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22.06.2022

19:44

Kommentar

Das Elektroauto allein ist kein Allheilmittel

Von: Kathrin Witsch

Wir brauchen nicht nur eine Antriebswende, sondern vor allem eine Mobilitätswende. Wer seinen Verbrenner einfach gegen ein E-Auto tauscht, hilft dem Klima wenig.

Anstatt nur auf Autos zu setzen, muss ein ganzheitlicher Ansatz her, um den Verkehrssektor zu dekabonisieren. dpa

E-Auto

Anstatt nur auf Autos zu setzen, muss ein ganzheitlicher Ansatz her, um den Verkehrssektor zu dekabonisieren.

Düsseldorf Die Debatte über ein Verbot für Autos mit Verbrennungsmotor ab 2035 sorgt in der Bundesregierung gerade für großen Wirbel. Vor allem weil Finanzminister Christian Lindner sich dezidiert gegen entsprechende Pläne der EU ausgesprochen hat – und zwar im Namen der gesamten Koalition. 

Neueste Zahlen zum bevorstehenden Lithium-Mangel, dem wichtigsten Rohstoff für E-Autos, dürften dem FDP-Politiker nun in die Hände spielen. Wie sollten schließlich fossile Antriebe verboten werden können, wenn schon jetzt fest steht, dass es bis 2030 nicht genug Rohstoff für die geplanten 15 Millionen Stromer gibt? Das allerdings wäre genau die falsche Schlussfolgerung. 

Vielmehr macht die Lithium-Lücke eines überdeutlich: Es sollte weniger um eine reine Antriebswende gehen. Was wir brauchen, ist ein ganzheitlicher Ansatz: eine Mobilitätswende. Wer seinen Verbrenner einfach gegen ein E-Auto austauscht, hilft dem Klima wenig. Vor allem bei großen Stromern mit schwerer Batterie.

Die sind zurzeit schwer in Mode, verbrauchen aber deutlich mehr Rohstoffe als herkömmliche Fahrzeuge und bei der Förderung derselbigen dementsprechend viel Energie und CO2.

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    Trotzdem ist die Umweltbilanz im Laufe des Lebens eines Elektroautos selbst dann um Längen besser als die eines Verbrenner-Fahrzeugs. Das steht selbst mit einem aktuellen Anteil von 47 Prozent Erneuerbaren im deutschen Strommix außer Frage. 

    Und dank üppiger Förderung fahren immer mehr Elektroautos auf deutschen Straßen. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres ist die Zahl der Neuzulassungen im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent gestiegen. Währenddessen verzeichnen Diesel und Benziner laut Kraftfahrtbundesamt ein kräftiges Minus.

    Trotz dieser Erfolge gibt es Defizite in der Subventionsstrategie der Bundesregierung. Warum etwa werden eigentlich nur neue Stromer vom Staat gefördert? Warum wird der Bürger nicht auch belohnt, wenn er sich schon jetzt ein gebrauchtes E-Auto kauft? Ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft.

    Ohnehin halten viele Experten den Ansatz, jedes fossile Fahrzeug einfach durch ein strombetriebenes Auto austauschen zu wollen, für zu kurz gedacht. Eine nachhaltige Verkehrswende wäre das nicht. Das ist erstens logistisch eine wachsende Herausforderung bei verstopften Straßen und Verkehrschaos in den Innenstädten.

    Und gleichzeitig nehmen Millionen von Autos in Ballungsgebieten mit unzähligen Parkhäusern, Parkplätzen und Tiefgaragen wichtigen Raum ein, was viele Möglichkeiten für grüne Stadtkonzepte auf ein Minimum begrenzt.

    Und eine Lücke droht im Übrigen nicht nur in Sachen Lithium, sondern auch bei der Stromerzeugung. Immer mehr Anlagen, Produktionen und Haushalte nutzen in Zukunft Strom als Energieform. Windräder können viele Bürger aber schon heute kaum mehr sehen, und auch der Solarausbau geht noch immer viel zu langsam voran. Energiesparende Verkehrskonzepte ergeben also auch vor diesem Hintergrund Sinn. 

    Der öffentliche Nah- und Fernverkehr muss ausgebaut werden. imago images/Ralph Peters

    Eine Tram in Leipzig

    Der öffentliche Nah- und Fernverkehr muss ausgebaut werden.

    Dazu müssen neben Elektroautos im Privatbesitz auch Carsharing-Angebote und vor allem der Zugang zu gut ausgebauten und günstigen öffentlichen Verkehrsmitteln gehören. Dass das längst überfällig ist, zeigt auch das große Interesse am Neun-Euro-Ticket.

    Schon binnen drei Wochen hätten sich die Fahrgastzahlen spürbar erhöht, schreibt die Deutsche Bahn in einer ersten internen Bilanz – sowohl an den Wochenenden als auch in der Woche. Durchschnittlich läge der Zuwachs bei 20 bis 30 Prozent.

    Das ist ein Beweis dafür, dass Bahnfahren günstiger werden muss, damit auch mehr Menschen es nutzen. Die teilweise Überlastung regionaler Anbieter spricht im Übrigen ebenfalls für einen schnellen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Aber bislang scheint dieses ganzheitliche Konzept von großen Teilen der Politik noch nicht verstanden worden zu sein. 

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