Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

18.11.2022

10:30

Kommentar – Der Chefökonom

Die Politik kreist um die Höhe des Rentenniveaus – dabei muss sie in eine andere Richtung denken

Von: Bert Rürup, Dennis Huchzermeier

Was tagespolitisch sinnvoll und wahltaktisch rational sein mag, kann sich langfristig als Irrweg erweisen. Ein zweiter Blick auf die Rentenpolitik ist notwendig.

Rentenempfänger sind die einzige Personengruppe, die das „Energiegeld“ zweimal bekommen können, einmal zusammen mit ihrer Rente und ein zweites Mal mit ihrem Lohn, sofern sie zu ihrer Rente noch etwas hinzuverdienen. dpa

Rente

Rentenempfänger sind die einzige Personengruppe, die das „Energiegeld“ zweimal bekommen können, einmal zusammen mit ihrer Rente und ein zweites Mal mit ihrem Lohn, sofern sie zu ihrer Rente noch etwas hinzuverdienen.

Je schneller die deutsche Bevölkerung altert, desto schwieriger wird es für jede amtierende Regierung, Maßnahmen zulasten der älteren und zugunsten der jüngeren Generation umzusetzen – selbst wenn sie aus rein ökonomischer Sicht durchaus geboten sein könnten.

Dies verdeutlichen zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit. Selbst Experten scheiterten daran nachzuvollziehen, wie das Bundesarbeitsministerium auf die rekordverdächtige Rentenerhöhung von mehr als fünf Prozent im vergangenen Sommer kam.

Zudem sind Rentenempfänger die einzige Personengruppe, die das „Energiegeld“ zweimal bekommen kann – einmal zusammen mit ihrer Rente und ein zweites Mal mit ihrem Lohn, sofern die Empfänger zu ihrer Rente noch etwas hinzuverdienen.

Überdies konnte man im Koalitionsvertrag nicht nur die Trivialität lesen, dass „eine gute und verlässliche Rente nach vielen Jahren Arbeit für die Beschäftigten wichtig“ ist, sondern auch das Versprechen, „wir werden daher die gesetzliche Rente stärken und das Mindestrentenniveau von 48 Prozent dauerhaft sichern“.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Allerdings darf vermutet werden, dass nur wenige der an den Koalitionsverhandlungen beteiligten Politiker – ebenso wie die große Mehrheit der Wahlberechtigten – wissen, was das Rentenniveau beziffert und vor allem, was nicht. So gibt das Rentenniveau keinen Aufschluss darüber, wie hoch die Rente im Vergleich zum letzten Nettogehalt vor Eintritt in den Ruhestand ist.

    Tatsächlich ist dieses letzte Gehalt für die individuelle Rentenhöhe nahezu irrelevant. Denn das Rentenniveau beziffert dieses Verhältnis nur für einen fiktiven Beschäftigten, der in 45 Versicherungsjahren den jeweiligen Durchschnittslohn bezogen hat.

    Vorrangiges Ziel ist nicht, Armut im Alter abzubilden

    Nach Abzug der Sozialbeiträge spricht man vom „Netto-Sicherungsniveau vor Steuern“. Dies liegt gegenwärtig bei 48,1 Prozent des aktuellen Durchschnittsentgelts. Im kommenden Jahr dürfte es auf die derzeit geltende Untergrenze von 48 Prozent sinken.

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup

    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.

    Welch suggestive Auswirkung eine Änderung der Berechnung des Sicherungsniveaus entfalten kann, zeigt folgendes Beispiel: Würde man – was angesichts einer angestrebten Regelaltersgrenze von 67 Jahren naheläge – für den fiktiven Eckrentner eine Erwerbsbiografie von 47 Jahren ansetzen, stiege das Rentenniveau um gut zwei Prozentpunkte, ohne dass sich an den Zahlbeträgen der laufenden Renten etwas ändern würde.

    Nun müsste nach Berechnungen des Ifo-Instituts der Beitragssatz von heute 18,6 Prozent auf 25 Prozent im Jahr 2050 steigen, wenn – wie zugesagt – das Rentenniveau bei den aktuellen 48 Prozent des Durchschnittslohns gehalten werden soll. Alternativ müsste die Mehrwertsteuer von 19 auf etwa 30 Prozent erhöht werden, um die immensen Bundeszuschüsse finanzieren zu können. Beides scheint heute wenig wahrscheinlich.

    Doch selbst wenn das Sicherungsniveau dauerhaft bei diesen 48 Prozent festgeschrieben würde, wäre dies keine Garantie dafür, dem vor allem in Ostdeutschland wachsenden Problem der Altersarmut zu begegnen.

    Denn anders als in den meisten anderen OECD-Ländern hat das deutsche Rentensystem nicht vorrangig das Ziel, Armut im Alter zu verhindern; vielmehr soll mit der Rente die lebenslange Arbeitsleistung abgebildet und honoriert werden. Kurzum: Wer im Laufe seines Erwerbslebens durchweg hohe Beiträge gezahlt hat, bekommt eine hohe Rente, während jene mit geringen Beiträgen eben eine niedrige Rente erhalten. Denn Umverteilung ist in Deutschland keine Aufgabe der gesetzlichen Rentenversicherung.

