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10.07.2019

17:05

Kommentar

Der IWF kratzt am deutschen Selbstverständnis „Wohlstand für alle“

Von: Donata Riedel

Trotz Fehlern in seiner Kritik hat der Internationale Währungsfonds recht: Ungleiche Vermögensverteilung und Einkommensunterschiede sind ein zentrales deutsches Problem.

Der IWF warnt, in Deutschland fehle es an Umverteilung. dpa

Ein Bettler auf dem Kurfürstendamm in Berlin

Der IWF warnt, in Deutschland fehle es an Umverteilung.

Die Provokation ist gelungen. Eine neue Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit dem Titel „Vermögensungleichheit und private Ersparnisse in Deutschland“ kratzt am hiesigen Selbstverständnis, das Land des „Wohlstands für alle“ zu sein. Denn die IWF-Ökonomen diagnostizieren das Gegenteil: Deutschland ist demnach ein Land mit extrem ungleicher Vermögensverteilung und hoher Einkommensungleichheit.

Die enormen Globalisierungsgewinne deutscher Unternehmen befänden sich in den Händen nur weniger Unternehmerfamilien. Untere Einkommensschichten blieben abgehängt. Und als einen Grund für die Ballung der Wohlstandsgewinne bei dem reichsten einen Prozent der Bevölkerung hat der IWF die Stärke großer Unternehmen in Form von Personengesellschaften ausgemacht.

Der letzte Punkt ist vor allem deshalb provokant, weil Familienunternehmen sich als weniger abgehoben definieren als die wohlhabenden Schichten anderer Länder. Und weite Teile der übrigen Gesellschaft würden diese Wahrnehmung sogar teilen. Doch rein ökonomisch betrachtet sind sie die reiche Elite. Dieser Fakt ändert sich nicht dadurch, dass sich Familienunternehmer kulturell in ihrer Heimat trotz globaler Erfolge stark verwurzelt fühlen. Der Mittelstand ist nicht Mittelschicht, sondern reich, das analysiert der IWF ganz richtig.

Falsch ist allerdings die Wertung, dass es an der Unternehmensform liege, dass in Deutschland Arm und Reich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auseinanderdrifteten. Denn der Effekt, den der IWF in seiner Studie beschreibt, hat mit Firmenformen nichts zu tun.

Industriedynastien, Nachkriegsunternehmen und Start-ups gehören nicht breiten Schichten, sondern relativ wenigen Menschen. Man nennt dies seit Karl Marx Kapitalismus. Diese Art sich selbst verstärkender Ungleichheit findet sich grundsätzlich, und oft noch stärker ausgeprägt, auch in den USA, China, Japan, Korea und vielen anderen EU-Staaten.

Diesen Befund teilen auch ältere Analysen des IWF, der OECD und deutscher Wirtschaftsforscher: Das Vermögen der Reichsten, zu dem auch Grundstücke und Immobilien zählen, ist erheblich schneller als Löhne und Gehälter von Arbeitnehmern gewachsen, die obersten Einkommen legten ebenfalls am stärksten zu. Arbeitnehmer mit geringen Ersparnissen hingegen sind ungleich härter von Niedrigzinsen betroffen. In Deutschland ist dieser Effekt stark ausgeprägt, weil es viele Mieter und wenige Immobilienbesitzer gibt.

Deutschland fehlt es an Umverteilung

Worauf der IWF zu Recht hinweist: Auch in Deutschland kommen die Globalisierungsgewinne nur bei einer schmalen Elite an. Provakant ist das, weil damit ausgerechnet der IWF, der noch immer als erzkapitalistische Organisation wahrgenommen wird, in nie gekannter Deutlichkeit mahnt: Deutschland fehlt es an Umverteilung.

Nach dieser zutreffenden IWF-Analyse hat die Soziale Marktwirtschaft eine Schlagseite hin zum Markt. Diese hat sich vor dem Hintergrund der Globalisierung in zwei Phasen vollzogen: Nach der Öffnung Osteuropas gerieten zuerst die Löhne unter Druck, die Macht der Gewerkschaften schwand, die Arbeitslosigkeit explodierte.

Die damalige rot-grüne Bundesregierung konzentrierte ihre Wirtschaftsreformen zu Recht darauf, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu erhöhen. Das gelang so gut, dass seit 2005 – Phase zwei – deutsche Unternehmen auf den neuen Märkten Asiens enorm erfolgreich auftreten konnten.

Die Finanzkrise blieb hierzulande anders als in anderen EU-Staaten nur eine kurze Rezessionsepisode, auch weil China damals die Nachfrage nach Maschinen, Autos und Chemie ankurbelte und die Industrie ihre Arbeitnehmer nur in Kurzarbeit, nicht in die Entlassung, schickte – ein Vorteil auch der Familienunternehmerkultur. Vom Anstieg der Unternehmensgewinne profitierten die Beschäftigten in Form sichererer Arbeitsplätze. Die Niedrigzinsen stützten diesen Nach-Finanzkrisen-Aufschwung, schadeten aber Kleinsparern.

