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26.11.2021

04:00

Trotz steigender Inflationsraten in allen Euroländern legte sich die Führung der Notenbank fest, die Leitzinsen auch 2022 noch unverändert zu lassen. Reuters

EZB-Chefin Christine Lagarde

Trotz steigender Inflationsraten in allen Euroländern legte sich die Führung der Notenbank fest, die Leitzinsen auch 2022 noch unverändert zu lassen.

Kommentar – Der Chefökonom

Die EZB setzt die Reputation des Euros aufs Spiel

Von: Bert Rürup

Die Bemühungen, die Gemeinschaftswährung als Weltwährung zu etablieren, drohen zu scheitern. Nun ist geldpolitisches Umsteuern gefragt.

Am 2. Mai 1998 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU die Einführung des Euros, der langfristig die Gemeinschaftswährung der gesamten Staatengemeinschaft werden sollte. Bundeskanzler Helmut Kohl war sich damals durchaus bewusst, dass er damit gegen den Willen einer breiten Bevölkerungsmehrheit handelte.

In einem später bekannt gewordenen Interview bestätigte er: „In einem Fall (Einführung des Euros) war ich wie ein Diktator.“ Er habe diese Entscheidung aber getroffen, weil er den Euro als „ein Synonym für Europa“ ansehe und in der Gemeinschaftswährung eine einzigartige Chance für das friedliche Zusammenwachsen Europas sehe.

Der Euro war stets mehr als ein rein ökonomisches Projekt. Viele deutsche Ökonomen und Politiker verbanden mit dieser Gemeinschaftswährung die Hoffnung, dass namentlich die Länder Südeuropas die Sinnhaftigkeit moderater Lohnabschlüsse und solider Staatsfinanzen erkennen würden; denn mit dem Euro entfielen Zins und Wechselkurs als Instrumente nationaler Wirtschaftspolitik, und die Arbeitskosten verblieben als wichtiger Parameter.

Demgegenüber hegte ein großer Teil der potenziellen Euro-Länder die Hoffnung, mit der gemeinschaftlichen Währung würden die wirtschaftliche Vormachtstellung Deutschlands und die geldpolitische Dominanz der Deutschen Bundesbank gebrochen.
Zu Beginn waren die skeptischen Stimmen zahlreich und gewichtig: Eine Währungsunion ohne politische Union, die sich vor allem an den wirtschaftlich stärksten Mitgliedstaaten orientiere, sei zum Scheitern verurteilt – oder, um es mit den Worten von Nobelpreisträger Paul Krugman zu sagen: „Der Euro ist ein Triumph eines Symbols über die Substanz.“

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    Der damalige Chef der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, prophezeite 1997: „Der Euro wird kommen, aber er wird keinen Bestand haben.“ Tatsächlich war spätestens mit Ausbruch der Euro-Krise 2010 die von Kanzler Kohl und seinem Finanzminister Theo Waigel gehegte Idee einer „Europäischen Bundesbank“ gescheitert.

    EZB verlor ihr originäres Ziel

    Zumindest einen Teil dieses Preises müssen die Bürger der Euro-Zone gerade zahlen. Die EZB hat in der vergangenen Dekade zwar gelernt, wie sie mit unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen die Wirtschaft stimuliert, die Finanzmärkte befeuert und Staaten vor einer finanzwirtschaftlichen Schieflage bewahrt. Im Gegenzug verlor sie aber ihr originäres Ziel – die Gewährleistung der Geldwertstabilität – ein Stück weit aus den Augen und beschritt stattdessen den Weg einer rhetorisch-semantischen Politik der Zielanpassung nach oben.

    Erst beharrte die EZB darauf, die hohe Teuerung sei auf Sondereffekte zurückzuführen, die sich rasch verflüchtigen dürften. Als nicht mehr zu übersehen war, dass dies nicht der Fall sein werde, betonte sie, eine hohe Preisdynamik sei erst dann nachhaltig, wenn diese durch stärkere Lohnsteigerungen fundiert werde.

    Trotz steigender Inflationsraten in allen Euro-Ländern legte sich die EZB-Führung fest, die Leitzinsen auch 2022 noch unverändert zu lassen. Dabei wurde auf ihr neues, selbstgestecktes „symmetrisches Inflationsziel“ verwiesen, das auch längere Phasen von mehr als zwei Prozent Teuerung zulasse. Für die EZB gelte es daher jetzt, ihre Geldpolitik „geduldig und beharrlich“ fortzusetzen, sagte Notenbankchefin Christine Lagarde.

    „Es scheint, als verdränge die EZB ohne Not das Risiko, dass sich ihre Inflationsprognose als zu niedrig erweisen könnte“, lautete die nachvollziehbare Mahnung von Ex-EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing, der „die Gefahr einer Vertrauenskrise mit bedenklichen Auswirkungen auf die Inflationserwartungen“ sieht.

