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03.05.2022

15:31

Kommentar

Der Gegner der deutschen Autoindustrie heißt Tesla – nicht Uber

Von: Markus Fasse

PremiumBMW und Mercedes steigen aus dem Carsharing aus und verkaufen den Kern des Geschäfts an Stellantis. Das ist konsequent, birgt aber auch große Risiken.

Mercedes-Benz Daimler AG

Produktion bei Mercedes-benz in Sindelfingen

Die Modelle der Hersteller werden immer größer und teurer.

München Am Ende bleiben Floskeln. „Pionierarbeit“ habe BMW beim Aufbau der Carsharing-Plattform geleistet, lässt der Autokonzern am Tag des Abschieds verkünden. Und auch bei Mercedes verlässt man „stolz“ das Feld. Doch die Zukunft gehöre „dem Kerngeschäft im Luxussegment“, und da passt die schnelle und günstige Automiete in Städten nicht mehr zu.

Keine drei Jahre nach der Fusion der Mobilitätsdienste steigen die Autokonzerne aus. „Share Now“, eine zentrale Säule des Unternehmens „Your Now“, wird an den Stellantis-Konzern verkauft. Es ist ein Schritt, den Mercedes-Chef Ola Källenius und BMW-Chef Oliver Zipse schon lange gehen wollten. Als „Mobilitätsdienste“ hatten sie sich nie gesehen.

„Your Now“ war das letzte große Projekt ihrer Vorgänger Dieter Zetsche und Harald Krüger. Die glaubten im Februar 2019 mit dem Zusammenlegen ihrer verlustschreibenden Carsharing-Flotten und Taxidienste ein milliardenschweres Gegengewicht zu dem damaligen Branchenschreck Uber aufbauen zu müssen.

Zipse und Källenius hielten das von Beginn an für einen Fehler – kaum waren sie im Amt, begannen sie mit der Rückabwicklung. Der angekündigte Verkauf von „Share Now“ ist nun der vorerst letzte Schritt dieser Kehrtwende.

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    Der Abschied vom Carsharing-Geschäft ist ebenso konsequent wie riskant. Er ist konsequent, weil bis heute kaum ein Anbieter mit dem kurzfristigen Verleihen von Autos Geld verdient. Das gilt erst recht für den Elektrobetrieb. Einen „Albtraum“ nannte ein BMW-Manager einmal das Carsharing mit Elektroautos. Neben dem Flottenbetrieb muss der Autokonzern auch noch die Ladeinfrastruktur im Blick behalten.

    Ehemaliger BMW-Chef Harald Krüger und ehemaliger Mercedes-Benz-Chef Dieter Zetsche Bloomberg

    Harald Krüger (l.) und Dieter Zetsche im Februar 2019

    Das Gemeinschaftsprojekt der beiden damaligen Chefs von BMW und Daimler wird nun rückabgewickelt.

    Die Erkenntnis: Carsharing macht man entweder ganz oder gar nicht. Mercedes und BMW brauchen ihre Ressourcen aber, um Elektroautos zu bauen und das automatisierte Fahren einzuführen. Der Gegner heißt Tesla und nicht Uber. Elon Musk bedroht das Geschäft der deutschen Premiumhersteller viel mehr als das der Mobilitätsanbieter mit seinen gestutzten Ambitionen.

    Das Geschäftsmodell heißt Luxus

    Das hat auch mit der Pandemie zu tun: Statt Autos zu teilen wollen viele Menschen wieder ein eigenes Auto besitzen. Und das wird tendenziell immer größer und teurer. Seit Jahren steigen Gewicht, Motorleistung und damit auch der Preis der Neuwagen.

    Die Autokonzerne reagieren und streichen die Einsteigermodelle. Mercedes übergibt den Smart an seine chinesischen Partner, Audi streicht die Kompaktmodelle A1 und Q2. BMW verkündet seine Luxusoffensive: Riesen SUVs wie der X7 sind mittlerweile die Gewinntreiber in München.

    Solche Modelle können sich aber nur wenige Menschen leisten. Angebote unter 50.000 Euro Listenpreis findet man bei den deutschen Edelmarken kaum noch. Das hat auch mit den knappen Halbleitern zu tun, die für die teuren Modelle aufgespart werden. Das ist aber auch Strategie: Die Autoindustrie baut immer mehr Produkte für eine Elite und immer weniger für die Mittelschicht. Es werden nicht mehr die Massen bedient, sondern die Wohlhabenden.

    BMW und Mercedes geben den Anspruch auf, die Städte mitzugestalten

    Und damit sind wir beim Risiko. Denn die Carsharing-Töchter der Unternehmen hatten auch einen strategischen Anspruch. Sie waren Imageträger. „Share Now“ war digital und cool und brachten Mercedes, BMW und Mini mit Menschen zusammen, die nicht über den zugeteilten Dienstwagen zu Kunden werden.

    „Share Now“ war auch der Ausweis des Willens an der Gestaltung der Städte mitzuwirken und Teil einer Lösung zu sein und nicht Teil des Problems, das der zunehmende Autoverkehr in und um unsere Metropolen verursacht. „Share Now“ hatte mehr sein sollen als der schnöde Anspruch auf Soll und Haben.

    Die Milliardengewinne der Autokonzerne und die Zukunftsfähigkeit ihrer aktuellen Geschäftsmodelle passen nicht zusammen. Der Ressourcenbedarf der Autoproduktion, der Platzverbrauch des Individualverkehrs und der Energiehunger der schweren Karossen sind eine schwere Bürde für die kommenden Generationen, selbst wenn die Geländewagen der Zukunft elektrisch fahren. Dieser Weg führt in die Sackgasse.

    Das ist auch den Automanagern bewusst. So hat Ola Källenius Mercedes auf „Sustainable Modern Luxury“ verpflichtet. Oliver Zipse stellte auf der vergangenen IAA ein komplett wiederverwertbares Elektroauto vor – klein und kompakt. Wir sind gespannt, wann aus diesen Studien Autos werden. Carsharing mag für die Autokonzerne verzichtbar sein. Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung sind es nicht.

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