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15.10.2019

14:35

Kommentar

Das Volkswagen-Werk in der Türkei ist ein Testfall

Von: Ozan Demircan

In einer Welt, die aus den Fugen gerät, müssen Unternehmen wie der Wolfsburger Autokonzern ihre Standortentscheidungen komplett überdenken.

VW erklärte, die Entscheidung über das Werk im türkischen Izmir zu vertagen. Reuters

VW-Logo

VW erklärte, die Entscheidung über das Werk im türkischen Izmir zu vertagen.

Die Frage muss erlaubt sein: Wie kann Volkswagen nur auf die Idee kommen, in dieser Zeit ein neues Werk in der Türkei aufzumachen? Der Streit mit dem Westen, die demokratischen Defizite im Land, die Militärintervention in Syrien: Das passte nicht. Trotzdem hielt VW lange an den Plänen fest.

Bis zum Montag. VW erklärte, die Entscheidung über das Werk im türkischen Izmir zu vertagen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der im VW-Aufsichtsrat sitzt, kann sich „persönlich nicht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen Volkswagen ein Milliardenengagement in der Türkei eingehen kann“. Aus wirtschaftlicher Sicht stehe man allerdings hinter der Entscheidung, heißt es im Konzern.

Das reicht nicht mehr. Die Tage, in denen deutsche Konzerne in der Welt Werke aufgebaut haben, um günstig zu produzieren und viel Geld zu verdienen, sind vorbei. Volkswagen ist ein Testfall, wie Unternehmen mit solchen Herausforderungen künftig umgehen sollen.

Volkswagen hat über 120 Werke auf der ganzen Welt, darunter in mittelmäßigen Demokratien wie Brasilien und strammen Autokratien wie China. Die Zeiten haben sich geändert. Immer mehr Menschen stellen die gesamte Globalisierung infrage. Nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes, sondern auch aus moralischer Überzeugung. Kaffee von Plantagen, auf denen Kinder arbeiten, werden immer weniger von Konsumenten akzeptiert wie Urlaub an der türkischen Riviera und damit in einem Land, das Krieg führt.

Das sieht sicher nicht jeder so. Zumal es für den Standort Türkei aus Unternehmenssicht viele Gründe gibt. Gute Zulieferer-Infrastruktur für Automobilhersteller, günstige Löhne und die hervorragende geografische Lage als Absatzmarkt. Vor zehn Jahren wäre eine solche Entscheidung vermutlich in einer einzigen Aufsichtsratssitzung beschlossene Sache gewesen.

Heute müssen sich die Manager aber darauf einstellen, dass ihre Stakeholder – Kunden, Aktionäre, Mitarbeiter –, dass Medien und soziale Netzwerker moralische Verantwortung aus den Führungsetagen erwarten. Manchmal ist es auch nur eine Frage des richtigen oder falschen Zeitpunkts. Als Mercedes im April ein neues Werk in Russland eröffnete, interessierte sich niemand dafür. Jetzt, wo wegen des Militäreinsatzes die Kritik an der Türkei wächst, muss Volkswagen reagieren.

Die neue Welt stellt globalisierte Konzerne manchmal vor ein Dilemma. Als ein US-Pensionsfonds bekannt gab, keine Aktien von Waffenfirmen mehr ins Depot zu nehmen, jubelten die Anleger erst – und protestierten dann. Die Rendite sank dramatisch. In der Folge setzten mehrere Anleger durch, dass der Fonds zumindest in einen Rüstungshersteller wieder investiert, der Rendite wegen.

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