Eine solche Steuerentlastung enthält sozialen Sprengstoff

Damit steht die Politik heute wieder vor der eigentlich sehr alten Frage, wie sie den Wohlstand an alle verteilt. Zuallererst muss sie dazu anerkennen, dass Deutschland dieses Problem des Reichtums für nur wenige hat. Es zeigt sich im Niedriglohnsektor, in der Angst der Großstadtmieter vor dem Wohnungsverlust, in abgehängten ländlichen Regionen. Das Dilemma: Die digitale Revolution verstärkt in ihrer heutigen Form schnell wachsender disruptiver Start-ups auf dem Weg zum Weltmonopol das Problem noch.

Gleichzeitig lässt der globale Wettbewerb Forderungen hochkommen, den Standort Deutschland etwa durch Steuerentlastungen für Unternehmen zu stärken. Der Nebeneffekt einer solchen Reform jedoch wäre ein weiterer Vorteil für die Reichsten. Eine solche Steuerentlastung enthält damit sozialen Sprengstoff und ist keine gute Idee.

Kommentare (8)

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Herr Christian Faust

11.07.2019, 18:13 Uhr

...Die Agenda 2010 hat vor allen Dingen die "Unter" Schicht zu Reformen "gebracht". So das das wiedervereinte Deutschland zum Laufen kam. Rot/Grün machten machte aber noch mehr, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Der Spitzensteursatz viel von 53% auf 42%. Die Steuer auf Erlöse durch Verkäufe von Tochtergesellschaften sank drastisch. Im Finanzsektor wurden zahlreiche Deregulierungen (Asmussen) durchgesetzt. Geholfen hat es Rot/Grün...nichts. Die oberen 10% sollten statt mehr Steuern verpflichten in einen Staatsfond für Umwelt, Bildung und Infrastruktur einzahlen. Die unteren 50%, die ca. 2% des Bruttosozialvermögens Deutschlands "besitzen" werden auf jeden Fall nicht dazu beitragen.

Herr Frank Krebs

11.07.2019, 18:18 Uhr

Das zentrale Problem ist, daß die Deutschen keine Ahnung von Geldanlage haben. Was soll man auch erwarten von einem Volk, das seine Altersversorgung dem Staat überläßt. Die Deutschen haben 10 jahre Wohlstandsmehrung verpasst weil sie auf steigende Zinsen gewartet haben. Jetzt ist es zu spät. Die Ungleichheit ist zementiert.

Herr Helmut Metz

11.07.2019, 19:09 Uhr

Die IWF-Elfenbeinturm-"Ökonomen" sehen natürlich nicht, was die EIGENTLICHE Ursache dafür ist, dass "die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer" werden: nämlich der CANTILLON-EFFEKT aufgrund der Ausweitung der Geld- = Kreditproduktion!!!
"Der Cantillon-Effekt bezeichnet in der Ökonomie den Effekt, dass sich eine Erhöhung der (Giral-)Geldmenge (Nettokreditvergabe) nicht automatisch gleichmäßig auf alle Bereiche einer Volkswirtschaft verteilt, sondern in Stufen, wobei manche Bereiche (insbesondere der Banksektor, andere staatsnahe Firmen, der Unternehmersektor und politisch begünstigte Gruppen) zuerst profitieren, während der Rest der Volkswirtschaft später folgt oder gar nicht von der Geldschöpfung profitiert. Verlierer im Prozess der Geldschöpfung sind diejenigen, bei denen das Geld gar nicht landet, die aber dennoch die wegen der kreditschöpfungsbedingten Inflation gestiegenen Preise zahlen müssen. (...)
Eine exzessive Kreditvergabe, die heute nicht nur durch die Zentralbank, sondern durch die private Schöpfung von Giralgeld erfolgt, trägt dazu bei, dass nur die Kreditnehmer aus der Geldschöpfung Nutzen ziehen. Einkommensschwache Schichten sind ohne Sicherheiten jedoch nicht in der Lage, Kredite zu erlangen. Daher vergrößert eine großzügige Kreditvergabe die Einkommensungleichheit"
https://de.wikipedia.org/wiki/Cantillon-Effekt

-> Unser bestehendes "Geld"-System selbst fördert also eine gravierende Ungleichheit!!!
Die einzig WIRKLICHEN Lösungen, die der IWF jedoch GARANTIERT nicht vorschlagen wird, sind daher auch:
1. Abschaffung der Zentralbanken
2. Austrocknung des Fractional Reserve Banking der Geschäftsbanken

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