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30.08.2019

17:45

Kommentar

Das staatliche Textilsiegel „Grüner Knopf“ ist längst überfällig

Von: Georg Weishaupt

Die Zeit ist reif für ein staatliches Textilsiegel. Doch damit es wirklich funktionieren kann, müssen auch große Namen aus der Modebranche mitmachen.

Modefirmen müssen Verantwortung dafür tragen, dass die Lieferketten in der globalen Textilindustrie gerechter werden. dpa

Arbeiter einer Textilfabrik in Bangladesch

Modefirmen müssen Verantwortung dafür tragen, dass die Lieferketten in der globalen Textilindustrie gerechter werden.

Düsseldorf Der Schock saß tief. Die Bilder der eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch gingen um die Welt. Auch die traurige Nachricht, dass beim Einsturz mehr als 1.100 Menschen vor gut sechs Jahren starben, schockte die Weltöffentlichkeit.

Doch der Schock hat für viele Verbraucher leider heute keine Konsequenzen mehr: Sie kaufen nach wie vor gerne T-Shirts, Hemden und Kleider, die vor allem eines sind: billig. Sie interessieren sich beim Kauf im Laden oder Onlineshop nicht dafür, unter welchen Bedingungen die Kleidung irgendwo in der Welt genäht wurde.

Daher ist das neue staatliche Textilsiegel Grüner Knopf nur zu begrüßen, das Bundesentwicklungsminister Gerd Müller am 9. September einführen will. Es soll dafür werben, dass ein Kleidungsstück gleichzeitig sowohl soziale als auch ökologische Mindeststandards in der Textilproduktion erfüllt. Und dass die Modeunternehmen auch ihren Sorgfaltspflichten in ihrer Lieferkette nachkommen.

Es ist der Versuch, alle wesentlichen Kriterien, die für eine faire und umweltbewusste Produktion von Kleidung wichtig sind, in einem Siegel zusammenzufassen. Und der Versuch, die verwirrende Vielfalt von mehreren Dutzend heute existierenden Textilsiegeln zu beenden.

Es ist schade, dass nur etwa 50 Unternehmen zum Start beim Textilsiegel dabei sein wollen. Konzerne wie C&A zögern noch. Nur wenn auch viele große Namen aus der Modebranche das Siegel unterstützen, kann es aus der grünen Nische herauskommen und den Textilmarkt wirklich verändern.

Sicherlich ist das neue Siegel noch nicht perfekt. Es umfasst zum Start noch nicht alle Stufen der Lieferkette. Es verlangt bislang auch nur, dass den Arbeiterinnen in den Fabriken die staatlichen Mindestlöhne gezahlt werden. Höhere, sogenannte existenzsichernde Löhne sind jedoch notwendig, damit die Frauen in den Fabriken von ihrer Arbeit leben können.

Doch diese Webfehler des neuen Siegels dürfen keine Entschuldigung für Unternehmen sein, das Siegel abzulehnen. Die Modefirmen tragen eine Verantwortung dafür, dass die Lieferketten in der globalen Textilindustrie gerechter und die Produktion umweltfreundlicher werden.

Wenn sich das Siegel als freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie nicht durchsetzen sollte, drohen der Branche gesetzliche Regelungen. In jedem Falle aber dürften mittelfristig die Löhne in den Produktionsländern deutlich steigen. Die Folge: Kleidung in deutschen Läden oder Online-Shops wird teurer. Das ist gut so. Denn dann kostet ein T-Shirt endlich so viel, wie es wirklich wert ist.

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