bei sozialen Netzwerken wie Facebook in der Fake-News-Debatte zu beobachten. Das sieht man bei Amazon, wenn es um seine millionenfachen Zwischenhändler und deren Steuerehrlichkeit geht. Und das gilt nun für Lime, Vio und wie die Roller-Revolutionäre sonst noch heißen.

    „Wir sind doch nur die Dienstleister“, wird dann gesagt, was bedeutet: Sie wollen nur spielen – und spielend den Rahm abschöpfen. Die Share-Mär von den lustigen E-Scootern ist letztlich Silicon Valley in Reinkultur: missionarischer Eifer, gepaart mit einer unangenehmen Radikalität und einer meist infantilen Geschäftsidee.

    Sie haben ja kein neues Krebsmedikament erfunden, sondern beantworten in der Regel Fragen, die wir vorher nicht hatten. Und es war ja nicht so, dass das Leben in unseren Städten stillstand vor dem Roller. Man ging halt mehr zu Fuß oder fuhr Rad. Gesünder und nachhaltiger ist das sowieso. Und man bekommt dabei den Kopf frei, um nachzudenken – über die ganze Verlogenheit hinter all dem pseudophilosophischen Zukunftsgeschrei.

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