    Nun sind aber gerade jene Personenkreise besonders von Altersarmut bedroht, die lange Zeit nicht erwerbstätig oder nur teilzeitbeschäftigt waren, also etwa Langzeitarbeitslose, Frauen sowie Personen mit Migrationshintergrund oder ohne Bildungsabschluss.

    Eine Anhebung des Rentenniveaus erhöht deren Renten um den gleichen Prozentsatz wie die langjähriger Gutverdiener – also relativ weni IMAGO/photothek

    Einkauf

    Eine Anhebung des Rentenniveaus erhöht deren Renten um den gleichen Prozentsatz wie die langjähriger Gutverdiener – also relativ weni

    Eine Anhebung des Rentenniveaus erhöht deren Renten um den gleichen Prozentsatz wie die langjähriger Gutverdiener – also relativ wenig. Armut treffsicher bekämpfen ließe sich so nicht. Im Gegenzug ginge ein sinkendes Sicherungsniveau keineswegs mit Rentenkürzungen einher. Ein Rückgang des Rentenniveaus besagt lediglich, dass die gesetzlichen Renten langsamer steigen als die Löhne.

    Renten in Österreich und der Schweiz: Ein Blick über die Grenzen

    Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass es auch anders und besser geht. So steigen etwa in Österreich die Renten von einer im Vergleich zu Deutschland sehr viel höheren Startbasis lediglich um die – meist unterhalb des Lohnzuwachses liegende - Inflationsrate.

    Die reale Kaufkraft der Renten bleibt erhalten, aber die individuelle Ersatzrate sinkt im Zeitablauf. In den USA gibt es kein allgemeingültiges Rentenniveau, sondern so etwas wie einen Rentenniveau-Tarif. Das individuelle Einkommen wird – abhängig von jährlich anzupassenden Grenzwerten – unterschiedlich stark bei der Berechnung der Rentenhöhe berücksichtigt.

    Auch die Schweiz kennt den Begriff „Rentenniveau“ nicht. Die „Alters- und Hinterlassenenversicherung“ stellt dort die Basisversorgung dar und garantiert eine Minimalrente von aktuell 1195 Franken.

    Zudem gibt es einen „Einkommensdeckel“, ab dem die Rente nicht mehr steigt, obwohl weiterhin Beiträge gezahlt werden müssen. Diese Einkommensgrenze beträgt derzeit 86.040 Franken und begrenzt die Rente auf 2390 Franken.

    Ebenso werden die Rentenzahlbeträge von Ehepaaren gedeckelt, sodass ein Ehepaar gemeinsam nicht mehr als 150 Prozent der Maximalrente beziehen kann. Auf diese Weise wird ein umso niedrigeres Rentenniveau sichergestellt, je höher das beitragspflichtige Einkommen ist.

    Wer also wie die Partei „Die Linke“ sich als Sprachrohr der „kleinen Rentner“ versteht, der müsste eigentlich lautstark „mehr Schweiz“ fordern, anstatt – vergeblich, weil langfristig unfinanzierbar – ein Rentenniveau von 53 Prozent.

    Reform notwendig

    Zweifellos stehen angesichts der demografischen Entwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung große Herausforderungen bevor, sodass auch die Politik früher oder später nicht um unpopuläre Entscheidungen herumkommen wird.

    Eine überfällige Reform wäre eine Aufwertung von Niedrigrenten sowie eine relative Abflachung hoher Renten, also eine Abkehr vom 1957 etablierten Äquivalenzprinzip – wie dies in 30 von 38 OECD-Staaten der Fall ist.

    Dies bedürfte sicherlich einer umfassenden politischen Debatte im Parlament und in der Öffentlichkeit. Schließlich wäre die Abkehr vom Äquivalenzprinzip bei der Festsetzung der Rentenhöhe eine gravierende verteilungspolitische Entscheidung.

    Mehr Umverteilung innerhalb der Rentenversicherung böte mehr Möglichkeiten zur Vermeidung von Altersarmut innerhalb der Versicherung. Sie könnte damit zukunftssicherer, weil flexibler und anpassungsfähiger werden.

    Deutlich niedriger läge die politische Hürde für eine bereits seit langer Zeit geplante säulenübergreifende Vorsorgeinformation. Darin könnten die bestehenden individuellen Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung sowie an eine oder mehrere betriebliche und private Zusatzversorgungen gebündelt werden.

    Solch eine transparente und überfällige individuelle Übersicht über die eigenen zu erwartenden Alterseinkünfte wäre eine gute Entscheidungsgrundlage, auf der jeder Einzelne seine Sparentscheidungen treffen könnte.

    Umfragen zeigen, dass heute die meisten Menschen ihr zu erwartendes Alterseinkommen falsch einschätzen. Überdies wären solche Vorsorgeinformationen in aggregierter Form eine gute Basis für anstehende Politikentscheidungen.

    Darüber hinaus muss eine nachhaltige Politik in langen Zeiträumen und nicht in Legislaturperioden denken. Denn was tagespolitisch sinnvoll und wahltaktisch rational sein mag, kann sich langfristig als Irrweg erweisen. Dieses Risiko ist freilich der Preis einer freien Demokratie.

    Hören Sie auch den Podcast von Bert Rürup: Economic Challenges:

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×