    Der scheidende Bundesbank-Präsident Jens Weidmann pflichtet bei, die EZB dürfe sich nicht zu lange auf die derzeit sehr lockere geldpolitische Linie festlegen. „Wir sollten nicht das Risiko einer zu hohen Inflation außer Acht lassen und (…) wachsam bleiben.“

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup

    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

    Die Finanzmärkte haben ihr Urteil bereits gesprochen. Während die Börsen in Deutschland und anderen europäischen Staaten neue Höchststände erreichten, erlitt der Euro einen Schwächeanfall. In dieser Woche rutschte der Kurs der Gemeinschaftswährung zum Dollar unter die Marke von 1,12. Seit Anfang Juni verlor der Euro rund zehn Cent gegenüber dem US-Dollar.

    Nun mag man darüber streiten, ob der Schaden einer deutlichen Abwertung den Nutzen überwiegt oder umgekehrt. Vermutlich dürfte ein Vertreter der italienischen Wirtschaft darüber anders urteilen als der CEO eines deutschen Unternehmens. Schließlich war es zu D-Mark- und Lira-Zeiten üblich, dass ein Land wie Italien die internationale Wettbewerbsfähigkeit seiner Exportwirtschaft durch Abwertungen stabilisierte. Die in hohem Maße exportorientierte deutsche Wirtschaft war hingegen mit zahlreichen Aufwertungen konfrontiert, was ihre Produkte auf den Weltmärkten zwar teurer werden ließ, aber die Industrie zu kontinuierlichen Effizienzsteigerungen antrieb.

    Euro erleidet Schwächeanfall

    Unbestritten ist, dass die Abwertung des Euros gegenwärtig die Inflation weiter beschleunigt. Die zuletzt von Eurostat gemeldeten 4,1 Prozent Teuerung im Oktober dürften noch nicht das Ende des nicht zuletzt importierten Inflationsschubs sein. Gerade Energie und Rohstoffe werden auf den Weltmärkten durchweg in Dollar notiert – selbst bei konstanten Notierungen müssen Importeure also mehr bezahlen, wenn die eigene Währung abwertet.

    Unbestritten ist auch, dass solch ein Schwächeanfall alle Bemühungen der Vergangenheit, den Euro als Weltwährung zu etablieren, konterkariert. Welche Notenbank wird ihre Reserven schon in einer Währung anlegen, deren verantwortliche Zentralbank unübersehbare Inflationssignale ignoriert?

    Noch im Frühjahr dieses Jahres hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach einem EU-Gipfel mit Bedauern festgestellt, dass die Rolle des Euros in den vergangenen Jahren „nicht stärker“ geworden sei, und daher gefordert: „Wir müssen alles tun, um den Euro als wichtige Weltwährung zu platzieren, ohne uns dabei zu überheben.“ Auch EZB-Chefin Lagarde hatte damals Bemühungen zur nachhaltigen Etablierung des Euros als Weltwährung neben dem US-Dollar noch zugestimmt.

    Denn die Vorteile einer nationalen Währung, die als Weltwährung gilt, liegen auf der Hand. So können die USA selbstbedruckte Papierscheine gegen jegliche Art von Waren und Dienstleistungen aus aller Welt tauschen; nur dank der Hegemonie des Dollars können sie ihre gigantischen Handels- und Haushaltsdefizite finanzieren. Zudem gehen US-Unternehmen kein Wechselkursrisiko ein.

    Und mit dem Zahlungssystem Swift verfügt die amerikanische Regierung über die schärfste nichtmilitärische Waffe, da sie einzelne Staaten faktisch vom Welthandel abkoppeln kann. Spätestens seit der Trump-Ära dürfte wohl niemand auf der Welt mehr daran zweifeln, dass die USA glaubhaft damit drohen könnten, diese Waffe auch einzusetzen – wie zuletzt gegen den Iran.

    Es wäre daher nicht nur im Interesse des Euro-Raums und damit auch der deutschen Wirtschaft, sondern auch im Interesse nahezu aller in den Welthandel integrierten Volkswirtschaften, wenn ein währungspolitisches Gegengewicht zum Dollar entstünde. Gleichzeitig würde ein als Weltwährung akzeptierter Euro dem europäischen Verbund von mittelgroßen und kleinen Staaten ein echtes weltwirtschaftliches und damit auch geopolitisches Gewicht verleihen, gerade gegenüber den Supermächten USA und China.

    Allerdings scheint der Glaube an dieses Szenario an den Finanzmärkten zu schwinden. Ohne ein geldpolitisches Umsteuern droht Europa zu einer geopolitischen Quantité négligeable zu werden. Man kann nur hoffen, dass der Philanthrop und Spekulant George Soros irrte, als er 1999 prophezeite: „Der Euro ist dazu bestimmt, eine schwache Währung zu sein.“

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