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15.04.2019

17:15

Kommentar

Dem ungezügelten Tourismus-Boom müssen Grenzen gesetzt werden

Von: Sandra Louven

Urlaubsregionen ächzen unter den Folgen des Massentourismus. Dem gilt es entgegenzusteuern. Sonst verlieren die Reiseorte ihren besonderen Charakter.

Touristen-Magneten wie Venedig ziehen Millionen Besucher an. dpa

Kreuzfahrtschiff fährt am Markusplatz in Venedig vorbei

Touristen-Magneten wie Venedig ziehen Millionen Besucher an.

Es ist Urlaubszeit. Die Deutschen werden in den gerade angelaufenen Osterferien wieder massenhaft nach Mallorca, Italien oder in heimische Urlaubs-Hotspots ausschwärmen. Ihre Reiselust trägt ganz wesentlich dazu bei, dass die Tourismus-Wirtschaft seit Jahren von einer Euphoriewelle getragen wird.

Sie wächst global seit acht Jahren stärker als die Weltwirtschaft insgesamt, und die Prognosen gehen davon aus, dass das so bleibt. Der Sektor steht für über zehn Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und ist damit größer als die Autobranche. Die Gründe für den Boom liegen vor allem an wachsendem weltweitem Wohlstand, an billigen Flügen und der Digitalisierung.

Die Branche profitiert zudem davon, dass sich das Wertesystem verschoben hat: Statt Geld für Dinge auszugeben, bevorzugen immer mehr Menschen Erfahrungen und Erlebnisse. Diese Verschiebung wird von den sozialen Medien befeuert: Nutzer protzen auf Instagram oder Facebook gern in schillerndsten Farben – dazu gehören Fotos von ihren Aktivitäten und Reisen.

Das Angebot differenziert sich immer stärker. Feinschmeckerreisen bescheren Sterne-Restaurants neue Kunden, Yoga-Urlaube im Landhaus bringen Besucher in abgelegene Regionen. Ein Abebben des Tourismus-Booms ist nicht abzusehen – im Gegenteil.

Denn der Trend wird befeuert von digitalen Plattformen wie Airbnb, Expedia oder Tripadvisor. Anbieter von Bootstouren oder Übernachtungsplätzen brauchen heute nichts weiter als einen Internetanschluss, um Zugang zum weltweiten Pool von Reisenden zu erhalten.

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Die Alpenregion hat genug von den Massen an Kurzzeiturlaubern. Auf einer großen UN-Tagung soll bald die neue Strategie präsentiert werden.

Mini-Pensionen vermarkten sich über Booking.com, Sprachprobleme der Gastgeber werden über die Übersetzungs-App auf ihrem Handy gelöst. Auf dem Branchentreffen des World Travel & Tourism Council Anfang April in Sevilla wurde klar: Technologie wird das Reisen noch weiter verändern.

Dann wird womöglich wie heute schon in einem Hotel in Japan ein Roboter an der Rezeption stehen und die Gäste ein- und auschecken. In den USA könnten Schlüssel für Mietautos und Hotels zügig per Gesichts-Scan ausgegeben werden. Der Boom des Tourismus ist nachvollziehbar, doch es zeigen sich schon jetzt die Schattenseiten dieser Entwicklung.

Druck wächst durch indische und chinesische Touristen

In globalen Touristen-Magneten wie der Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha oder auf dem Markusplatz in Venedig stehen sich schon heute die Reisenden auf den Füßen. Nahverkehr, Wasserversorgung und Müllabfuhr geraten an ihre Belastungsgrenzen. Instagram-Fotos zeigen zwar meist einsame Landschaften, aber genau wie Werbeaufnahmen nicht die Horde, mit der der Urlauber an diesen Punkt gebracht wurde.

Als 2017 Reisen nach Spanien wegen der Terrorangst in der Türkei und Nordafrika boomten, sprühten entnervte Anwohner Sprüche wie „Tourist go home“ an Hauswände. Die Wortkreation „overtourism“ war 2018 auf der Liste des Oxford Dictionary in der engeren Auswahl zum Wort des Jahres. Der Druck wird noch wachsen, wenn größere Teile der neuen indischen oder chinesischen Mittelschicht in die Flugzeuge steigen.

Der Druck wird noch wachsen, wenn größere Teile der neuen Mittelschicht aus Indien und China in die Jets steigen. Sandra Louven – Handelsblatt

Was also tun? Zunächst müssen die neuen Übernachtungsmöglichkeiten reguliert werden. Bevor Airbnb mit seinen Betten in Privatwohnungen den Markt aufrollte, konnten Städte über die Zahl der Hotelbetten die Besucherströme halbwegs steuern.

Für Airbnb als neues Konzept gab es zunächst keine Vorschriften, und die Zahl der Urlaubswohnungen explodierte. Inzwischen kontrollieren viele Städte die Wohnungen streng und verlangen Lizenzen, doch es bleibt eine Grauzone.

Bisher tun viele Kommunen nicht genug dafür, die Touristenströme besser zu organisieren. So ist es nicht sinnvoll, wenn in einer ohnehin gut besuchten Stadt am Meer auch noch mehrere Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig anlegen und Tausende von Tagestouristen an Land schicken. Dubrovnik hat die tägliche Zahl der Schiffe jüngst begrenzt, was aber nur wenig Entlastung brachte.

Big Data kann helfen, Touristenströme zu steuern

Doch es gibt andere Modelle. Wer in Granada die historische Stadtburg Alhambra besuchen will, muss bereits Monate im Voraus sein Eintrittsticket buchen. Damit reduziert sich die Zahl der Besucher bereits im Voraus. Die chinesische Stadt Hangzhou setzt auf Transparenz, um die Besucher besser über die Region zu verteilen: Mithilfe von Big Data errechnet sie schon vor Beginn der Urlaubssaison die erwarteten Touristenzahlen und veröffentlicht diese.

Dann kann jeder selbst entscheiden, ob ihm das zu voll wird. Denjenigen, die schon in der Stadt sind, schickt sie zwei Stunden vor der errechneten Stoßzeit in einer Attraktion eine SMS mit der voraussichtlichen Wartezeit dort sowie an alternativen Highlights.

Die Reisesehnsucht wird weiter wachsen. Doch den Besuchern muss klar sein: Die Sehnsuchtsorte gelangen schon jetzt an ihre physische Vollauslastung. Nur mit Regeln und Begrenzung aber können Strände, Dörfer und Städte ihren besonderen Charakter erhalten. Und das sollte ein gemeinsames Interesse von Touristen, Anwohnern und Reisebranche sein.

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